
Hessen sucht die engere wirtschaftliche Verbindung mit Indien und setzt dabei auf Maharashtra, einen Bundesstaat mit rund 130 Millionen Einwohnern und einer herausragenden Stellung innerhalb der indischen Wirtschaft. Zum Abschluss seiner fünftägigen Indienreise unterzeichnete Ministerpräsident Boris Rhein am Freitag in Mumbai gemeinsam mit Maharashtras Chief Minister Devendra Fadnavis eine Gemeinsame Absichtserklärung, ein Memorandum of Understanding, für die künftige Zusammenarbeit. Rhein sieht darin mehr als eine politische Absichtserklärung. Die Gespräche in Mumbai seien der Auftakt zu einer langfristigen Partnerschaft zwischen zwei der wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands und Indiens, die zugleich wichtige Finanzzentren ihrer Länder seien.
„Maharashtra und Hessen, Indien und Deutschland – das passt gut zusammen“, sagte Rhein bei der Unterzeichnung. Die Gemeinsamkeiten reichen aus seiner Sicht über wirtschaftliche Interessen hinaus. Beide Regionen und Staaten teilten grundlegende Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine regelbasierte internationale Ordnung. Zugleich seien Maharashtra und Hessen die wirtschaftlichen Kraftzentren ihrer jeweiligen Länder. Aus diesen Gemeinsamkeiten soll nun eine belastbarere wirtschaftliche Verbindung entstehen.
Bei einer internationalen Finanzkonferenz an der National Stock Exchange, der nationalen indischen Börse in Mumbai, beschrieb Rhein die angestrebte Verbindung mit einem eingängigen Bild: „Mumbai ist das Tor zu Indien, Frankfurt ist das Tor zu Europa. Maharashtra ist das Powerhouse Indiens, Hessen ist das Powerhouse Deutschlands.“ Dahinter steht der Versuch, zwei starke Wirtschaftsregionen stärker miteinander zu verknüpfen und dabei insbesondere die Finanzplätze in den Blick zu nehmen. Rhein sprach von einer direkten wirtschaftlichen Achse zwischen Europa und Indien, die in Zeiten geopolitischer Umbrüche an Bedeutung gewinnen könne.
Die Gemeinsame Absichtserklärung soll nach den Worten des Ministerpräsidenten die Grundlage für verlässlichere Lieferketten, größere Resilienz, technologischen Fortschritt und zusätzliches Wachstum schaffen. Für hessische Unternehmen eröffnet sich damit der Zugang zu einem der am schnellsten wachsenden Märkte der Welt. Umgekehrt soll Maharashtra vom technologischen Know-how und den globalen Vernetzungen des Rhein-Main-Gebiets profitieren. Entscheidend wird dabei sein, ob aus den politischen Vereinbarungen tatsächlich konkrete gemeinsame Projekte entstehen. Genau darin liegt die eigentliche Bewährungsprobe der jetzt vereinbarten Partnerschaft.
Rhein formulierte den Anspruch entsprechend: Die Stärken beider Regionen sollten künftig in konkreten, gemeinsamen Projekten gebündelt und die bilaterale Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen weiter vertieft werden. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit soll damit nicht bei gegenseitigen Absichtserklärungen stehen bleiben, sondern in eine praktisch nutzbare Verbindung münden. Gerade angesichts veränderter globaler Lieferketten und geopolitischer Spannungen gewinnt die Frage an Gewicht, mit welchen Partnern Hessen seine wirtschaftlichen Beziehungen künftig absichert und erweitert.
Ein zweiter Schwerpunkt der Indienreise lag auf der Gewinnung internationaler Fachkräfte. Staatsminister Pentz, hessischer Minister für Internationales und zugleich Minister für Entbürokratisierung, verwies auf das Potenzial des indischen Arbeitsmarktes. Indien verfüge über hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte, insbesondere Naturwissenschaftlerinnen, Ingenieure und IT-Experten. Hessen habe während der Reise einige Türen geöffnet, um solche Fachkräfte für Unternehmen im Land zu gewinnen.
