
Es gibt sie, diese speziellen Momente. Diese Daten und Tage, die etwas auslösen oder ins Rollen bringen. Die initiieren, als würde man einen Dominostein antippen. Es war Anfang Mai, als sich Arthur Dering und sein Kumpel Julian Werner ein von YouTube gestreamtes Video ansahen. Oder zogen sie es sich rein? Saugten sie es in sich auf? Viel spricht dafür. Genauer gesagt am 5. Mai, als der Extremsportler Arda Saatci einen 600-Kilometer-Lauf durch das Death Valley in den USA – bis nach Los Angeles wagte. Durch die Wüste also. Er verfehlte zwar seine Zielzeit von 96 Stunden – er hatte zu dieser Zeit 458 Kilometer absolviert und noch ein Viertel der Strecke vor sich – das aber hielt ihn nicht davon ab, die qualvolle Route zu beenden. Nach 123 Stunden kam er ins Ziel. Und das Video ging in den Sozialen Netzwerken durch die Decke. Vier Tage lang.
Es löste bei Arthur Dering und Julian Werner einiges aus. Werner kitzelte seinen Freund und stieß ihn an, es wäre doch witzig, so etwas wie der Ultraläufer Saatci – dessen Fokus auf einer Mischung zwischen Ausdauer- und Kraftsport liegt -, einmal selbst zu machen. Werner schlug Dering vor, 100 Kilometer in zwei Tagen zu absolvieren. Arthur, der bis dahin weder mit Ausdauersport noch mit Laufen irgendetwas am Hut hatte, dachte sich: „Das ist ja nicht so schwierig. Das schaffe ich doch in einem …“. Julian darauf: Wollen wir wetten? Gesagt, getan. Oder besser: Angedacht und getan. Arthur, der am 3. September 20 Jahre jung wird und in Oberleichtersbach bei Bad Brückenau wohnt, schlug ein. Bei diesem etwas ver-rückten, aber doch reizvollen Vorhaben.
Und er entschied sich, fortan alles in Vorbereitung des Laufes zu dokumentieren. „Training und alles drumherum“, nennt es der aufgeschlossen wirkende noch 19-Jährige. Auf Instagram und TikTok solle dies geschehen. Und auch das ging durch die Decke. Arthur war erstaunt über Reaktion und Akzeptanz. Es schien, dass er für einen Moment nicht wusste, wo er war. „Mein erstes Video hatte in den ersten 24 Stunden 13.000 Aufrufe bei TikTok.“ Bei „Insta“ waren es etwa 2.000. Eintauchen durfte er jetzt in diese global übergreifende Welt der sogenannten Sozialen Netzwerke. 330 abonnierten den TikTok-Kanal, 1.000 schauen sich das seitdem regelmäßig an. Arthur Dering wäre nicht er selbst, wenn er durch seine Initiative nicht irgendetwas bewegen wollte. „Mein Ziel ist es, Leute zu motivieren. Zum Mitmachen. Zum Mit-Laufen. Sie sollen es einfach probieren, dabei zu sein.“
Arthur Dering war baff. Mit diesen Zahlen hatte er nicht gerechnet. „13.000, ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll“, wirkt er verblüfft. Nein, er ist es auch. „Ich habe den ersten Tag regelmäßig aufs Handy geschaut. Alle fünf Minuten.“ Und Kommentare? Darüber freue er sich auch. „Beim ersten Video war alles extrem positiv. Es waren viele motivierende darunter.“ Der 19-Jährige ist bei sich. Fokussiert. Und er fühlt sich gut in Form. „Ich würde schon sagen, dass ich recht fit bin.“ Er haut nichts raus. Keine expliziten Ziele oder sowas. Entschlossen wirkt, aber angenehm bescheiden. Eineinhalb Jahre arbeitete Arthur Dering im Fitnessstudio. Im Kraftsport kennt er sich gut aus. Und das kann ja, gemäß seinem Leitbild Arda Saatci, nicht schaden. Übrigens: Saatci hat drei Tage später als Arthur Geburtstag.
Nun endlich – nach Zugangsvoraussetzungen und Umständen – zur Strecke. Am Samstag, 15. August, geht‘s los. Um 19 Uhr auf dem Uniplatz. Einen Tag später möchte Arthur Dering zur selben Zeit „auf der Zeil“ in Frankfurt ankommen. Die Route führt über Steinau und Schlüchtern, über Hausen, Wächtersbach, Gelnhausen und Hanau nach Frankfurt. Warum er ausgerechnet Fulda als Startort ausgewählt hat? Er hat eine besondere Beziehung zur Dom- und Barockstadt entwickelt. Arthur Dering wurde hier geboren, und er ist oft in Fulda. Na ja, vielleicht kommt ein Stückchen Charme hinzu.
Dreimal pro Woche trainiert er. In Bad Brückenau. Jetzt hat er dort den Community Run organisiert. Auch da begleitete ihn so manche Person. Lediglich über fünf Kilometer ging‘s, „da bin ich nochmal fünf gelaufen“, fügt er hinzu. Arthur Dering sagt auch, dass er in Kommentaren in den Sozialen Netzwerken „ein bisschen kritisiert“ werde, dass er auf Anhieb eine solch lange Distanz in Angriff nehme. Doch da steht er drüber. „Das mag schon sein“, bekennt er, „aber es motiviert mich eher“. Vor Kurzem hat er sein Abi gemacht – und er kündigt, abgesehen von der Lauf-Challenge von Fulda nach Frankfurt -, andere persönliche Ziele und Vorhaben an. In beruflicher Hinsicht habe sich noch nichts Wesentliches herauskristallisiert in seinen Vorstellungen und Wünschen. Ende September geht er indessen für ein Jahr nach Australien. Vier bis fünf Monate arbeitet er dort voraussichtlich an einer Baustelle, um Geld zu verdienen – und um seine Zeit danach in Ostasien zu verbringen.
Bleiben der Reiz und Ansporn an der Lauf-Challenge. Was ihn motiviere? „Ich liebe das Gefühl, wenn man es geschafft hat.“ Zu Beginn des Trainings sei das Erste, was er gemacht und unternommen habe, einen Halbmarathon zu absolvieren. Natürlich – und diese Frage ist fast rhetorisch – unterstützt ihn sein Kumpel Julian Werner bei seinem Unterfangen. „Er gehört dem Versorgungsteam an, das mich begleitet“, schätzt Arthur die Nähe seines Kumpels. Andererseits: Wer hatte den Anstoß zur Wette gegeben?
Es scheint, als könne den 19-Jährigen nichts aus der Ruhe bringen. Auch nicht die Tatsache, dass bei ihm zu Kindeszeiten Asthma diagnostiziert wurde. Viele Spitzensportler haben ja bewiesen, dass dies kein Hinderungsgrund für sportlich gute oder gar herausragende Leistungen sein muss. Auch Arthur Dering sieht das gelassen. „Ich merke es inzwischen kaum noch. Während des Laufs hab‘ ich ein Spray dabei, aber ich denke nicht, dass ich es brauche.“ Und in diesem Zusammenhang sagt er, was viele Ausdauer- oder auch Extremsportler sagen. „Ich merke lieber selbst oder finde es lieber selbst heraus, wo meine Grenze ist.“ Und nicht, dass sie einem extern gesetzt werde. Arthur Dering möchte seine eigene nur etwas verschieben. +++ rl

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