Die Energiewende wird häufig als Frage der Technologie diskutiert. Die neue Regionalauswertung des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme für den Landkreis Fulda zeigt jedoch vor allem eines: Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die vorhandenen Potenziale tatsächlich nutzbar zu machen – und zwar zu vertretbaren Kosten für Wirtschaft und Gesellschaft, heißt in der Regionalauswertung für den Bezirk der IHK Fulda.
Die vergangenen Wochen haben erneut verdeutlicht, wie stark Deutschland weiterhin von fossilen Energieträgern abhängt. Diese Abhängigkeit ist längst nicht mehr allein eine klimapolitische Herausforderung, sondern zunehmend auch ein geostrategisches Risiko. Zugleich haben zuletzt immer wieder Gaskraftwerke aufgrund des Merit-Order-Prinzips den Strompreis bestimmt und damit erhebliche Kostensteigerungen ausgelöst. Gerade für die zahlreichen mittelständischen Industriebetriebe in der Region Fulda sind wettbewerbsfähige Energiepreise jedoch eine zentrale Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg.
Vor diesem Hintergrund fällt die zentrale Erkenntnis der Regionalauswertung bemerkenswert aus. Der Landkreis Fulda verfügt über erhebliche Potenziale bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Um den künftigen Strombedarf und die Möglichkeiten der regionalen Energieversorgung zu untersuchen, hatte die Industrie- und Handelskammer Fulda das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg mit einer detaillierten Analyse beauftragt. Kostenaspekte waren dabei nicht Gegenstand der Untersuchung.
Der heutige jährliche Strombedarf im Landkreis Fulda liegt nach den Berechnungen bei rund 1,1 Terawattstunden. Bis zum Jahr 2045 erwarten die Wissenschaftler einen deutlichen Anstieg auf 2,7 bis 2,8 Terawattstunden einschließlich des Eigenbedarfs. Wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist der Verkehrssektor, dessen Elektrifizierung den Stromverbrauch in den kommenden Jahrzehnten erheblich erhöhen dürfte.
Dem steht ein beachtliches Ausbaupotenzial gegenüber. Anfang 2026 betrug die installierte Leistung erneuerbarer Energien im Landkreis Fulda 471 Megawatt und lag damit deutlich unter dem hessischen Durchschnitt. Rund drei Viertel dieser Leistung entfielen auf Photovoltaikanlagen auf Dächern. Gleichzeitig errechnete das Fraunhofer-Institut ein wirtschaftlich nutzbares Potenzial erneuerbarer Energien von insgesamt 9,1 Terawattstunden pro Jahr. Davon entfallen 4,7 Terawattstunden auf Windenergie, 2,1 Terawattstunden auf Photovoltaik-Dachanlagen, 2,0 Terawattstunden auf Photovoltaik-Freiflächenanlagen, 0,3 Terawattstunden auf Biomasse und Biogas sowie 0,01 Terawattstunden auf Wasserkraft.
Um dieses Potenzial vollständig auszuschöpfen, wäre eine installierte Leistung von rund 6,4 Gigawatt erforderlich. Selbst wenn lediglich die derzeit politisch vorgesehenen Flächenziele erreicht würden, entspräche dies einer installierten Leistung von 2,4 Gigawatt. Nach den Berechnungen könnten im Bezirk der IHK Fulda dann bilanziell 3,7 Terawattstunden Strom pro Jahr aus erneuerbaren Energien erzeugt werden. Das wäre mehr, als im Jahr 2045 voraussichtlich benötigt wird – wobei jahreszeitliche Schwankungen in dieser Betrachtung nicht berücksichtigt sind.
Für Michael Konow, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Fulda, sind die Ergebnisse daher grundsätzlich ermutigend. Der Landkreis könne seinen künftig steigenden Strombedarf bilanziell aus eigener erneuerbarer Stromerzeugung decken und darüber hinaus einen relevanten Beitrag zur Energieversorgung Hessens leisten.
Die Studie macht allerdings ebenso deutlich, dass zwischen theoretischem Potenzial und praktischer Umsetzung ein erheblicher Unterschied besteht. Als besonders aussichtsreich gilt der weitere Ausbau der Windenergie. Doch zusätzliche Erzeugungskapazitäten allein reichen nicht aus. Ohne leistungsfähige Hoch- und Höchstspannungsnetze auf den Ebenen von 110 beziehungsweise 380 Kilovolt sowie ohne systemdienliche Speicher kann zusätzlicher Strom aus erneuerbaren Quellen nicht zuverlässig in das Energiesystem integriert werden.
Hinzu kommen Zielkonflikte, die in der öffentlichen Debatte häufig unterschätzt werden. Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien steigen nicht nur die Anforderungen an die Infrastruktur, sondern auch die Fragen nach Flächenverfügbarkeit, Akzeptanz und den Kosten des Gesamtsystems. Die Energiewende bewegt sich damit in einem Spannungsfeld zwischen Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Bezahlbarkeit. Keine Form der Stromerzeugung erfüllt alle Anforderungen gleichermaßen.
Gerade deshalb warnt Konow vor vereinfachenden Vorstellungen. Eine sichere und bezahlbare Energieversorgung lasse sich weder durch einzelne Technologien noch durch politische Wunschvorstellungen gewährleisten. Notwendig sei vielmehr die behutsame Weiterentwicklung des gesamten Systems. Die Studie liefert dafür eine wichtige Grundlage, weil sie zeigt, welches Potenzial in der Region vorhanden ist und welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit daraus tatsächlich Versorgungssicherheit entsteht.
Die Zahlen aus Fulda zeichnen das Bild einer Region, die energiewirtschaftlich mehr leisten könnte, als sie selbst benötigt. Ob daraus ein Standortvorteil wird, entscheidet sich jedoch nicht auf dem Papier. Der Erfolg der Energiewende wird letztlich daran gemessen werden, ob der notwendige Ausbau von Windkraft, Photovoltaik, Netzen und Speichern gelingt, ohne Wirtschaftskraft, Akzeptanz und Bezahlbarkeit gegeneinander auszuspielen. +++

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