Nein, verdorben war die Party nicht. Ebenso kurz und treffend, mit einer Spur leiser Enttäuschung, wie die abschließende Frage des jederzeit engagierten, präsenten und beflissenen Platzansagers in Hünfeld, Rolf Canisius, war – so knackend auch die Antwort. Gut, der HSV hatte sein letztes Heimspiel der Hessenliga-Saison mit 4:5 gegen den SC Waldgirmes verloren – aber darum ging es an diesem Tag nicht. Oder weniger. Auch nur unter der Decke der Oberflächlichkeiten hatte Trainer Johannes Helmke kein passendes Abschiedsgeschenk erhalten – wie auch die Spieler Dennis Müller, Marcel Trägler und Yunus-Emre Kocak nicht.
Der Rahmen passte an diesem Samstagnachmittag, dem 30. Mai 2026. Dieses Datum wird gewiss einen Platz in der Chronik des Hünfelder SV erhalten. Die Sonne war fast überall präsent in der Rhönkampfbahn, und der Hünfelder SV lebte die HSV-Familie und lieferte einen Beweis seiner Festigkeit, seines Wertes, seiner Frage „Wo bin ich? Wo stehe ich? Wo und wie lebe ich?“. Signifikant auch, dass sich viele Frauen und Kinder in der Rhönkampfbahn tummelten. Nicht und nach wie vor nicht unbedingt selbstverständlich.
Ach ja, Fußball gab es ja auch. Den in Hessens höchster Liga. Und vielleicht nehmen Sie manches Wort, dass im Folgenden auftaucht an dieser Stelle, nicht gar so ernst. Selbstredend kam der HSV mit einem anderen Gesicht daher zu Beginn. Dennis Müller rückte an Marcel Dückers Seite in die Innenverteidigung, Max Vogler durfte mal wieder rechts hinten ran, Mark Zentgraf gab den Linksverteidiger, Yunus-Emre Kocak bekleidete neben Sven Kemmerzell die Sechs, und auch das an sich geniale Duo Jemo Kassa und Max Lindemann startete zusammen. Der Rest ergab sich. Mit Maxi Fröhlich und „Maschine“ Trägler.
Doch irgendwie bekam dem HSV diese Formation, die irgendwie fast sein musste, gar nicht in den Anfangsminuten. Er kam nicht oder nur schwer in die Abläufe, sein Team hatte große Löcher – und defensiv war er vor allem in den Halbpositionen anfällig. Gegner Waldgirmes indessen, als Absteiger feststehend, zeigte, was er kann. Fußballerisch sehr beweglich und stark im Passspiel, mannschaftlich zunächst deutlich besser und stets mit einer Lösung oder Anspielmöglichkeit, stellte der Gast erst einmal vor Probleme. Die Führung hatte sich Waldgirmes früh verdient (7.). Sie rüttelte den HSV durch und wach.
Doch der Gastgeber fing sich. Er fortan schneller und zielgerichteter. Und er belohnte sich mit dem Ausgleich nach gut 20 Minuten. In seiner Entstehung war der Treffer toll und geduldig herausgespielt. Nach einem Einwurf. Und abschließend mit Jemo Kassas sehenswertem Solo. Der Torschütze zeigte das, was ihn ausmacht: seine Spielfreude, kurze Haken und Dribblings – manchmal aber verpasste er ein zeitiges Abspiel. Mehr noch als das 1:1: vier Minuten später hatte der HSV das Spiel gedreht, Zentgraf zapfte seine Schusstechnik und -stärke an – und traf satt aus halblinker Position.
Doch nicht nur Rolf Canisius hatte sich ja ein unterhaltsames und torreiches Spiel gewünscht. Das wurde es endgültig, als der Gast nach nicht einmal einer halben Stunde zum 2:2 traf. Der HSV ließ den Torschützen Yannick Freischlad schießen, verteidigte defensive Räume weiterhin gar nicht gut. Und Waldgirmes behielt sein Ich. Zunächst hielt Andreas Boureanu noch gut gegen Ole Hörr (30.) – fünf Minuten später aber war‘s geschehen. Karl Cost traf nach einer Ecke – daran muss der HSV zukünftig kräftig arbeiten – zum 3:2 für den Gast. Der hatte das Spiel mit nicht alltäglichem Verlauf erneut auf seine Seite gezogen.
