Ein Tag für Fußball-Impulse in Osthessen – Peter Schreiner und Markus Pflanz referierten

Das taktische Vermögen in oder mit Rondos zu schulen und zu verbessern, Vor-Orientierung und Scanning – Themen, die im modernen Fußball zunehmend an Bedeutung gewinnen. Darüber referierten am Samstag im Sporthaus des SV Flieden zwei renommierte Persönlichkeiten des Spiels: Peter Schreiner, Top-Trainer internationalen Fußballs, und Markus Pflanz, UEFA-Pro-Lizenz-Inhaber aus Langenschwarz und einige Jahre in der belgischen Profiliga Jupiler Pro League tätig. Etwa 20 Trainer und Interessierte der Region sind ins Königreich gekommen, um die Informationen aufzusaugen und sich weiterzubilden.

Anwälte und Weltreisende in Sachen Fußball

Die Fähigkeit, Informationen und Spielsituationen frühzeitig aufzunehmen und zu erkennen, Entscheidungen vorzubereiten und zu treffen – das liegt diesen Ideen zugrunde. Und um es vorwegzunehmen: Dieser Tag bleibt in Erinnerung. Schließlich ist es das Ziel, all diese Elemente in gezieltem Training anzubringen und zu forcieren.

Peter Schreiner nimmt sich dem Thema „Rondos aus offensiver Sicht“ an – Markus Pflanz derselben Thematik aus defensiver Sicht. Schreiner, man mag es kaum glauben, wird am 13. Mai 73 Jahre jung. In 28 Ländern der Welt war er unterwegs, letzte Woche erst in Albanien. Und im Trainingsanzug „seines“ Vereins, dem Traditionsverein Schwarz-Weiß Essen vom „Uhlenkrug“ tritt er auf im ersten Teil des kurzweiligen Tages. Er redet mit solcher Überzeugungskraft, dass ihm die Anwesenden alles glauben müssten. Sie hängen an seinen Lippen. Seine Augen sind so groß und hungrig, dass er die Interessierten einlädt, mit ihm zu kommen auf die Reise, sich den Themen modernen Fußballs zu nähern – und sie bestenfalls in ihren Teams umzusetzen. Schreiner ist ein Anwalt des (Jugend)Fußballs, Pflanz ebenso. Jahrelang trainierte Schreiner die U19 des FC Schalke 04 und war Norbert Elgerts Vorgänger.

Um das Wesen und die Bestimmung von Rondos zu benennen und wertzuschätzen, sagte einst Marco Bielsa, Ur-Vater des Pressings: „Das Rondo reduziert den Fußball auf sein Wesen: Raum, Zeit, Druck.“ Man könne die mannigfaltigen Spielformen „perfekt zum Taktiktraining nutzen“, fügt Schreiner hinzu. Er spricht allen aus der Seele. Aus der Fußball-Seele. Schreiner ist in ihren Köpfen. Und alles, was er sagt, hat nicht nur Hand und Fuß – es hat Praxisbezug. An dieser Stelle soll nicht von übertrieben viel Fußball-Deutsch oder -fachausdrücken die Rede sein – der Rote Faden, die Wahrnehmung und Impulse zum Training in den Vereinen zählen. Für das Kicken auf dem Dorf, gerne auch höherklassig.

Schreiner, Freund und Verfechter der Beidfüßigkeit in der Ausbildung,  besticht mit grafisch und thematisch durchdachtem Vortrag. Er spricht von Vor-Orientierung – sich im Vorfeld wahrzunehmen und dann Entscheidungen treffen zu können -, vom Besonderen der Rondos oder ihrer Methodik. Wie man sie vermittelt, sie anwendet und lehrt, von „neun Schritten zum perfekten Rondo“. Jedes Thema bekräftigt und unterlegt, quasi befüttert Schreiner mit einer oder diversen Übungsformen anschaulich und praxisnah. Keine Frage: Peter Schreiner und Markus Pflanz sind Sozialarbeiter des Fußballs im allerbesten Sinn – ob im Herren- oder Nachwuchsbereich. Sie haben auf alles eine Antwort. Fraglos auch: Das Thema ist äußerst komplex. Das Angebot ist komplex. Jeder fühlt sich angesprochen. Jeder fühlt sich mitgenommen. Geschichten des Fußballs, aus ihm zu erzählen, sie zu lehren und nahezubringen, dem haben sie sich verschrieben.

