Alter Jüdischer Friedhof (Jerusalemplatz) soll „Ort des Erinnerns“ werden

Zentraler Gedenkstein soll an jüdisches Leben in Fulda erinnern

2. Sitzung des Ausschuss für Bauwesen, Klimaschutz und Stadtplanung.

Am vergangenen Dienstag (10.05.2022) kamen die Stadtverordneten des Ausschusses für Bauwesen, Klimaschutz und Stadtplanung im Umweltzentrum Fulda, dem seit Herbst 2020 neu formulierten „Zentrum für Nachhaltigkeit, Gartenkultur und Tierpädagogik e.V.“ in der Fulda-Aue zusammen. Dort erfuhren die Ausschussmitglieder von Geschäftsleiter Timo Heumüller alles Wissenswerte über den eingetragenen Verein, dem Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld (1. Vorsitzender) und Joachim Schleicher vom BUND – Kreisverband Fulda e.V. (2. Vorsitzender) vorstehen. Mehr als ein Viertel Jahrhundert alt, ist das Umweltzentrum Fulda damals wie heute Anlaufstelle für Menschen, die sich dem Schutz, der Bewahrung des Klimas und der Artenvielfalt sowie der Umwelt und der Natur verschrieben haben. Demnach ist das Umweltzentrum ein Ort des Lernens und Erfahrens von und miteinander. Bezugnehmend dem Antrag Nr. 20 der CDU-Stadtverordnetenfraktion bezüglich der Ausführungsplanung Schlossgarten (vom 08.11.2021) gab Stadtbaurat Daniel Schreiner (parteilos) ein Zwischenbericht. Im Jahr 1994 wurde der erste Versuch unternommen, die damals als ‚Englischer Landschaftsgarten‘ gestaltete Fläche in einem Schritt zu barockisieren. Die Axialität wurde zurückgebracht und in der Mitte das Wasserhaus errichtet. Weitere Maßnahmen gab es seinerzeit nicht.“

Wilhelm von Oranien Nassau brachte den Klassizismus nach Fulda

Geschäftsleiter Timo Heumüller

Der Englische Landschaftsgarten entstand seinerzeit, als Wilhelm von Oranien, der – bevor dieser König der Niederlande wurde – zuvor Fulda einige Jahre als Fürst regierte, das Schloss in sein Eigentum bekam. Wilhelm von Oranien brachte viele Modernisierungsschübe nach Fulda – und er brachte den Klassizismus nach Fulda. „Der Barock war ihm fremd, demnach ist es logisch, dass wir diese Bipolarität im Stadtschloss finden; Wir haben den kompletten Nordflügel im Innern des Stadtschlosses im Klassizismus gestaltet. Wilhelm hat sich gerne im Nordflügel aufgehalten und er hatte natürlich das Bestreben, dass die Gartenanlage diesem Nordflügel auch zugeordnet war. Sein Ziel war es, den barocken Garten, den Englischen Landschaftsgarten, den er vorfand, umzugestalten, tat dies aber mit Verstand. Er ließ diesen Garten ausmessen. Pläne, die nach dem Willen Wilhelms ausgemessen worden waren, sind bis heute im Archiv im Original erhalten.“

