80 Jahre Hessen mit Fulda: Eine Ausstellung zeigt den Wandel von Krieg, Aufbruch und Digitalisierung

Vm he0

Fulda wird im Rahmen des 63. Hessentags zum Schauplatz einer Reise durch acht Jahrzehnte Landes- und Stadtgeschichte. Die Sonderausstellung „80 Jahre Hessen mit Fulda. Menschen, Momente und Wandel“ richtet den Blick auf die Entwicklung Hessens und seiner Regionen sowie auf die Veränderungen in der Stadt Fulda – erzählt durch Bilder, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden. Gestern wurde die Fotoausstellung, die das städtische Vonderau Museum vom 2. bis zum 16. August 2026 vor dem Hintergrund des diesjährigen Hessentags zeigt, eröffnet.

Fulda, vom 12. bis 21. Juni, nach 1990 zum zweiten Mal Gastgeberin des traditionsreichen Landesfestes, steht in diesem Jahr im Zeichen gleich mehrerer bedeutender Jubiläen: Neben dem Hessentag wird auch das 80-jährige Bestehen des Landes Hessen gefeiert – ebenso wie die Beständigkeit demokratischer Werte. Vor diesem Hintergrund präsentiert das Vonderau Museum Fulda am Jesuitenplatz 2 die Sonderausstellung „80 Jahre Hessen mit Fulda. Menschen, Momente und Wandel“. Die Ausstellung lädt ihre Betrachter dazu ein, auf eine eindrucksvolle visuelle Zeitreise zu gehen.

Im Zentrum der Ausstellung steht eine umfangreiche Fotoschau, die den Wandel seit den 1940er-Jahren dokumentiert. Historische Aufnahmen aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs treffen auf aktuelle Fotografien und machen sichtbar, wie sich Gesellschaft, Kultur und Stadtbild im Laufe der Jahrzehnte verändert haben. Die Gegenüberstellung eröffnet einen Blick auf Brüche und Kontinuitäten, auf Verluste und Neuanfänge sowie auf die Entwicklung einer Region, die sich immer wieder neu erfunden hat. Ergänzt wird die Ausstellung durch den Beitrag „Von der Schreibstube zur digitalen Verwaltung“ des Hessischen Ministeriums des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz.

Der Beitrag ist Teil des Jubiläumsjahres „80 Jahre Hessen“ und zeichnet die wichtigsten Stationen der Verwaltungsentwicklung seit der sogenannten „Stunde Null“ nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach. Im Fokus steht die Transformation von der papiergebundenen Aktenführung hin zu modernen, agilen und digitalen Arbeitsweisen. Sichtbar wird dabei, wie technologische Innovationen und die fortschreitende Digitalisierung die Arbeit der Landesverwaltung verändert haben und bis heute prägen. Die Ausstellung verbindet damit mehrere Perspektiven auf die vergangenen acht Jahrzehnte.

Neben der fotografischen Annäherung an „80 Jahre Hessen“ und „80 Jahre Fulda“ entsteht ein vielschichtiges Bild der Entwicklung von Land, Stadt und Verwaltung. Die Schau erzählt von Wandel und Beständigkeit, von gesellschaftlichen Veränderungen und institutionellen Anpassungen – und von einem Bundesland, das sich seit dem Ende des Krieges kontinuierlich weiterentwickelt hat. Zur Vernissage begrüßte Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld zahlreiche Gäste aus Politik, Kirche und Kultur sowie Gesellschaft.

Nach dem musikalischen Auftakt durch das Bläserquartett „Die Brässbande“ von der städtischen Musikschule Fulda unter der Leitung von Martin Klüh würdigte er die Ausstellung als „gemeinsames Projekt von Stadt und Land Hessen im Rahmen des Hessentags.“ Wingenfeld erinnerte daran, dass Hessen nach dem Zweiten Weltkrieg als neues Bundesland entstand und der Hessentag seit 1961 dazu beiträgt, Identität, Zusammenhalt und Gemeinschaft zu stärken. Besonders betonte er die Bedeutung historischer Erinnerung für die Gestaltung der Zukunft. Die Ausstellung zeige, wie eng die Geschichte Fuldas mit der Entwicklung Hessens verwoben sei und lade dazu ein, die eigenen kulturellen Wurzeln besser kennenzulernen. Während des Hessentags ist die Ausstellung im Erdgeschoss des Museums Besuchenden kostenfrei zugänglich.

