Wirtschaftsweise senken Wachstumsprognose deutlich

WiDie deutschen Wirtschaftsweisen haben ihre Erwartungen an die wirtschaftliche Entwicklung deutlich zurückgeschraubt. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung geht in seinem am Mittwoch in Berlin vorgestellten Frühjahrsgutachten nur noch von einem preisbereinigten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,5 Prozent im Jahr 2026 aus. Bislang hatten die Experten mit 0,9 Prozent gerechnet. Für 2027 erwartet das Beratergremium ein Wachstum von 0,8 Prozent.

Als zentralen Grund für die schwächeren Aussichten nennen die Wirtschaftsweisen die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs. Die ohnehin fragile Konjunktur werde durch den erneuten Energieangebotsschock zusätzlich belastet. Höhere Energiekosten träfen sowohl Unternehmen als auch Verbraucher und verschärften die bereits schwache Entwicklung der Industrieproduktion. Gleichzeitig werde die private Investitionstätigkeit gebremst.

Neben den unmittelbaren Belastungen durch steigende Energiepreise sehen die Experten vor allem die demografische Entwicklung als zunehmendes Risiko für die deutsche Volkswirtschaft. Die Alterung der Gesellschaft setze die Sozialversicherungssysteme immer stärker unter Druck. Die Ausgaben der Sozialversicherungen stiegen schneller als die beitragspflichtigen Einnahmen. Nach Einschätzung des Sachverständigenrates könnte der Gesamtsozialversicherungsbeitragssatz bis zum Jahr 2040 auf nahezu 50 Prozent steigen.

Die Wirtschaftsweisen warnen davor, dass diese Entwicklung zu einem gesamtwirtschaftlichen Belastungsfaktor werde. Berechnungen des Gremiums zufolge könnte der erwartete Anstieg der Beitragssätze das Bruttoinlandsprodukt bis zum Jahr 2035 im Vergleich zu einem Szenario ohne steigende Beiträge um 0,5 bis 0,9 Prozent verringern. Höhere Sozialabgaben schmälerten die Nettoeinkommen privater Haushalte und belasteten damit den Konsum.

Die Vorsitzende des Sachverständigenrates, Monika Schnitzer, sprach sich deshalb für Reformen aus. Der absehbare Anstieg der Ausgaben in den Sozialversicherungen müsse verlangsamt werden. Gleichzeitig gelte es, die Einnahmenbasis und das Leistungsniveau der Sozialversicherungen zu stabilisieren.

Zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung empfehlen die Experten Reformen bei der Ausgabensteuerung, insbesondere in der stationären Versorgung und bei Arzneimitteln. Die Pflegeversicherung solle weiterhin als Teilversicherung bestehen bleiben. Pflegeleistungen sollten dabei auf das fachlich empfohlene Maß begrenzt werden. Zudem schlagen die Wirtschaftsweisen eine kohortenspezifische Kapitaldeckung vor, um finanzielle Belastungen gerechter zwischen den Generationen zu verteilen und das Leistungsniveau langfristig zu sichern.

Zusätzlicher Druck entsteht nach Einschätzung des Gremiums durch die wieder anziehende Inflation. Aufgrund der infolge des Iran-Kriegs gestiegenen Energiepreise rechnen die Wirtschaftsweisen in Deutschland für dieses Jahr mit einer Verbraucherpreisinflation von 3,0 Prozent. Für 2027 erwarten sie lediglich einen leichten Rückgang auf 2,8 Prozent. Die hohen Energiekosten belasteten nicht nur private Haushalte, sondern verschlechterten auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen und verstärkten damit die bereits rückläufige Entwicklung in der Industrie. +++


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