Die Spätbarocke Kaisersaalterrasse – Deutschlandweit eine Besonderheit

Im Kontext der Bauarbeiten im Fuldaer Schlossgarten sollen, so Stadtbaurat Schreiner, die Wiesenflächen im Parterre nicht aufgegeben werden. Der Park ist nicht nach Norden ausgerichtet. „Was wir nicht originalgetreu gestalten werden, ist, die Wiesenflächen im Parterre aufzugeben. Dies aus zwei Gründen: Einerseits ist der Baumbestand im Parterre – größtenteils noch im Original – aus der Zeit von Wilhelm von Oranien vorhanden. Zweitens haben die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt diesen Park so angenommen. Die vier Kompartimente werden auf die Originalgröße angepasst. Die Bäume, die wir für überlebensfähig erachten und die durch Grabungen keinen Schaden nehmen, werden selbstverständlich erhalten bleiben. Mit dieser Gestaltung überlagern sich künftig dann zwei interessante Zeitschichten: Die originalen Wiesenflächen und die Originalbäume aus dem Englischen Landschaftsgarten und die Wegeführung und die Axialität des rebarockisierten Schlossgartens.“ An der Orangerie ändert sich wenig. Lediglich in der Mitte wird ein Feld mit Sandsteinplatten eingefügt. Die größte Veränderung im Kontext der Baumaßnahmen im Schlossgarten gibt es an der Kaisersaalterrasse. Sie wird im Original wieder hergerichtet. Bei der Kaisersaalterrasse handelt es sich um eine spätbarocke bzw. Rokoko-Anlage, die im deutschlandweiten Vergleich sehr selten ist. Dies dürfte nicht nur für die Touristen interessant sein, sondern auch für die Fuldaerinnen und Fuldaer. Die Baumaßnahmen im Fuldaer Schlossgarten sind mit Gesamtkosten von 2,7 Mio. Euro veranschlagt. 1,6 Mio. Euro gibt es als Förderung durch ein Bund-Länder-Förderprogramm. Die Bauarbeiten im Schlossgarten sollen bestenfalls pünktlich zur Landesgartenschau im kommenden Jahr abgeschlossen sein. Von kleinen Hindernissen oder Verzögerungen wolle man sich, so Stadtbaurat Daniel Schreiner, nicht abhalten lassen, Kurs zu halten. Ob die Bauarbeiten allerdings bis zum 27.04.2023 abgeschlossen sein werden, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden, hieß es am Dienstag. Ein wichtiger Grund für die Schlossgartensanierung war, so Stadtbaurat Schreiner, dass die Wege nach normalem Regenguss fasst gar nicht mehr begehbar gewesen sein sollen, geschweige denn nach einem Unwetter.

Erinnerung und kulturelles Gedächtnis – Ein Stück jüdisches Leben in Fulda

Ein weiterer markanter Themenschwerpunkt in der Ausschusssitzung, über den man sich rege austauschte, war der letzte Tagesordnungspunkt, Nr. 11, die Umgestaltung des Jerusalemplatzes, der einen Prüfantrag (Nr. 80) aus dem Jahr 2021 der CWE-Stadtverordnetenfraktion (vom 09.11.2021) und einen Haushaltsantrag Nr. 128, ebenfalls aus dem Jahr 2021 der Stadtverordnetenfraktion Bündnis 90/Die Grünen (vom 09.11.2021), zum Gegenstand hatte. Aufgrund der Historie ist der Jerusalemplatz, eingebettet zwischen der Rabanusstraße und Lindenstraße in der Fuldaer Innenstadt, ein sehr beliebtes Thema in Fulda, was die städtischen Gremien dazu veranlasste, ihm, den einstigen religiösen Ort, eine angemessene Erinnerungskultur zu geben. Ein Zwischenbericht zum konkreten Vorhaben gab am Dienstagabend Stadtbaurat Daniel Schreiner. „An diesem zentralen Ort soll etwas Wichtiges entstehen. Etwas Wichtiges, wo sich dran ablesen lässt, was einst in Fulda geschehen ist“, stellte Stadtbaurat Schreiner in seinen einleitenden Worten heraus. Und weiter: „Bei dem Platz ‚Alter Jüdischer Friedhof‘ handelt es sich um eine Grünfläche im Herzen der Stadt. Hier wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts bestattet, dann wurde der Friedhof geschlossen.