Der Bedarf ist aus Sicht der Landesregierung eng mit der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts verbunden. Hessische Unternehmen seien auf Expertinnen und Experten aus dem Ausland angewiesen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, erklärte Pentz. Gleichzeitig soll Hessen die Voraussetzungen dafür verbessern, dass ausländische Qualifikationen schneller anerkannt werden. Mit dem zweiten Bürokratieabbaugesetz soll die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse beschleunigt werden. Die sogenannte „Fast Lane“ steht dabei für den politischen Anspruch, internationale Fachkräfte schneller durch die notwendigen Verfahren zu führen. „In Hessen kommen internationale Fachkräfte auf die Überholspur“, sagte Pentz.
Auch die Finanzwirtschaft und die Forschung sollen von der engeren Zusammenarbeit mit Indien profitieren. Rhein besuchte in Mumbai die National Stock Exchange und warb dort für eine stärkere Vernetzung der Finanzmärkte. Im Gespräch mit Jishnu Dev Varma, dem Gouverneur von Maharashtra, und Amish Patel, Associate Vice President der NSE, ging es insbesondere um eine engere Verbindung zwischen dem Finanzplatz Frankfurt und der größten Börse Indiens.
Rhein bezeichnete Indien als einen der dynamischsten Finanzmärkte der Welt und als zentralen Partner für Hessen. Mumbai und die Rhein-Main-Region verfügten mit ihren Schwerpunkten in Finance, Digitalisierung und Pharma über Bereiche, die aus seiner Sicht gut zusammenpassten. Die Gespräche über eine engere Kooperation des deutschen Finanzplatzes Frankfurt mit der National Stock Exchange sollen deshalb weiter vertieft werden.
Hessen sieht darin zugleich eine Möglichkeit, seine Rolle als europäischer Finanzstandort für indische Unternehmen auszubauen. Mit seiner Infrastruktur und seinem Wirtschaftsökosystem sowie mit Frankfurt als größtem Finanzplatz Kontinentaleuropas sei Hessen ein geeigneter Standort für indische Banken, die in Europa tätig werden wollten. Die stärkere Verbindung zwischen Mumbai und Frankfurt wäre damit nicht nur ein regionales Projekt, sondern könnte eine Brücke zwischen dem indischen und dem europäischen Finanzmarkt schaffen.
Zum Abschluss seiner fünftägigen Reise, bei der Rhein von einer großen Wirtschaftsdelegation begleitet wurde, zog der Ministerpräsident eine positive Bilanz. In Gesprächen mit wichtigen Politikern und Wirtschaftsführern habe man die Basis für eine gewinnbringende Zusammenarbeit der Zukunft gelegt. Zugleich sei es gelungen, in Indien für Hessen zu werben. Der Austausch über eine Zusammenarbeit der Finanzplätze Mumbai und Frankfurt habe nach Rheins Einschätzung wesentlich dazu beigetragen, die wirtschaftlichen Beziehungen auf ein neues Niveau zu heben.
Die Bedeutung der Reise wird sich allerdings nicht allein an den Erklärungen von Mumbai messen lassen. Eine Absichtserklärung schafft zunächst einen politischen Rahmen. Ihre wirtschaftliche Bedeutung entsteht erst dann, wenn Unternehmen investieren, Kooperationen entstehen, Fachkräfte tatsächlich nach Hessen kommen und die angekündigte engere Vernetzung der Finanzplätze konkrete Formen annimmt. Für Hessen bietet Maharashtra dafür einen Partner von erheblichem wirtschaftlichem Gewicht. Für Indien wiederum ist die Rhein-Main-Region mit Frankfurt ein Zugang zu einem der bedeutendsten Wirtschafts- und Finanzräume Europas. Die fünftägige Reise könnte deshalb tatsächlich der Beginn einer langfristigen Partnerschaft sein – vorausgesetzt, die nun formulierten Ziele werden in den kommenden Jahren mit Leben gefüllt. +++

Hinterlasse jetzt einen Kommentar