
Die Hoffnung auf eine schnelle Beruhigung der Kraftstoffpreise schwindet. Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie (en2x) rechnet erst im kommenden Jahr mit einer Normalisierung des Marktes. Gleichzeitig warnt der Energieexperte Manuel Frondel vor einem staatlichen Spritpreisdeckel, während der Sozialverband Deutschland (SoVD) genau einen solchen Eingriff als möglichen Schutz vor weiteren Preissprüngen fordert. Die Debatte zeigt damit erneut, wie unterschiedlich die Antworten auf die hohe Belastung an den Tankstellen ausfallen.
Entscheidend für die weitere Entwicklung sei vor allem die Lage im Nahen Osten, sagte Alexander von Gersdorff, Sprecher des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie (en2x), der „Rheinischen Post“. Sollte es zu einem Friedensschluss kommen, könnten sich auch die Kraftstoffpreise allmählich beruhigen. Von einer schnellen Rückkehr zu normalen Marktbedingungen könne allerdings selbst dann keine Rede sein. Bis sich der Markt vollständig normalisiere, könne es weit bis ins Jahr 2027 dauern. Ein wesentlicher Grund dafür sei der Verlust erheblicher Raffineriekapazitäten.
Damit richtet sich der Blick nicht allein auf den aktuellen Ölpreis. Selbst eine geopolitische Entspannung würde die strukturellen Folgen der vergangenen Entwicklungen nicht unmittelbar beseitigen. Wenn Raffineriekapazitäten fehlen, kann sich die Versorgungslage auch nach einer Beruhigung an den internationalen Märkten nur schrittweise normalisieren. Für Verbraucher bedeutet das, dass eine Entspannung bei den Preisen zwar möglich ist, aber nicht zwangsläufig unmittelbar an der Zapfsäule ankommt.
Auch beim Heizöl ist die Lage angespannt. Haushalten, deren Tanks vor dem Winter weitgehend leer sind, rät von Gersdorff deshalb zu einem vorsichtigen Vorgehen. Wenn der Heizöltank aktuell Richtung Leerstand gehe, könnten Kunden überlegen, zunächst geringere Mengen zu bestellen und darauf zu setzen, dass sich die Situation am Weltmarkt zumindest etwas verbessert. Eine belastbare Preisprognose sei allerdings schwierig bis unmöglich.
Die zuletzt deutlich gestiegenen Heizölpreise führt der en2x-Sprecher ebenfalls auf die globale Knappheit bei Öl und Mineralölprodukten zurück. Heizöl sei davon besonders betroffen, weil es im Raffinerieprozess mit Diesel konkurriere. Gerade Diesel ist derzeit stark nachgefragt. Damit wirkt sich die angespannte Situation am internationalen Ölmarkt auf mehrere Bereiche des Energiemarktes gleichzeitig aus.
Vor einem anderen politischen Lösungsansatz warnt Manuel Frondel vom RWI-Leibniz-Institut. Der Energieexperte lehnt einen Spritpreisdeckel ab, wie ihn SPD-Ministerpräsidenten fordern. Die Politik solle nicht versuchen, die Preissteigerungen an der Zapfsäule mit einer staatlichen Preisbegrenzung aufzuhalten, sagte Frondel der „Rheinischen Post“.
Seine Warnung stützt sich unter anderem auf die Erfahrungen Ungarns im Jahr 2022. Dort habe ein Preisdeckel nach Darstellung Frondels zwar zunächst wie eine Entlastung für Autofahrer gewirkt, zugleich aber zu Kraftstoffknappheiten an Tankstellen geführt. Lange Schlangen, Begrenzungen der Tankmengen und letztlich Insolvenzen von Tankstellen seien die Folge gewesen. Am Ende habe es weniger Tankstellen und damit auch weniger Konkurrenz gegeben.
Frondel hält unterdessen sogar Benzinpreise von mehr als 2,50 Euro je Liter für möglich. Solche Preise seien nicht ausgeschlossen, wenn der Konflikt noch längere Zeit anhalte und die Ölvorräte dadurch knapper würden. Eine Entspannung könne erst eintreten, wenn der Iran-Krieg ende. Der entscheidende Preistreiber sei derzeit der Rohölpreis.