Auch im zweiten Abschnitt tat sich noch einiges. Zunächst verpasste Waldgirmes eine verheißungsvolle Offensivaktion sauber auszuspielen (47.) – dann kam der HSV. Nach 50 Minuten kam Nico Häuser für Dennis Müller, zwei Minuten später Lua Uth für Yunus Kocak. Hünfeld bäumte sich auf. Auch wenn der Gast defensiv geschickt spielte und oft in defensiver Überzahl war – und Hünfelds Spieler oft zu selten nachrückten. Dennoch riss sich der HSV zusammen und spielte konsequenter nach vorn, während sich Waldgirmes fortan ein Stück weit in die Hängematte legte.
Nach gut einer Stunde hatte die „Maschine“ ihr Abschiedstor. Nach einem prima und schnell vorgetragenen Angriff über den eingewechselten Uth, der Kassa in den Raum bediente – und Kassa fix auf Trägler passte. Es war sein 14. Saisontor – ein für diese Liga mehr als beachtlicher Wert. Schade, dass er wenig später im Dribbling, das zum Abschluss führen sollte, die falsche Seite wählte (68.). Doch der HSV wollte mehr – und er belohnte sich. Max Vogler gelang das 4:3 – Mark Zentgraf hatte ihn mit Übersicht angespielt. Wieder eine Wende. Fast taugte das Spiel zu einem kleinen Drama.
Dazu passte auch, dass das Ende in diesem Drehbuch – spannend, mit viel Substanz, einem Stückchen Klasse, aber auch arg fehlerhaft – noch nicht geschrieben war. Beinahe hätte der HSV Treffer Nummer fünf erzielt, doch dieses Mal war Trägler im Abschluss-Pech. Erst nach Zuspiel des eingewechselten Boas Kümmel (73.), vier Minuten später ging sein Kopfball nach präsziser und gut getimter Flanke des ins Spiel gekommen Leon Zöll an die Latte.
Beim Gast waren die Löcher groß und größer geworden. Doch er wachte auf und wollte sich als Absteiger offenbar nicht mit einer Niederlage verabschieden. Erarbeitete sich zunehmend zweite Bälle. Offensiv wachte er auf und schlug zurück. Auch das passte zum Spiel, für das es keine Vorlage gab. Es passte zudem, dass Momente der Spannung auch in den Schlussminuten nicht ausblieben. Max Behren glückte der Ausgleich zum 4:4 – technisch nicht leicht war sein Abschluss. Nach Flanke des eingewechselten Malte Höhn, der auf der rechten Angriffsseite des Gastes reichlich Schwung ins Spiel brache, viele Läufe anbot, meist lange Sprints. Kein Wunder vielleicht, spielte er doch noch vor Kurzem in der Jugend des Bundesligisten 1. FC Köln.
Den Schlusspunkt setzte Finn Saalmann, nach einer Flanke von Kevin Bartheld von der rechten Seite, intuitiv und auf engem Raum geschlagen. Zum 5:4-Sieg des SC Waldgirmes, der sich mit einem Sieg aus der Hessenliga verabschiedete. Der HSV vermochte es nicht, seinen 4:3-Vorsprung zu verteidigen.
Doch der Spielausgang war an diesem Tag zweitrangig. Der Hünfelder SV schloss die Runde mit Platz acht ab – mit 48 Punkten nach 34 Spielen. Und er bot manch bleibende Momente in dieser Saison in der Rhönkampfbahn – auch fußballerisch. Waren da überdies nicht irgendwelche Herzen vergraben. Die Botschaften, die sie in sich trugen, hätten lauten können: Dennis geht. Müller bleibt. Kocak geht. Yunus bleibt. Marcel geht. Trägler bleibt. Johannes geht. Helmke bleibt.
Hünfelder SV: Boureanu – Vogler (72. Kümmel) Dücker, Müller (51. Häuser), Zentgraf – Kocak (53. Uth), Kemmerzell – Lindemann (60. Zöll), Kassa, Fröhlich – Trägler (85. Paliatka)
SC Waldgirmes: Kandic – Torben Höhn, Safiew, Cost, Hörr, Götz, Freischlad, Bartheld, Behnen, Khalfaoui, Glasauer
Schiedsrichter: Nicklas Rau
Tore: 0:1 Nico Götz (7.), 1:1 Jemal Kassa (22.), 2:1 Mark Zentgraf (26.), 2:2 Yannick Freischlad (28.), 2:3 Karl Cost (36.), 3:3 Marcel Trägler (63.), 4:3 Max Vogler (71.), 4:4 Max Behnen (84.), 4:5 Finn Saalmann (90.) +++ rl

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