Oberbürgermeister Wingenfeld erinnerte gestern an den Entstehungskontext des traditionsreichen Landesfestes. 1961 vom damaligen Hessischen Ministerpräsidenten, Georg-August Zinn in Alsfeld ins Leben gerufen unter dem Leitmotiv ‚Hesse ist, wer Hesse sein will und sich hier und heute zu uns bekennt!‘ In diesem Satz stecke nach Wingenfeld zum einen ein hoher Anspruch sowie eine große Kraft, die wir in unserer Gesellschaft heute einmal mehr benötigten. Georg-August Zinn war seinerzeit ein Weggefährte des damaligen Fuldaer Oberbürgermeisters und Abgeordneter des Hessischen Landtags, Cuno Raabe. Beide aus dem NS-Widerstand kommend, waren mit am Aufbau der Demokratie beteiligt. „Georg-August Zinn hat den Hessentag etabliert, um Menschen durchs Feiern zusammenzubringen, aber insbesondere um Integrität und Zusammenhalt zu stiften. Unter den 5 Millionen Menschen in Hessen waren damals rund 1 Millionen Menschen Heimatvertriebene“, so Wingenfeld.

Ministerialdirigent Andreas Monz, Abteilungsleiter der Zentralabteilung im Hessischen Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz überbrachte die Grüße von Innenminister Professor Dr. Roman Poseck und dankte den Verantwortlichen des Vonderau Museums für die enge Zusammenarbeit. Er stellte den Ausstellungsteil „Von der Schreibstube zur digitalen Verwaltung“ vor, der die Entwicklung der öffentlichen Verwaltung seit 1945 dokumentiert. Der Beitrag zeige anhand historischer Exponate, Dokumente und technischer Entwicklungen den Wandel von handschriftlichen Akten und frühen Datenverarbeitungssystemen hin zu modernen digitalen Verwaltungsdiensten. Dabei werde deutlich, wie sich Verwaltung ständig an gesellschaftliche und technische Veränderungen anpassen musste. Monz hob hervor, dass eine leistungsfähige, moderne und bürgernahe Verwaltung wesentlich für das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Staat und Demokratie ist. Fulda sei hierfür ein gutes Beispiel, da die Stadt in den vergangenen Jahren zahlreiche Schritte zur Digitalisierung ihrer Verwaltungsangebote umgesetzt habe.

Beide Redner unterstrichen die Bedeutung der Ausstellung als Beitrag zur Erinnerungskultur und als Impuls für die Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Ausstellung mache deutlich, wie eng Landes-, Stadt- und Verwaltungsgeschichte miteinander verbunden seien und wie wichtig gesellschaftliches Engagement für eine lebendige Demokratie bleibe. Abschließend oblag es Museumsleiter Dr. Frank Verse die Gäste zur Ausstellungseröffnung in der Kapelle des Vonderau Museums zu begrüßen. Sein besonderer Grup galt den Vertretern des Hessischen Innenministeriums, die das Programm mit ihrer eigenen Ausstellung bereicherten. Dr. Verse dankte den Verantwortlichen für die ausgezeichnete Zusammenarbeit.

Betrachte man das Mittelalter und die Frühe Neuzeit, so Museumsleiter Dr. Verse, so seien die Beziehungen zwischen den Landgrafen von Hessen und den Fuldaer Fürstäbten beziehungsweise Fürstbischöfen häufig angespannt gewesen. „Territorialkonflikte waren an der Tagesordnung, und sowohl während des Bauernkrieges als auch im Dreißigjährigen Krieg wäre Fulda beinahe in die hessische Landesherrschaft eingegliedert worden“, sagte der Museumsleiter. Auch das Ende der Residenzstadt im Jahr 1806 sowie die Eingliederung in das Kurfürstentum Hessen nach dem Wiener Kongress seien in Fulda nicht überall mit Begeisterung aufgenommen worden – zumal die neuen Landesherren evangelisch waren. Glücklicherweise gehöre dies längst der Vergangenheit an. „Heute sind wir in Fulda und Osthessen stolz darauf, Teil des starken Bundeslandes Hessen zu sein. Gleichzeitig dürfen wir mit Selbstbewusstsein feststellen, dass auch Hessen froh sein kann, auf unsere kulturell und wirtschaftlich starke Region zählen zu können“, sagte Dr. Frank Verse anlässlich der Ausstellungseröffnung.

