Es sind oft die unscheinbaren Entscheidungen aus Behörden in Bonn, die das Leben in vielen Orten unmittelbarer verändern als große politische Debatten in Berlin. Die Freigabe des Bundeskartellamts für den Erwerb von 36 Tegut-Filialen durch die Tante Enso Süd-West gehört dazu. Was nach einer nüchternen Mitteilung aus dem Wettbewerbsrecht klingt, ist für zahlreiche Gemeinden in Hessen, Thüringen und Nordbayern eine Nachricht mit weitreichender Bedeutung. Denn hinter Aktenzeichen und Prüfverfahren steht die Frage, wie Nahversorgung künftig dort funktioniert, wo der nächste Supermarkt nicht selbstverständlich zur Infrastruktur gehört.
Das Bundeskartellamt hat den Erwerb der 36 Filialstandorte der tegut aus Fulda durch das Bremer Unternehmen freigegeben. Nach Auffassung der Behörde bestehen gegen die Übernahme keine wettbewerbsrechtlichen Bedenken.
„Tante Enso verfügt bislang über eine vergleichsweise geringe Marktstellung im Lebensmitteleinzelhandel und ist vor allem in ländlichen Regionen tätig. Weder die Größe des Vorhabens noch die Marktstellung der Erwerberin gaben Anlass zu wettbewerblichen Bedenken. Die Übernahme stärkt einen kleineren Wettbewerber in einem Markt, der von wenigen großen Unternehmensgruppen geprägt wird. Zugleich kann sie die Nahversorgung in den betroffenen Regionen sichern“, erklärte Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes.
Es ist eine bemerkenswerte Begründung. Während Zusammenschlüsse im deutschen Lebensmitteleinzelhandel häufig die Sorge vor noch größerer Marktmacht einzelner Konzerne auslösen, erkennt die Behörde hier das Gegenteil: die Chance, einem kleineren Anbieter Raum zu geben. Der Markt wird seit Jahren von wenigen großen Unternehmensgruppen bestimmt. Dass nun ein Unternehmen wächst, das bislang eine vergleichsweise geringe Marktstellung besitzt, verändert zwar nicht die Kräfteverhältnisse im gesamten Bundesgebiet. Für viele kleinere Orte kann diese Entscheidung jedoch einen Unterschied machen.
Die Erwerberin gehört zur Tante Enso-Gruppe mit Sitz in Bremen. Das Unternehmen betreibt derzeit knapp 90 überwiegend kleinflächige Lebensmittelmärkte im ländlichen Raum. Die Standorte werden in einem hybriden Konzept geführt. Während eines Teils der Öffnungszeiten sind Mitarbeitende vor Ort, außerhalb dieser Zeiten können Kundinnen und Kunden die Märkte autonom als Smart Stores nutzen. Der Zugang erfolgt dabei über eine Kundenkarte, der Einkauf über Selbstbedienungskassen. Die Umsatzerlöse der Tante Enso-Gruppe beliefen sich im Jahr 2025 auf rund 40 Millionen Euro.
Die nun erworbenen 36 Tegut-Standorte erzielten im Jahr 2025 Umsätze von insgesamt rund 60 Millionen Euro. Dies entspricht etwa fünf Prozent des Gesamtumsatzes von Tegut. Die Standorte befinden sich überwiegend in ländlichen Regionen in Hessen, Thüringen und Nordbayern.
In Hessen wird die Entscheidung in besonderer Weise sichtbar. Zu den Standorten, die künftig zu Tante Enso gehören, zählen Petersberg, Hünfeld-Mackenzell, Petersberg-Steinau, Poppenhausen, Ebersburg-Schmalnau im Landkreis Fulda. Hinzu kommen Wesertal-Gieselwerder im Landkreis Kassel, Marburg, Biebergemünd-Bieber und Steinau an der Straße im Main-Kinzig-Kreis, Niedernhausen im Rheingau-Taunus-Kreis, Eschwege im Werra-Meißner-Kreis sowie Haina-Löhlbach im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Im Vogelsbergkreis betrifft die Übernahme die Standorte Feldatal, Freiensteinau, Kirtorf und Herbstein-Stockhausen. Für viele dieser Orte ist der Lebensmittelmarkt weit mehr als ein Geschäft. Er ist Teil des Alltags, Treffpunkt und ein Stück Selbstverständlichkeit.
Die wettbewerbliche Prüfung hat ergeben, dass das Vorhaben unter den gegebenen Umständen nicht zu einer erheblichen Behinderung wirksamen Wettbewerbs führt. Hierfür waren insbesondere die nur geringfügigen Überschneidungen zwischen dem bisherigen Filialnetz der Tante Enso-Gruppe und den Zielstandorten maßgeblich.
Die Entscheidung steht zugleich am Ende einer Entwicklung, die im Frühjahr begonnen hatte. Die tegut… gute Lebensmittel GmbH & Co. KG gehört seit 2013 zur Genossenschaft Migros Zürich. Die Genossenschaft hatte im März 2026 angekündigt, sich aus dem deutschen Markt zurückzuziehen und die Tegut-Gruppe vollständig zu veräußern. Damit begann die Neuordnung eines traditionsreichen Unternehmens, dessen Wurzeln in Fulda liegen und das über Jahrzehnte das Bild des Lebensmitteleinzelhandels in weiten Teilen Hessens geprägt hat.
Bereits zuvor waren beim Bundeskartellamt weitere Erwerbsvorhaben im Zusammenhang mit dem Verkauf von Teilen der Tegut-Gruppe angemeldet worden. Die Übernahme eines umfangreichen Filialpakets sowie weiterer Unternehmensteile durch Unternehmen des EDEKA-Verbunds und der Erwerb eines weiteren Filialpakets durch die REWE-Gruppe werden derzeit in laufenden Hauptprüfverfahren untersucht. Dabei prüft das Bundeskartellamt die Auswirkungen der Vorhaben auf die Absatzmärkte des Lebensmitteleinzelhandels sowie auf die Beschaffungsmärkte und befragt hierzu auch Lieferanten verschiedener Produktgruppen.
Während die großen Verfahren noch offen sind, ist für 36 Standorte bereits Klarheit geschaffen worden. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Botschaft dieser Entscheidung. Nicht jede Veränderung im Einzelhandel führt zwangsläufig zu mehr Konzentration und weniger Auswahl. Manchmal eröffnet sie die Möglichkeit, neue Wege zu gehen, ohne die Versorgung vor Ort aufzugeben. Für die Menschen in den betroffenen Gemeinden zählt am Ende vor allem, dass die Türen ihres Marktes geöffnet bleiben. In vielen Dörfern ist das keine Selbstverständlichkeit mehr.
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