Immer mehr Regionen inländisches "Risikogebiet" - Mehrheit gegen bundesweiten Lockdown

Immer mehr Regionen in Deutschland überschreiten die kritische Schwelle von 50 Corona-Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner und gelten daher in vielen Bundesländern als "Risikogebiet". Neuerdings gehören auch die Städte Frankfurt und das benachbarte Offenbach am Main, sowie Herne in NRW dazu, außerdem in Niedersachsen die Landkreise Cloppenburg und Wesermarsch. Zuvor hatten schon Bremen, die NRW-Städte Remscheid und Hamm, die Landkreise Esslingen (Baden-Württemberg) und Vechta (Niedersachsen), sowie die vier Berliner Bezirke Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Tempelhof-Schöneberg die Marke überschritten, ab der unter anderem demnächst Beherbergungsverbote in vielen Bundesländern drohen. Berlin hat nun statistisch auch als Gesamtstadt mehr als 50 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner. Besonders heftig ist die Lage jedoch in Neukölln, wo der entsprechende Wert nun bei 133 liegt. Das bedeutet, dass bei rund jedem 750. Einwohner in der letzten Woche eine Corona-Infektion nachgewiesen wurde.

Virologe Streeck: 4.000 Neuinfekionen täglich nicht mehr so schlimm

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck warnt davor, die reinen Infektionszahlen zum Maßstab des Kampfes gegen Corona zu machen. "4.000 Neuinfektionen pro Tag zur Zeit bedeuten nicht mehr das Gleiche, was sie im März und April bedeutet haben", schreibt er in einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt". Die reinen Zahlen seien nur "bedingt aussagekräftig". Bei Corona handle es sich zwar um "ein ernstzunehmendes Virus, aber es bedeutet gleichwohl nicht unseren Untergang". Corona lasse sich weder "wegdemonstrieren", noch seien Lockdowns ein Allheilmittel, so Streeck, der im "Handelsblatt" seine Forderung nach einem Ampel-Meldesystem bekräftigt. "Anstatt eindimensional müssen wir mehrdimensional denken lernen", schlägt Streeck vor: "Abhilfe kann hier ein Ampelsystem schaffen, das auf dem Zusammenspiel von Infektionszahlen, Anzahl der Tests, stationärer und intensivmedizinischer Belegung basiert." Es müsse darum gehen, mit der Vielzahl der mittlerweile vorhandenen Daten "ein intelligenteres und vorausschauendes System zu entwickeln". Wir müssten uns zudem daran gewöhnen, mit Corona zu leben. Das bedeute "auch zu akzeptieren, dass Sars-CoV-2 bei uns heimisch wird". Und auch Todesopfer ließen sich vielleicht minimieren, aber nicht vermeiden. Wann wirklich ein Impfstoff zur Verfügung stehen werde, sei "ungewiss. Daher wäre es sinnvoller, über Plan B nachzudenken. Nämlich darüber, wie wir ein Leben mit dem Virus ermöglichen. Ein Leben mit bewusster Achtsamkeit uns und unseren Mitmenschen gegenüber." Streecks Fazit: "Zwischen all der berechtigten Debatte, den Rufen nach ausreichend Schutz und den Bestrebungen, unsere medizinische Versorgung nicht in einen fatalen Kollaps zu führen, stehen wir als Mediziner, aber auch alle Politiker in der Verantwortung, eine faktenbasierte Ruhe bewahren." Am Mittwoch waren die Corona-Neuinfektionszahlen sprunghaft von täglich knapp über 2.000 auf rund 4.000 angestiegen, am Donnerstag waren rund 4.500 Meldungen üb er positive Tests eingegangen.

Mehrheit gegen bundesweiten Lockdown

Sollte die Zahl der Corona-Infektionen weiter so steigen wie momentan, halten es zwei Drittel der Bundesbürger für sehr wahrscheinlich (22 Prozent) oder eher wahrscheinlich (45 Prozent), dass das öffentliche Leben wieder ähnlich stark eingeschränkt wird wie im Frühjahr dieses Jahres. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und n-tv. 33 Prozent halten das hingegen für eher (30 Prozent) oder sehr unwahrscheinlich (drei Prozent). Überdurchschnittlich häufig geben die Anhänger der AfD an, einen Lockdown für sehr (48 Prozent) oder eher (32 Prozent) wahrscheinlich zu halten. Demnach würde gut ein Drittel der Befragten (38 Prozent) solche bundesweiten Einschränkungen des öffentlichen Lebens befürworten, wenn die Infektionszahlen in Deutschland in den kommenden Wochen wieder ähnlich stark ansteigen wie im April. Eine Mehrheit von 60 Prozent ist hingegen der Meinung, dass es einen solchen bundesweiten Lockdown nicht mehr geben so llte. Dass es bei stark steigenden Infektionszahlen wieder bundesweite Einschränkungen wie im Frühjahr geben sollte, meinen überdurchschnittlich häufig die jungen Befragten zwischen 18 und 29 Jahren (58 Prozent) sowie Anhänger der Grünen (41 Prozent) und der Linkspartei (43 Prozent). Gegen den Lockdown sprechen sich hingegen überwiegend die Befragten über 60 Jahren (67 Prozent) und Anhänger der FDP (78 Prozent) sowie der AfD (73 Prozent) aus. Meinungen zur Verständlichkeit der Regeln für Reisen Bei der Frage nach der Verständlichkeit der von der Bundesregierung getroffenen Regeln für Reisen aus oder in ein Risikogebiet gibt eine große Mehrheit (68 Prozent) der Befragten an, Probleme zu haben, zu überblicken, in welcher Region welche Regeln gelten. 30 Prozent der Befragten halten die Reiseregelungen alles in allem für verständlich. Urlaubspläne für das letzte Quartal 19 Prozent der Bundesbürger geben an, in diesem Jahr noch eine Urlaubsreise zu planen bzw. schon gebucht zu haben. 15 Prozent haben sich diesbezüglich noch nicht endgültig entschieden. 67 Prozent und damit mehr als in der Umfrage vom 30. September 2020 (57 Prozent) haben nicht vor, bis Jahresende noch zu verreisen. Corona-Infektionen im Familien- und Freundeskreis 18 Prozent der befragten Bundesbürger geben an, dass es Personen aus ihrem Familien- oder Freundeskreis gibt, die bereits mit dem Coronavirus infiziert waren oder aktuell infiziert sind. Dabei zeigt sich, dass vor allem die jüngeren Befragten zwischen 18 und 29 Jahren (28 Prozent) häufiger jemanden kennen, der sich bereits mit dem Coronavirus angesteckt hat, als die älteren Befragten (60+: 9 Prozent). Die Daten wurden vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Mediengruppe RTL am 8. Oktober 2020 erhoben. Datenbasis: 1.014 Befragte. +++


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