
„Heute Abend geht es um starke Frauen“, mit diesen Worten hat Akademiedirektor Gunter Geiger die zahlreichen Gäste beim Akademieabend im Bonifatiushaus der Katholischen Akademie Fulda begrüßt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Roman „Das Gedächtnis der Töchter“ von Irene Langemann, die ihr Werk persönlich vorstellte und daraus vorlas. Die Autorin, die auch als Schauspielerin und Filmemacherin tätig ist, gewährte dabei Einblicke in die Entstehungsgeschichte ihres Buches.
Langemann verfolgt mit ihrem 2023 erschienenen Roman das Ziel, die Erinnerung an das Schicksal ihrer deutschstämmigen Familie in der ehemaligen Sowjetunion wachzuhalten. Grundlage des Werkes sind vor allem die Erinnerungen ihrer Mutter. Die Handlung spannt sich über zwei Jahrhunderte und schildert das Leben von sechs Generationen – konsequent aus der Perspektive von Frauen.
Unter den Gästen wurde insbesondere Margarete Ziegler-Raschdorf begrüßt, ehemalige Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler. Sie engagiert sich bis heute für die Belange der Russlanddeutschen. Geiger unterstrich in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Erinnerungskultur. Das Anliegen, „etwas gegen das Auslöschen der Erinnerung tun zu müssen“, verbinde ihn mit der Autorin.
Langemann selbst wuchs in Sibirien zweisprachig auf, in Deutsch und Russisch, und spricht zudem den Dialekt Plautdietsch, der bereits von ihren Vorfahren in Westpreußen gesprochen wurde. Ihre Familie gehörte der Mennoniten-Bruderschaft an und siedelte zunächst in Westpreußen, später im Gebiet der heutigen Ukraine. Im Zuge der Deportationen unter Stalin wurde die Familie 1941 nach Sibirien verschleppt.
In ihrem Roman beschreibt Langemann eindrücklich die Erfahrungen ihrer Mutter während dieser Zeit. Als junges Mädchen war sie gezwungen, ihre Notdurft im Güterwaggon oder bei kurzen Halten auf den Gleisen zu verrichten – stets unter der Beobachtung von Wachleuten. Später musste sie im Zwangsarbeitsdienst als Holzfällerin arbeiten, geprägt von Hunger, Demütigungen und der Willkür der Aufseher.
Die Arbeit an dem Roman erstreckte sich über zehn Jahre und wurde immer wieder durch Filmprojekte unterbrochen. Bewusst verzichtete die Autorin auf eine chronologische Erzählweise, um die fortdauernde Erfahrung von Unterdrückung über Generationen hinweg sichtbar zu machen. Dabei zieht sie auch Bezüge zur Gegenwart, etwa zu den Schrecken des Ukrainekriegs oder zur öffentlichen Demütigung des Kremlkritikers Michail Chodorkowski.
„Ich bin Filmemacherin. Deshalb arbeite ich mit Bildern“, sagte Langemann während der Lesung. Ihr Ziel sei es, dass die Lesenden das Geschehen nicht nur nachvollziehen, sondern erspüren können. Die bewusst reduzierte Sprache des Romans verstärkt dabei die Wirkung der geschilderten historischen und politischen Ereignisse.
Der Akademieabend machte deutlich, wie wichtig es ist, Geschichte lebendig zu halten und insbesondere das Schicksal der Russlanddeutschen sichtbar zu machen. +++

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