Die erneute Eskalation zwischen den USA und Iran sowie zusätzliche Spannungen am vergangenen Wochenende hätten die Sorgen vor Lieferausfällen und Störungen wichtiger Transportrouten nochmals verstärkt, sagte Frondel. Dadurch steige die Risikoprämie am Ölmarkt – und mit ihr der Preis für Kraftstoffe.
Während die Ökonomen vor den Nebenwirkungen staatlicher Preisbegrenzungen warnen, fordert der Sozialverband Deutschland einen erneuten staatlichen Eingriff. Ein Spritpreisdeckel könne in der aktuellen Situation ein sinnvoller erster Schritt sein, um Menschen schnell vor weiteren Preissprüngen bei den Mobilitätskosten zu schützen, sagte die SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.
Dabei erinnert Engelmeier an den Tankrabatt, mit dem die Bundesregierung bereits im Frühjahr auf die stark gestiegenen Kraftstoffpreise infolge des Iran-Kriegs reagiert hatte. Von Mai bis Ende Juni waren die Energiesteuern auf Benzin und Diesel um rund 17 Cent je Liter gesenkt worden. Aus Sicht des SoVD war diese Maßnahme allerdings teuer und nach dem Gießkannenprinzip verteilt. Sie habe nicht gezielt diejenigen erreicht, die Unterstützung am dringendsten benötigt hätten.
Genau hier setzt Engelmeiers Forderung nach einer anderen Form der Entlastung an. Die Bundesregierung müsse vor allem Menschen mit kleinen Einkommen stärker unterstützen und die steigenden Energiekosten insgesamt in den Blick nehmen. Eine Empfehlung der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer, Verbraucher könnten beim nächsten Auto- oder Heizungskauf selbst für eine größere Unabhängigkeit von fossilen Energien sorgen, greife nach Ansicht Engelmeiers zu kurz.
Viele Menschen könnten sich weder ein neues Auto noch eine neue Heizung leisten. Andere lebten zur Miete und hätten deshalb überhaupt keinen entscheidenden Einfluss darauf, wie ihre Wohnung beheizt werde. Die Verantwortung allein beim Einzelnen abzuladen, werde der tatsächlichen Lebenssituation vieler Haushalte nicht gerecht, argumentiert die SoVD-Vorstandsvorsitzende.
Stattdessen müsse die Bundesregierung für bezahlbare Energie sorgen und endlich einen funktionierenden Direktzahlungsmechanismus schaffen. Entlastungen müssten schnell und zielgerichtet bei den Menschen ankommen, die sie tatsächlich benötigen.
Damit stehen sich in der aktuellen Debatte zwei grundsätzliche Vorstellungen gegenüber. Die eine Seite warnt davor, mit staatlichen Preisdeckeln in einen ohnehin angespannten Markt einzugreifen und damit neue Versorgungsprobleme zu schaffen. Die andere Seite verweist auf die soziale Realität steigender Mobilitätskosten und sieht den Staat in der Pflicht, Haushalte mit geringen Einkommen kurzfristig vor weiteren Preisschocks zu schützen.
Eine einfache Lösung zeichnet sich dabei nicht ab. Ein Preisdeckel kann kurzfristig entlasten, birgt aber das Risiko von Marktverzerrungen und Versorgungsproblemen. Ein pauschaler Tankrabatt wiederum kann teuer werden, ohne die Unterstützung auf diejenigen zu konzentrieren, die sie am dringendsten brauchen. Die Forderung nach gezielten Direktzahlungen versucht, genau dieses Problem zu umgehen. Ob ein solcher Mechanismus schnell genug geschaffen werden kann, ist allerdings ebenfalls eine politische und organisatorische Frage.
Fest steht: Solange die geopolitischen Risiken im Nahen Osten bestehen und die internationalen Öl- und Raffineriekapazitäten unter Druck stehen, bleibt die Entwicklung der Kraftstoffpreise schwer vorhersehbar. Für Autofahrer und Haushalte mit Heizölbedarf bedeutet das vorerst wenig Planungssicherheit. Eine nachhaltige Entspannung dürfte deshalb nicht allein von Entscheidungen in Berlin abhängen, sondern vor allem davon, ob sich die Lage auf den internationalen Energiemärkten tatsächlich stabilisiert.

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