Zollamt am Jerusalemplatz führte zu internationalen Verwicklungen

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Gleichwohl – und das ist bekannt – bleibt dem bestatteten Leichnam ein Ewigkeitsrecht und es wird an ihn erinnert. Es folgten die dunklen Jahre des Nationalsozialismus. Die Nationalsozialisten waren natürlich darauf bedacht, den Alten Jüdischen Friedhof zu beseitigen, was ihnen nicht gelang. Schlimmer jedoch ist, dass in der Nachkriegszeit ein Zollamt auf dieser Fläche errichtet wurde, was zu internationalen Verwicklungen führte. Die Kritik damals war berechtigt. Das Zollamt steht bis heute, glücklicherweise ist es geglückt, ein ‚Erinnerungsort‘ in dem Gebäude Zollamt unterzubringen. Diesen Erinnerungsort kann man bei Beachtung der Öffnungszeiten aufsuchen. Leider wird dieser Ort zu wenig wahrgenommen, weshalb man keinerlei Verbindung zur Bedeutung der eigentlichen Gedenkstätte hat. Verstärkt wird dies durch die Tatsache, dass der Alte Jüdische Friedhof in derselben Zeit zu einer Grün- und Freizeitfläche umgestaltet wurde und seinerzeit in dieser Funktion im Stadtgebiet wirkt.“ Vor dem Hintergrund der Gründung der Arbeitsgruppe „Jüdisches Leben in Fulda“ und vorausgegangener intensiver Recherchen zur Stadtgeschichte und jüdischem Leben in Fulda, kam man übereinstimmend zu dem Ergebnis, den „Alten Jüdischen Friedhof“ zu einem zentralen Ort in der Fuldaer Innenstadt und damit kulturhistorisch wieder lebendig werden zu lassen. Nach Stadtbaurat Daniel Schreiner werde der Platz zwar von vielen Menschen optisch gesehen, nicht aber in seiner ursprünglichen Funktion wahrgenommen. Seiner Auffassung nach, müsste an Orten, die zentral gelegen sind, erinnert werden. Dies werde allerdings nach sich ziehen, dass von der aktuell vorherrschenden Grün- und Freizeitfläche des Areals Teile weggenommen werden müssen, um den einstigen, fälschlicherweise als „ehemaliger Jüdischer Friedhof“ titulierten „Alten Jüdischen Friedhof“ in seiner Erinnerungskultur wieder lebendig werden zu lassen. Entstehen soll wie aktuell vorherrschend, auch eine Wiesenfläche. Der Ort, an den man erinnern möchte, soll jedoch eingefriedet und mittels Umwehrung vom restlichen Areal abgegrenzt werden. „Wir möchten einen Ort des Erinnerns schaffen. Und es soll ein Ort entstehen, wo man nicht einfach mal so hektisch drüber läuft“, so Stadtbaurat Daniel Schreiner zum Vorhaben. Tagsüber soll dieser Ort Menschen zugänglich gemacht werden. Beabsichtigt ist ein zentraler Gedenkstein mit allen Namen der Menschen jüdischer Herkunft, die einst – von bis – in Fulda gelebt haben. Das, was man an Bestand hat, werde, so Stadtbaurat Daniel Schreiner, versucht, an diesen Ort zu bringen. Dies auch als Symbol der Erinnerung. Nachts soll das umfriedete Areal, um es vor Vandalismus zu schützen, abgeschlossen werden.

„Alter Jüdischer Friedhof“ soll barrierefrei zugänglich sein

Im Moment sei man in Überlegungen, den vorderen Bereich des neu gestalteten „Alten Jüdischen Friedhofs“ hin zur Rabanusstraße abzusenken, damit das eingefriedete Areal auch barrierefrei und für Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator zu erschließen ist. Der Gestaltungswille scheint gute Chancen zu haben, realisiert zu werden, da im vorderen Bereich – so die Recherchen – nicht bestattet wurde. Des Weiteren arbeitet man an der Ausprägung der Umwehrung, die von dem bildenden Fuldaer Künstler Franz Erhard Walther gestaltet werden solle. Für die konkrete Gestaltung soll jedoch nicht etwa eine Mauer in der Farbgebung eines dunklen Betons, was an das Holocaust-Denkmal in Berlin erinnert, herhalten, sondern eine Umwehrung mit multipler- Funktion. Ein Psalm soll als Inschrift an das Vergangene in Fulda erinnern. „Ich bin sehr froh darüber, dass man darin bemüht ist, diesen ‚Platz des Gedenkens‘ nun umzugestalten, und man sich von seiner ursprünglichen Nutzung, nämlich als Freizeitfläche, distanziert und ihm einen angemessenen, würdigen Rahmen, geben zu wollen. Wichtig und richtig ist zudem, dass dieser Platz dann den Namen ‚Alter Jüdischer Friedhof‘ trägt und keinesfalls ‚Ehemaliger Jüdischer Friedhof‘ – zumal letzterer in vollkommenem Widerspruch zur jüdischen Religion steht. Eine Totenruhe währt auf ewig“, so Ute Riebold (Die PARTEI) abschließend. +++ jessica auth

Coronadaten

Der durch das RKI ausgewiesene Hospitalisierungsinzidenz-Tageswert für Hessen liegt aktuell bei 5,32 pro 100.000 Einwohner (24.06.2022). Eine Woche zuvor betrug der Wert 2,72 pro 100.000.
Letzte Aktualisierung: 26.06.2022, 06:22 Uhr
 Inzidenz7-Tage-Fallzahl
Fulda
813,8 ↑1815
Vogelsberg994,3→1049
Hersfeld
621,8 →748
Main-Kinzig662,8 ↑2795

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