
Mit dem ehemaligen Goodyear-Gelände steht Fulda vor einer der weitreichendsten städtebaulichen und wirtschaftspolitischen Entscheidungen der vergangenen Jahrzehnte. Der Presserundgang am Montag auf dem rund 17 Hektar großen Areal markiert dabei weit mehr als einen symbolischen Termin. Er bietet erstmals die Möglichkeit, sich ein Bild von jener Fläche zu machen, deren künftige Nutzung die Stadt langfristig prägen dürfte. Seit die Stadt ihr Vorkaufsrecht ausgeübt und das Gelände übernommen hat, richtet sich der Blick auf die Frage, welche Entwicklung dort künftig verfolgt werden soll.
Bereits vor mehr als einer Woche hatte fuldainfo.de Parteien um ihre Vorstellungen zur künftigen Nutzung des ehemaligen Industriegeländes gebeten. Die eingegangenen Stellungnahmen zeigen sowohl Gemeinsamkeiten als auch deutliche Unterschiede. Übereinstimmung besteht darin, dass das ehemalige Goodyear-Gelände als eine der bedeutendsten Entwicklungsflächen Fuldas angesehen wird. Unterschiede zeigen sich vor allem bei den inhaltlichen Schwerpunkten und den Vorstellungen über die künftige Nutzung.
Die FGG fordert zunächst Transparenz über die Rahmenbedingungen des Grundstückskaufs. Aus ihrer Sicht sind insbesondere die möglichen Altlasten bislang nicht ausreichend bekannt. Bevor konkrete Planungen vorangetrieben werden, müsse geklärt werden, welche finanziellen Risiken bestehen. Die Wählergemeinschaft verweist darauf, dass die Beseitigung möglicher Belastungen nicht automatisch zulasten der Stadt gehen dürfe, sondern das Verursacherprinzip gelten müsse. Inhaltlich verfolgt die FGG den Ansatz eines Smart-Quartiers, das Industrie, Forschung, Bildung und innovative Technologien miteinander verbindet. Künstliche Intelligenz, Robotik, Digitalisierung und moderne Produktion werden dabei als mögliche Zukunftsfelder genannt. Eine militärische Nutzung lehnt die FGG ausdrücklich ab und setzt stattdessen auf eine zivile Entwicklung mit nachhaltiger Infrastruktur, neuen Arbeitsplätzen und einer frühzeitigen Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger.
Auch die FDP erkennt in dem Gelände eine einmalige Chance für den Wirtschaftsstandort Fulda. Im Mittelpunkt steht eine wirtschaftlich tragfähige Entwicklung mit Industrie- und Gewerbeansiedlungen, die qualifizierte Arbeitsplätze schaffen und zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen ermöglichen sollen. Ergänzend seien Handel, Dienstleistungen und gegebenenfalls auch Wohnen denkbar. Nach einer geordneten Entwicklung solle das Gelände an geeignete Investoren vermarktet werden. Anders als die FGG schließt die FDP eine Nutzung durch die Bundeswehr grundsätzlich nicht aus. Vor dem Hintergrund der veränderten sicherheitspolitischen Lage könne eine solche Nutzung für Teilflächen denkbar sein. Vorrang habe jedoch die wirtschaftliche Entwicklung des Standorts.
Bündnis 90/Die Grünen sprechen von einer historischen Chance für Fulda. Nach ihrer Auffassung sollte zunächst ein tragfähiges Gesamtkonzept entwickelt werden, bevor einzelne Nutzungen festgelegt werden. Die Fraktion kann sich eine Mischung aus klimafreundlicher Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen und Wohnen vorstellen. Besondere Bedeutung messen die Grünen dem Klimaschutz und der Klimaanpassung bei. Entsiegelung, zusätzliche Grünflächen, Dach- und Fassadenbegrünung, Photovoltaik sowie ein nachhaltiger Umgang mit Regenwasser sollen Bestandteile der Entwicklung sein. Gleichzeitig verweisen sie auf die mehr als hundertjährige industrielle Nutzung des Geländes. Deshalb müsse zunächst die Altlastensituation umfassend untersucht werden. Zu einer möglichen Nutzung durch die Bundeswehr wollen sich die Grünen derzeit nicht festlegen.
Kritischer fällt die Bewertung der AfD aus. Pierre Lamely verweist darauf, dass die Schließung des Goodyear-Standorts seit Jahren absehbar gewesen sei und die Stadt sich erst nach dem Erwerb des Geländes intensiv mit dessen Zukunft befasse. Solange weder die Erschließungskosten noch mögliche Altlasten bekannt seien, bewertet die Fraktion eine gemischte Nutzung aus Gewerbe, Wohnen und Infrastruktur zurückhaltend. Stattdessen schlägt sie vor, einen Investor zu gewinnen, der das Gelände eigenständig entwickelt. Dadurch könnten nach Auffassung der AfD Arbeitsplätze geschaffen, Gewerbesteuereinnahmen erzielt und zugleich der städtische Haushalt entlastet werden. Eine Nutzung durch die Bundeswehr hält auch sie grundsätzlich für denkbar, sieht jedoch Industrie und Gewerbe als vorrangige Entwicklungsziele.
Ergänzend hat sich auch Martin Jahn, Stadtverbandsvorsitzender der CWE, zur Zukunft des ehemaligen Goodyear-Areals geäußert. Er spricht sich für eine parteiunabhängige Entwicklung des Geländes aus. Angesichts der Bedeutung der rund 17 Hektar großen Fläche seien jetzt kreative Ideen gefragt, um die einmalige Chance für die Stadt Fulda bestmöglich zu nutzen.
Keine Stellungnahmen gingen von CDU, SPD und den Freien Wählern ein. Damit liegen zu den Vorstellungen dieser Parteien für die künftige Entwicklung des ehemaligen Goodyear-Areals bislang keine Antworten auf die Anfrage von fuldainfo.de vor.
Die Stellungnahmen zeigen insgesamt, dass trotz unterschiedlicher Konzepte in einem Punkt weitgehend Einigkeit besteht: Vor grundlegenden Entscheidungen sollen zunächst die Fragen möglicher Altlasten, der Erschließungskosten und der finanziellen Auswirkungen belastbar geklärt werden. Erst auf dieser Grundlage dürfte sich entscheiden, welche Entwicklung für das ehemalige Goodyear-Gelände langfristig realisierbar ist. Die Entscheidungen, die in den kommenden Monaten getroffen werden, werden die städtebauliche und wirtschaftliche Entwicklung Fuldas auf lange Sicht mitprägen. +++

Hinterlasse jetzt einen Kommentar