Auch „Von der Passübung zum Rondo“ heißt es; Fußball besteht bekanntlich und nicht zuletzt aus Wiederholungen. „3 gegen 1 plus steil-klatsch“ steht da plötzlich – auch eine beliebte Spielform, die kognitive, technische und taktische Fähigkeiten erfordert. Bis Peter Schreiners Augen noch größer werden und leuchten. „Ein geiles Spiel“, entfährt es ihm – so, als wolle er die Anwesenden dazu verführen, sofort mit ihm auf den Platz zu gehen. Stolz spielt er ein Video ein, „das hab‘ ich in Chile gemacht“. Er wirkt nicht nur stolz. Er ist es natürlich auch. Und glaubwürdig allemal. Er vermittelt nicht nur Impulse. Er verkauft sie. Immer wieder zeigt und illustriert er Variationen der Rondo-Spielformen. „Immer wieder probieren“ lautet sein Grundsatz, „und nicht sagen: Das geht nicht“. Er wolle die Teilnehmer nicht überfordern und überfrachten mit Informationen, schiebt er nach. Peter Schreiner aber bleibt positiv.

Uwe Stückrath, Trainer des Hersfeld/Rotenburger A-Ligisten Werratal und einer der Teilnehmer, bewertet das so: „Ich habe viele gute Trainingsmöglichkeiten kennengelernt und aufgenommen. So habe ich noch nie trainiert.“ Und Stückrath ist lange im Geschäft. Er sei häufig im Internet unterwegs, dort werde auch viel angeboten, nur werde es natürlich nicht mit solchen Impulsen erklärt und erläutert, zeigt er sich den Anregungen von Schreiner und Pflanz – mit dem er im Gespann einst in Eiterfeld trainierte -, durchaus aufgeschlossen gegenüber. Als großer Fußball-Fan und einer, der immer darauf besessen ist, sich weiterzubilden, schnupperte Stückrath im September vergangenen Jahres im ostwestfälischen Verl rein. Die Erste spielt dort bekanntlich in der 3. Liga. „Morgens bei den Profis, abends bei der Zweiten“. So klein und umfangreich ist manchmal die Fußball-Welt.

„Für mich war es wichtig, dass wir uns kennenlernen. Markus und ich“. Bisher hatten beide Fußball-Fachleute nur telefoniert. Markus Pflanz hatte ja kürzlich ein Buch geschrieben mit dem Titel „Rondos aus defensiver Sicht. Das Spiel gegen den Ball – vom Deckungsschatten zum Pressing.“ Schreiner, das heißt sein Verlag, war der Herausgeber. Unter ifj.96. Übrigens: Bei seinem Stamm- und Herzensverein Schwarz-Weiß Essen führt Schreiner Individualtraining durch – bei vielen Mannschaften, von der U9 bis zum Oberliga-Team. „Bei mir geht‘s nur um den Kern und das Wichtige, nicht um das Ergebnis“, vermittelt er glaubwürdig. Dreimal pro Woche ist er auf dem Sportplatz, „ich mache das ehrenamtlich. Dafür darf ich alles aufnehmen“. In der Oberliga trainierte er auch die Sportfreunde Katernberg – jenen Verein, aus dem „Weltmeister“ Helmut Rahn stammt.

