Johannes Helmke bereut nichts

Johannes Helmke wirkt entspannt bei unserem Treffen. Es wirkt nicht nur so. Er ist es auch. Am Samstag betreut er die Fußballer des Hünfelder SV letztmals in der Hessenliga. Nach sechs Jahren auf diesem anspruchsvollen Niveau. Das war zeitaufwändig und Nerven aufreibend – eine permanente Herausforderung. Doch niemals geht man so ganz. Dass sein blau-weißes Herz erlischen könnte, darum braucht sich niemand zu sorgen. Und dem 40-Jährigen kommt sein neues Arbeits- und Umfeld gerade recht. Er trainiert an Sebastian Herbsts Seite die Bambini weiterhin – schließlich kicken auch seine beiden Söhne Tom (8) und Toni (5) beim HSV-Nachwuchs. Zudem begleitet Johannes Helmke das Amt des 2. Vorsitzenden beim Hünfelder SV. So, als hätte sich Mario Rohde, der Mann an der Spitze des HSV, sich das in dieser Konstellation gewünscht. Der Kreis schließt sich, wenn man bedenkt, dass Helmkes Schwager Niklas Geyer als Schatzmeister fungiert.

Ob ihm denn der Samstag – der Tag des Duells gegen den bereits als Absteiger feststehenden SC Waldgirmes (15 Uhr, Rhönkampfbahn) – im Kopf herumspuke? „Schon“, antwortet er knapp, „wenn der Termin ein bisschen näher rückt, denkt man schon ein bisschen mehr oder intensiver. Ich freue mich aber auf den Tag. Und auch auf die anschließende Abschlussfeier.“ Ehe er im selben Atemzug seine innere Nähe umreißt. „Es war ja eine bewusste Entscheidung.“ Und er habe sich darauf vorbereiten können.

Die Beweggründe, die ihn zu seinem „Cut“ bewogen haben, sind nicht weit. Und er nennt sie beim Namen. „Ich höre auf, um mehr Zeit zu haben“, bekennt er. Eine Hessenliga-Mannschaft zu trainieren – sein HSV ist Achter der Tabelle und hat eine bemerkenswert positive Saison hinter sich -, sei „extrem zeitaufwändig“. Er wünsche sich mehr Flexibilität, sein Engagement sei im Ganzen sehr auf den Spielplan ausgerichtet und stets sehr eng getaktet gewesen. Ehe er das priorisiert, was eigentlich wichtig ist im Leben, was aber bei allen Fußballern oft viel zu kurz kommt. „Um mehr Zeit für die Familie zu haben“, fügt er bestimmt hinzu. Da ist seine Ehefrau Ann-Katrin. Da sind ihre drei Kinder; zu Tom und Toni kommt noch die dreijährige Rosie.

Ihr Alltag innerhalb der Familie sei immer sehr eng „gestrickt“ gewesen in der Welt der Termine, präzisiert der Berufsschul-Lehrer der Fächer Wirtschaft und Sport an der Eduard-Stieler-Schule in Fulda. Er schließt eine Bemerkung an, die man schon mal hier und da hörte und die es wert und wichtig ist, sich daraus zu befreien. „Ich will versuchen, aus diesem Hamsterrad zu rauszukommen.“ Wovon er sich auch und vor allem als Trainer freimachen möchte, das sagt er klipp und klar. Gefühle und vor allem Vernunft und Realität geben sich da die Klinke in die Hand. „Es sind nicht zuletzt diese Verpflichtungen.“ Heißt im Falle des HSV: dreimal Training pro Woche. Plus Spiel. Plus unzählige Gespräche. Trainingsvorbereitung. Analysen. Komplex ist das Aufgabenfeld von Fußball-Trainern, deren Schultern dafür gemacht worden sind, mannigfach Verantwortung zu tragen. Und zu schultern.