Als die Ausstellung konzipiert wurde, suchte man nach einer Möglichkeit, den Besuchern des Hessentages die vergangenen 80 Jahre hessischer Geschichte aus Fuldaer Perspektive näherzubringen. Im Bewusstsein, dass die Verweildauer angesichts von über 1.200 Veranstaltungen und Attraktionen begrenzt ist. Man entschied sich daher für eine Ausstellung, die anhand ausgewählter Fotografien wichtige Ereignisse aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport wieder ins Gedächtnis ruft. Die Auswahl der Ereignisse sei naturgemäß subjektiv.

„Mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 begann auch für Groß-Hessen und die dazugehörigen Gebiete die sogenannte ‚Stunde Null‘. Am Anfang standen Entnazifizierung, Wiederaufbau und die Errichtung des Bundeslandes Hessen selbst im Vordergrund. Hier wurden bereits wichtige Weichenstellungen getroffen, wie der Zuschnitt des Bundeslandes und die Festigung der Landeshauptstadt. Zu den prägenden Persönlichkeiten der Anfangsjahre gehörten auf politischer Ebene Karl Geiler, der erste, noch von den Amerikanern ernannte Ministerpräsident, sowie Christian Stock, der erste frei gewählte Ministerpräsident in Hessen sowie auf Fuldaer Seite der erste frei gewählte Oberbürgermeister und Landtagsabgeordnete Cuno Raabe.

Richtungsweisend für den wirtschaftlichen Wiederaufbau war am Ende der 40er Jahre die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark. Auch die 50er Jahre sind noch immer durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs geprägt. Erst jetzt kommen die letzten Kriegsheimkehrer zurück und die Städte zeigen noch deutliche Spuren der Zerstörung. Außerdem beginnt sich die Teilung Deutschlands zu manifestieren, was Fulda als Grenzregion zur Sowjetischen Besatzungszone besonders betrifft“, führte Dr. Verse aus.

1959 errichteten die Amerikaner die ersten Radome auf der Wasserkuppe – frühe Zeugnisse des sich verschärfenden Ost-West-Konflikts. Zugleich begann ein rasanter wirtschaftlicher Aufschwung. In Fulda steht dafür beispielhaft das Fuldamobil. Auch kulturell wurden neue Wege beschritten: Die Documenta in Kassel wurde gegründet, und in Fulda entstand mit dem Jungen Kunstkreis eine Künstlergruppe, zu der auch Franz Erhard Walther gehörte. Nicht unerwähnt bleiben soll der 76. Deutsche Katholikentag, der 1954 in Fulda stattfand.

Die 1960er Jahre waren geprägt von tiefgreifendem gesellschaftlichem Wandel. Mit dem Bau der Berliner Mauer wurde die deutsche Teilung zementiert. Die 68er-Bewegung leitete die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ein. Gleichzeitig entwickelte sich Hessen weiter zu einem bedeutenden Hochtechnologiestandort. Symbolisch dafür steht das Europäische Hauptflugkontrollzentrum in Darmstadt. Der zunehmende Wohlstand erreichte zunehmend breite Bevölkerungsschichten. Nicht zuletzt wurde 1961 durch Ministerpräsident Georg-August Zinn der Hessentag ins Leben gerufen. Sein berühmter Ausspruch „Hesse ist, wer Hesse sein will!“ hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Die 1970er Jahre brachten mit der Ölkrise einen deutlichen Dämpfer für die Wirtschaft. Autofreie Sonntage und steigende Arbeitslosigkeit prägten das Jahrzehnt. Zugleich erschütterte der Terror der RAF das Land. Die Gebietsreform veränderte die Verwaltungsstruktur Hessens nachhaltig. Für Fulda bedeutete sie 1974 den Verlust der Kreisfreiheit. Im selben Jahr wurde jedoch die Fachhochschule Fulda gegründet – ein entscheidender Schritt zur Entwicklung als Bildungsstandort.

Die 1980er Jahre begannen mit dem UEFA-Cup-Sieg von Eintracht Frankfurt. Gleichzeitig bestimmten Nachrüstungsdebatte, Waldsterben, Ozonloch, Startbahn-West-Konflikt und die Diskussion um die Atomenergie die öffentliche Wahrnehmung. Die Katastrophe von Tschernobyl verschärfte diese Debatten zusätzlich. In dieser Zeit etablierten sich die Grünen als politische Kraft. Das prägende Ereignis des Jahrzehnts war jedoch der Fall der Berliner Mauer 1989, dessen Auswirkungen in der Grenzregion Fulda unmittelbar spürbar waren.