Bis – nach der Pause – Markus Pflanz an der Reihe ist. Immer wieder spürt man: Er weiß, wovon er spricht. Ihm kann man nichts vormachen. Anfangs nimmt er die berechtigte Frage in seinen anschaulichen Vortrag auf, was denn überhaupt ein Rondo ist? Nicht umsonst ist Pep Guardiola plakativ im Hintergrund – und die Erklärung lautet: „Ein Rondo ist eine Trainingsübung, bei der mehrere Spieler zumeist außen, in einem Kreis, Quadrat oder Rechteck  stehen und den Ball schnell und präzise untereinander passen. In der Mitte versuchen ein, zwei oder mehrere Spieler den Ball zu erobern.“

Anschließend ist von „Deckungsschatten“ die Rede, von „der defensiven Dimension von Rondos“, ihrem „Mehrwert für die Praxis“ oder „warum sich die defensive Ausrichtung im Rondo-Training lohnt“. Schließlich zeige es sich, dass Spieler, die im Rondo-Training lernten und vorankamen, in der Praxis bessere Werte hatten, als wenn sie ohne Rondos trainiert hätten. Die Zeit vergeht beinahe wie im Fluge im Sporthaus am Fliedener Weiher, und Pflanz zieht folgendes Fazit. „Ich habe in letzter Zeit viele Fortbildungen gehabt und gehalten. Letzten Montag erst in Ingolstadt beim Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL). Davor in Ulm oder Hannover. Das Schöne, das hier an erster Stelle steht: Man trifft wieder alte Freunde. Es hat viel Spaß gemacht.“ Neben Uwe Stückrath waren auch Heiko Breitenberger, Noch-Aulatal-Trainer Marvin Friedrich oder Kubilay Kücükler vor Ort. Jochen Maikranz kam nach.“ Auch „Scanning“ wurde zum Thema – also, um es vereinfacht auszudrücken, was passiert um dich herum? „Sie alle haben eine Menge Input bekommen.“ Nur am Rande: Vor-Orientierung wird immer noch wenig speziell trainiert; nur ein Verein in der englischen Premier League hat bislang einen Trainer eingestellt für diesen speziellen Aspekt. Apropos Premier League: Das Top-Spiel zwischen Man City und dem FC Arsenal war am Sonntag exquisites Beispiel für Pressing und Gegenpressing, auch für hier angesprochene Themen; im Vergleich dazu hinken deutsche Vereine – von Bayern München abgesehen – noch weit hinterher.

Am Ende des Tages – der praktische Teil konnte nicht durchgeführt werden -, bleibt und zentriert sich vieles um die Frage: Was können solche Vorträge bewirken? Die Antwort: viel. Sehr viel. Angesprochen sind eigentlich alle in der Gesellschaft. Fußballvereine gewiss, auch Fußballkreise und Jugendausschüsse; die genannten Gremien sind hier und da unbeweglich. Dabei ist Fußball nur das Instrument. Es geht darum, Impulse zu setzen oder Anstöße zu geben. Also sind auch Städte, Kommunen und Gemeinden gefragt. Wenn es heißt, es seien keine Gelder da, gilt es, Quellen zu erschließen. Denn es geht zuvorderst um die junge Generation – egal ob jüngere Kräfte im Herrenbereich oder noch mehr die im Nachwuchs. Verbunden mit der Frage: Was will Deutschland? Was will auch Osthessen? Auch Schulen, bei denen die Bedeutung des Sports hier und da zunehmend geringer wirkt, sind aufgefordert. Das Fördern von Beweglichkeit und Koordination, die kognitive Wahrnehmung oder das Treffen von Entscheidungen und was ich dafür tun und erkennen muss, ehe ich soweit bin – sind das keine lohnenswerten Begleitumstände?

Wie Markus Pflanz sich freute, so angetan war auch Peter Schreiner. „Ich habe nur von inspirierenden und guten Ansätzen unter den Teilnehmern gehört. Sie wollen das jetzt im Training umsetzen.“ Auf sein zartes Alter angesprochen, bemerkte er nur: „Ich habe keine Zeit, alt zu werden. Das hält einen frisch.“ Als man ging, hatte man nur ein Gefühl: All die Impulse lohnten sich. +++ rl


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