„Ich will aus diesem Hamsterrad an Verpflichtungen rauskommen. Und mehr freie Zeit, mehr Zeit für die Familie haben“

Die Zeit mit den Kindern sei halt sehr begrenzt gewesen, sie sind allesamt noch jung – und da die Vaterrolle zu erfüllen, ist halt so eine Sache. Verständlich ist sein Wunsch des Kürzertretens allemal. Respekt gebührt seiner Entscheidung ohnehin. „Ich war ja auch bis jetzt für sie da. Aber jetzt hab‘ ich halt mehr Zeit.“ Dieser Wunsch ist ihm fast von Lippen und Augen abzulesen. Ehe er nochmals einen kleinen Rückblick wagt: „Ich bereue nichts. Es hat Spaß gemacht. Und jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt.“ Wohl bedacht gut überlegt und frei von allem schlüpfen seine Worte aus dem Mund. Bis er anschließt: „Meine beiden Jungs sagen, Papa muss Trainer bleiben.“

Johannes Helmke. Fotos: Siegmar Larbig

Das bleibt er ja auch. Zumindest Coach des jüngeren, dem fünfjährigen Toni. Seit zwei oder drei Jahren schon coacht er mit Sebastian Herbst zusammen die Bambini des HSV. Die Nachwuchsarbeit des Vereins wird nach dem neuen Konstrukt und der Zusammenarbeit mit der TSG Mackenzell endlich wieder transparenter, zielgerichteter und effektiver – jedenfalls verspricht es das neue Gesicht so. Und Ziel des HSV muss es sein, wieder mehr Spieler gehobenen Anspruchs zu entwickeln. Es gab Zeiten, in denen die aus der eigenen Nachwuchsarbeit kamen. Und in diesem Bereich nimmt Johannes Helmke eine spezielle Rolle ein. Er unterstützt den Jugendleiter Niclas Rehm am Kopf des neuen Junioren-Gebildes.

Außerdem: „Ich bin bei der Jahreshauptversammlung als 2. Vorsitzender gewählt worden“, sagt Johannes Helmke. Es klingt nicht so, als hätte er sich in irgendeiner Art und Weise dagegen gewehrt. Kurz denkt man beim Spazierengehen im Kopf darüber nach, ob sein Blut wirklich rot ist – und nicht blau-weiß. Keine Frage, dass sich Johannes neu orientiert – zumal sein Schwager, Niklas Geyer, die Position des neuen Schatzmeisters einnimmt. Der Vorstand des Hünfelder SV schlägt ein neues Kapitel auf, und er wird in der Zeit nach den Köpfen Lothar Mihm und „Jochi“ Hess deutlich jünger. Mit Mario Rohde an der Spitze. Dessen Bruder Julian, ehemaliger HSV-Spieler, der von seinem Gastspiel als Spielertrainer bei FT Fulda zurückkehrt, und der jetzige Co-Trainer Benjamin Fuß übernehmen Helmkes Job als Trainergespann des Hessenliga-Teams.

Ob denn die Hessenliga die passende Spielklasse für den HSV sei? Johannes Helmke lässt daran keinerlei Zweifel. „Das ist eine Top-Liga für uns“, sprudelt es fast aus ihm heraus. Jahr für Jahr ist das ein großer Erfolg für Verein und Mannschaft.“ Jetzt kickt der HSV in der jüngeren Vergangenheit das dritte Jahr in Folge in der höchsten hessischen Spielklasse. Während der Corona-Zeit musste der Hünfelder SV den Weg nach unten antreten – stieg aber sofort wieder auf. „Vor vier Jahren saßen wir hier im Garten“, erinnert er an die seinerzeitige Party am und im Pool und drumherum. Und natürlich zieht er ein Fazit, wie es mit dem HSV weiterging. „Die Entwicklung in den letzten Jahren war und ist schon sehr gut. Auch, dass wir die Klasse gehalten haben in dieser starken Liga. Das ist schon stark und für Hünfeld keine Selbstverständlichkeit.“ Recht hat er.

Den Weg in die Rhönkampfbahn wird am Samstag sicher so mancher finden. Nicht umsonst begleiten Etikette wie Respekt, Anerkennung und das stimmige Verhältnis von Geben und Nehmen die Vereinsarbeit des Hünfelder SV.

Lesen Sie im zweiten Teil: Johannes Helmkes Werdegang, den Wert des HSV-Gens und die Einschätzung eines langjährigen Weggefährten. +++ rl


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