Die 1990er Jahre begannen mit den ersten freien gesamtdeutschen Wahlen und dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1990. Europa rückte enger zusammen, was schließlich in der Einführung des Euro mündete. Mit dem Ende des Kalten Krieges verringerte sich die amerikanische Militärpräsenz in Fulda erheblich. Die Wirtschaft wurde vom Boom der Technologieunternehmen geprägt. Fulda richtete sowohl den Hessentag als auch die Landesgartenschau aus. Kulturell wurden mit der Erweiterung des Vonderau Museums in der heutigen Größe, den Domplatzkonzerten und der Reihe „Literatur im Stadtschloss“ wichtige kulturelle Akzente gesetzt.

Die 2000er Jahre standen zunächst im Zeichen einer fortschreitenden europäischen Integration. Ein Höhepunkt war die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Ebenso erinnern wir uns an den Gewinn der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2003. Der Orkan Kyrill hinterließ schwere Schäden, während die Finanzkrise 2008 auch die Finanzmetropole Frankfurt stark traf. Fulda hingegen profitierte zunehmend von seiner neuen Lage in der Mitte Deutschlands und Europas. Neue Gewerbegebiete entstanden, Kongresse und Messen etablierten sich erfolgreich.

Die 2010er Jahre waren von Krisen geprägt – Eurokrise, Flüchtlingskrise und Klimakrise bestimmten die öffentliche Debatte. Mit der Ermordung Walter Lübckes rückte zudem die Gefahr des Rechtsextremismus in den Fokus. Darüber hinaus gab es aber auch viele positiven Entwicklungen. Seit 2013 gehört der Bergpark Wilhelmshöhe zu den Weltkulturerbe-Städten, in Frankfurt a. M. wird 2018 die neue Altstadt eröffnet und mit der Herausgabe des Langenscheidts Wörterbuchs „Hessisch“ wurde ein Meilenstein zur Verständigung zwischen Hessen und dem Rest der Republik gesetzt. Natürlich nicht zu vergessen sei hier der legändere Sieg gegen Brasilien und das 7:1 bei der Weltmeisterschaft 2014. In Fulda entstanden mit dem Genussfestival 2013 und dem Musicalsommer 2014 zwei überregional erfolgreiche Veranstaltungsformate. Das Jubiläum „1.000 Jahre Markt-, Münz- und Zollrecht“ sowie die Auszeichnung als „Sternenstadt“, die Fulda seit 2019 tragen darf, setzten weitere Höhepunkte.

„In den 2020er Jahren setzt sich leider mit dem Anschlag in Hanau rechtsradikaler Gewalttaten fort. Die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Einschnitte in den Alltag waren prägend. Auch der für 2021geplante Hessentag in Fulda fiel der Pandemie zum Opfer. Einzig die Ausstellung zum 75. Jubiläum der Hessischen Verfassung im Vonderau Museum konnte der Pandemie trotzen. Das Dürrejahr 2022 hat in weiten Teilen Europas bis heute deutlich sichtbare Spuren hinterlassen. Gleichzeitig wurde der Ausbau erneuerbarer Energien weiter vorangetrieben. Die wirtschaftlichen Herausforderungen wurden durch den russischen Angriff auf die Ukraine zusätzlich verschärft.

2022 konnte in Fulda mit der Villa Franz Erhard Walther und dem Deutschen Fastnachtsmuseum gleich zwei neue Museen eröffnet werden. Gemeinsam mit weiteren Einrichtungen bilden sie heute den Verbund der Fulda Museen mit insgesamt 13 Häusern. Damit ist Fulda eine der abwechslungsreichsten Museumslandschaften in Hessen. Im Jahre 2023 wurde in Fulda sehr erfolgreich die Landesgartenschau durchgeführt. Die Eröffnung der Ausstellung oblag mit Vera und Max Dudyka dem anwesenden Hessentagspaar, aus diesem sich in der Zwischenzeit mit Töchterchen Flora eine kleine Hessentagsfamilie formiert hat. +++ jessica auth


Popup-Fenster

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*