Karl-Josef Kuschel in Fulda: Warum der Koran für Christen von Bedeutung ist

Gast der Akademie: Professor Karl-Josef Kuschel (rechts) und Akademiedirektor Gunter Geiger. Foto: privat

Wer den Koran verstehen will, sollte ihn nicht als fremdes Gegenstück zur Bibel lesen, sondern als Teil einer langen religiösen Tradition, die Judentum, Christentum und Islam miteinander verbindet. Diese Überzeugung stand im Mittelpunkt eines Akademieabends der Katholischen Akademie Fulda, zu dem rund 80 Gäste ins Bonifatiushaus gekommen waren. Dort sprach der Theologe und Religionswissenschaftler Professor Karl-Josef Kuschel über die heilige Schrift des Islam, ihre historische Einordnung und ihre Bedeutung für den interreligiösen Dialog.

Akademiedirektor Gunter Geiger stellte den Referenten als einen der profiliertesten Vertreter des interreligiösen Dialogs im deutschsprachigen Raum vor. Kuschel habe sich über Jahrzehnte hinweg als Vermittler zwischen den Religionen einen Namen gemacht und für dieses Engagement zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Gerade angesichts gesellschaftlicher Spannungen und zunehmender Polarisierungen komme dem Gespräch zwischen den Religionen eine besondere Bedeutung zu.

In seinem Vortrag rückte Kuschel zunächst die weltweite Bedeutung des Korans in den Mittelpunkt. Für mehr als eine Milliarde Menschen sei er heilige Schrift und präge Glauben, Denken und Alltag. Daraus ergebe sich auch für Christen die Notwendigkeit, sich mit dem Islam und seinen Quellen auseinanderzusetzen. Interreligiöses Lernen sei längst keine Frage rein akademischer Neugier mehr, sondern eine Voraussetzung für das Zusammenleben in pluralen Gesellschaften.

Den Ausgangspunkt seiner eigenen intensiven Beschäftigung mit dem Koran führte Kuschel auf einen Text des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt zurück. Darin schildert Schmidt ein Gespräch mit dem ägyptischen Präsidenten Anwar al Sadat während einer nächtlichen Fahrt auf dem Nil. Sadat, der 1977 mit seiner Reise nach Israel und seinem Friedensangebot an den langjährigen Gegner Geschichte schrieb, sprach dabei über die gemeinsamen Wurzeln der drei monotheistischen Religionen.

Nach Sadats Darstellung verstehen sich Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen als Nachkommen Abrahams. Im Koran erscheint Abraham, auf Arabisch Ibrahim, als Vater des Glaubens. Ebenso berufen sich alle drei Religionen auf Moses als einen ihrer zentralen Propheten. Sadat erinnerte darüber hinaus daran, dass zahlreiche Gestalten der biblischen Überlieferung auch im Koran eine wichtige Rolle spielen. Noah, Ismael, Isaak, Jakob, Joshua und David gehören ebenso dazu wie viele weitere Propheten. Besonders bemerkenswert sei aus christlicher Perspektive die herausgehobene Stellung Jesu. Nach koranischem Verständnis gilt er als der zweitwichtigste aller Propheten; lediglich Mohammed nimmt einen höheren Rang ein. Sadat fasste seine Beobachtung damals mit einem Satz zusammen, der Kuschel nachhaltig beeindruckte: „All das wisst ihr Europäer nicht.“

Der ägyptische Präsident wollte die gemeinsamen religiösen Wurzeln auch sichtbar machen. Auf dem Sinai sollte eine Moschee neben einer Synagoge und einer Kirche entstehen. Nach seiner Ermordung im Jahr 1981 blieb das Vorhaben unvollendet. Kuschel verwies jedoch darauf, dass die Idee inzwischen an anderer Stelle Realität geworden sei. Auf dem Abraham Family Campus in Abu Dhabi stehen Gotteshäuser der drei monotheistischen Religionen unmittelbar nebeneinander. Für den Wissenschaftler ist dieses Projekt ein sichtbares Zeichen dafür, dass religiöse Unterschiede nicht zwangsläufig trennen müssen. Die Begegnung mit den Gedanken Schmidts und Sadats sei für ihn selbst ein Anstoß gewesen, den Gemeinsamkeiten von Koran und Bibel intensiver nachzugehen und die Grundlagen eines Dialogs zwischen den Religionen wissenschaftlich zu erforschen.

Dabei wandte sich Kuschel ausdrücklich gegen einen selektiven Umgang mit religiösen Texten. Immer wieder würden einzelne Verse aus ihrem Zusammenhang gelöst und zur Bestätigung bestehender Vorurteile oder Feindbilder herangezogen. In der theologischen Forschung werde dieses Vorgehen als „Steinbruch-Exegese“ bezeichnet. Wer religiöse Schriften ernsthaft verstehen wolle, müsse ihre Aussagen im jeweiligen historischen, kulturellen und religiösen Kontext betrachten.

Dies gelte auch für die häufig diskutierten Gewaltstellen des Korans. Kuschel plädierte dafür, solche Passagen vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte der frühen islamischen Gemeinde zu lesen. Erst die konkreten historischen Umstände machten verständlich, weshalb bestimmte Aussagen formuliert wurden. Zugleich zog er Parallelen zu Konflikt- und Krisensituationen, die sich ebenfalls in den Schriften des Neuen Testaments widerspiegeln. Religiöse Texte seien stets auch Zeugnisse ihrer Zeit und könnten deshalb nicht losgelöst von ihrem historischen Umfeld interpretiert werden.

Der Referent machte deutlich, dass echter Dialog nicht auf dem Verschweigen von Unterschieden beruht. Vielmehr gehe es darum, Gemeinsamkeiten wahrzunehmen, ohne bestehende Gegensätze zu verwischen. Respekt entstehe nicht durch Gleichmacherei, sondern durch die Bereitschaft, unterschiedliche Überzeugungen anzuerkennen und dennoch miteinander im Gespräch zu bleiben. Gerade darin liege die Voraussetzung für gegenseitiges Verständnis.

Das große Interesse des Publikums spiegelte sich in zahlreichen Nachfragen wider. Für die rund 80 Teilnehmer bot der Abend die Möglichkeit, den Koran aus einer wissenschaftlichen Perspektive kennenzulernen und vertraute Vorstellungen zu hinterfragen. Der langanhaltende Beifall zum Abschluss der Veranstaltung galt nicht nur dem Referenten, sondern auch einer Botschaft, die über den Abend hinausweist: Verständigung beginnt dort, wo Neugier stärker ist als Abgrenzung und wo die Bereitschaft wächst, die Tradition des anderen nicht als Bedrohung, sondern als Anlass zum Lernen zu begreifen. +++


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