
Die anhaltende Trockenheit setzt der Binnenschifffahrt zunehmend zu. Am Rhein sinken die Pegel, Transportkapazitäten gehen zurück und die Branche warnt davor, dass sich die Folgen des Niedrigwassers nicht kurzfristig auf andere Verkehrsträger verlagern lassen. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) fordert deshalb vom Bundesverkehrsministerium rasche Maßnahmen. Gleichzeitig verlangt die Branche einen langfristigen Investitionsrahmen, der bis 2035 den Bau von 1.000 neuen Güterschiffen ermöglichen soll.
Bei einer Koordinierungsrunde des Bundesverkehrsministeriums sei deutlich geworden, dass Binnenschiffe bei niedrigen Wasserständen nicht ohne Weiteres durch Bahn und Lastwagen ersetzt werden könnten, sagte BDB-Geschäftsführer Jens Schwanen der „Rheinischen Post“. Weder die Bahn noch die Speditionsunternehmen im Straßengüterverkehr verfügten über genügend Kapazitäten, um die von den Schiffen transportierten Güter ohne Einschränkungen zu übernehmen.
Der Verband fordert deshalb einen Dreipunkte-Plan. An erster Stelle steht die Fortsetzung der Förderung für niedrigwasseroptimierte Schiffe. Die Bundesregierung müsse das Programm über den Januar hinaus fortführen und dürfe es nicht wie geplant auslaufen lassen, sagte Schwanen. In Deutschland gebe es derzeit lediglich zwölf solcher Schiffe, die zudem nicht frei verfügbar seien.
Zugleich drängt die Binnenschifffahrt auf einen schnelleren Ausbau der Fahrrinnen am Mittel- und Niederrhein. Nach Darstellung des Verbandes könnten dadurch rund 20 Zentimeter mehr Wasser unter dem Kiel zur Verfügung stehen. Das bislang für den Abschluss des Ausbaus genannte Jahr 2033 sei angesichts der zunehmenden Probleme in den Sommermonaten zu spät, warnte Schwanen.
Als dritten Punkt nennt der Verband Möglichkeiten, das Wasser länger im Rhein zu halten. Derzeit fließe das Wasser ab der Schleuse Iffezheim weitgehend ungebremst in Richtung Niederlande. „Wenn es acht Wochen nicht regnet, kommt es zu den aktuellen Niedrigwasserständen“, sagte Schwanen. Die Behörden müssten deshalb prüfen, wie sich der Abfluss stärker steuern und Wasser länger im Fluss halten lasse.
Dabei sieht der BDB die Folgen des Niedrigwassers nicht allein als Problem der Schifffahrt und der Industrie. Auch die Umwelt sei betroffen. Massenhaftes Fischsterben, austrocknende Auen, hohe Wassertemperaturen und ein sinkender Sauerstoffgehalt setzten dem Rhein als Lebensraum zu. Die Entwicklung sei deshalb eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit, betonte Schwanen.
Wie groß der wirtschaftliche Druck inzwischen ist, zeigt sich auch am Mittelrhein. Am Pegel Kaub wurden am Dienstag lediglich 16 Zentimeter gemessen. Nach Angaben von Steffen Bauer, Geschäftsführer von HGK Shipping, einem der führenden Binnenschifffahrtsunternehmen Europas, deuten die Prognosen auf eine weitere Verschärfung und sogar einstellige Pegelstände hin. Mit jedem weiteren Zentimeter weniger Wasser sinkt die mögliche Zuladung der Schiffe. Damit schrumpfen die Transportkapazitäten auf einer der wichtigsten europäischen Verkehrsachsen.
Bauer fordert deshalb von der Bundesregierung einen verlässlichen Investitionsrahmen bis 2035. Ziel müsse es sein, den Bau von 1.000 modernen Güterbinnenschiffen in Europa anzustoßen. „Wir brauchen von der Bundesregierung einen verlässlichen Investitionsrahmen bis 2035, der privates Kapital mobilisiert und Unternehmen Planungssicherheit für Neubauten gibt“, sagte Bauer dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“.
Die Größenordnung der notwendigen Investitionen ist erheblich. Legt man nach Bauers Berechnung für ein neues Schiff modellhaft ein durchschnittliches Investitionsvolumen von 12,5 Millionen Euro zugrunde, entspräche der Bau von 1.000 Schiffen einem Investitionspotenzial von bis zu 12,5 Milliarden Euro. Die Bundesregierung müsse dabei eine führende Rolle übernehmen und mit einem langfristig verlässlichen Förderrahmen private Investitionen in die Erneuerung der Flotte auslösen.
Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) hatte zuvor angekündigt, die Förderung von Niedrigwasserschiffen grundsätzlich fortführen zu wollen. Das Programm war ursprünglich mit 36 Millionen Euro für das Jahr 2027 vorgesehen, zwischenzeitlich aber aus Haushaltsgründen auf die Hälfte gekürzt worden. Bilger sagte dem RND, er wolle das Anliegen in die parlamentarischen Haushaltsberatungen einbringen. Gleichzeitig würden die notwendigen europäischen Abstimmungen vorangetrieben, damit die Förderung nicht unnötig verzögert werde.
Für die Binnenschifffahrt geht es damit um mehr als eine Reaktion auf die aktuelle Trockenperiode. Niedrigwasser entwickelt sich zunehmend zu einem strukturellen Risiko für die Leistungsfähigkeit des Rheinverkehrs. Während die Pegel sinken und Schiffe weniger Ladung aufnehmen können, wächst der Druck auf Politik und Verwaltung, Infrastruktur, Flotte und Wasserhaushalt schneller an die veränderten Bedingungen anzupassen. Die Branche drängt deshalb auf Entscheidungen, bevor aus immer wiederkehrenden Einschränkungen ein dauerhaftes Problem für Europas wichtigste Wasserstraße wird. +++

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