Fulda. Fast wellenartig taucht das Problem „Friedrichstraße – Fußgängerzone Ja oder Nein?“ in der politischen Debatte um die Standortentwicklung der Stadt Fulda auf. Nun hat Dag Wehner, Fuldas neuer Bürgermeister, das Thema im Zusammenhang mit dem im ehemaligen Gebäude der Telekom entstehenden Hotel Platzhirsch wieder aufgegriffen. Aber auch, weil anderweitig ein enormer Diskussionsbedarf besteht. In letzter Zeit hat sich die SPD für eine räumliche und zeitliche Ausgestaltung einer Fußgängerzone ausgesprochen. - Die GRÜNEN im Stadtparlament ebenso. Ernst zu nehmen ist auch das außerparlamentarische Engagement der „Fuldaer Verkehrswende“, die sich für „mehr Platz für Menschen und weniger für Autos“, engagiert. Im Sommer beispielsweise gab es in der Friedrichstraße die sogenannten „Parkingdays“, an denen Parkplätze kurzerhand zum Treffpunkt für Menschen umgewandelt wurden. Auf der anderen Seite wehrt sich nach wie vor die „Interessengemeinschaft (IG) Friedrichstraße“ gegen die Befreiung der Friedrichstraße vom Fahrzeugverkehr. Neuerdings gibt es zudem eine Initiative von Fuldaer Geschäftsleuten, die sich ebenfalls gegen die Ausweisung der Friedrichstraße als Fußgängerzone wendet. Eine mehr oder weniger verfahrene Lage. Es ist noch völlig unklar, wie Fuldas Bürgermeister das Problem in Griff bekommen will.
Vor diesem Hintergrund sprachen wir mit Politikberater Prof. Dr. Joseph Dehler über die derzeitige Lage und mögliche Alternativen. Das Gespräch wurde aufgezeichnet und wird nachfolgend im Wortlaut wiedergegeben.
fuldainfo
Herr Prof. Dehler, Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit der Berliner Politikszene. Umso mehr bedanken wir uns bei Ihnen, dass Sie sich bereit erklärt haben, mit uns über ein in diesem Maßstab relativ belangloses Fuldaer Thema, die Friedrichstraße, zu sprechen.
Dehler
So sehe ich das nicht. Kleine wie große Probleme, müssen gelöst werden. Ja - es sind letztlich die vielen kleinen, ungelösten Probleme, die am Ende erst zu den großen Problemen führen, beziehungsweise bereits geführt haben. In der Friedrichstraße geht es ja zumindest auch um Umweltprobleme, womit wir bereits die große Klammer geschlagen haben. Im Übrigen liebe ich meine Heimatstadt Fulda so sehr, dass es mir nicht gleichgültig ist, was hier passiert.
fuldainfo
Gut. Wir gehen somit davon aus, dass Ihnen das Thema Friedrichstraße geläufig ist.
Dehler
Ich weiß ganz sicher nicht mehr als fuldainfo. Eben das, was ich aus der Presse und aus Gesprächen mit diesen oder jenen Politikerinnen und Politikern weiß. Ich habe Eindrücke. Mehr nicht. Im Übrigen bin ich kein Verkehrsplaner.
fuldainfo
Halten Sie es, Herr Dehler, für strategisch klug, das Thema um die Friedrichstarße erneut zu beleuchten und nach Lösungen zu suchen, die allen Beteiligten gerecht werden könnten? Trauen Sie es Dag Wehner (CDU) zu, die unterschiedlichen Meinungen auf einen Nenner zu bringen?
Dehler
Ja, das halte ich für sehr sinnvoll. Ich vertraue auf des Bürgermeisters, Fulda betreffend, unverbrauchte Kraft und Zuversicht. Trotzdem gehe ich nicht davon aus, dass er die derart widerstrebenden Interessen ohne fremde Hilfe unter einen Hut bringen wird. Daran hat sich schon sein Vorgänger, Dr. Dippel, die Zähne ausgebissen. Und man sollte, um Dag Wehner nicht gleich zu verschleißen, solche Erwartungen erst gar nicht an ihn richten. Mein Eindruck: Bisher hat eine Handvoll Geschäftsleute gesagt, wo es lang geht. Und die Mehrheitsfraktion im Stadtparlament hat sich deren Meinung gebeugt. Ein wirklich zielführender Dialog gab es in Wirklichkeit nie. – Ein Stück Fuldaer Klüngelwirtschaft, könnte man sagen.
fuldainfo
Einmal ganz direkt gefragt: Für was wären Sie denn?
Dehler
So einfach lässt sich das nicht sagen. Jedenfalls bin ich zu allererst immer für Lösungen, die die Umwelt und die Menschen vor unnötigen schädlichen Belastungen, hier vor Abgasen, Staub und Lärm schützen. Da aber könnte ich bereits den ersten Widerspruch von Mitmenschen ernten, die sagen, wenn ein Kunde zum Einkaufen auf die Kaiserwiese fährt, versaue er die Umwelt mehr, wie wenn er nur eine kurze Strecke durch die Innenstadt fährt. Anderseits, wenn es um die Wertschöpfung in der Innenstadt geht, müssen wir uns die Frage stellen, ob wir hier alles kopieren sollten, was wir auf zehntausenden von versiegelten Quadratmetern Fläche auf einst grüner Wiese unwiederbringlich verschandelt, und damit auch ein Stück urbane Kultur in der Innenstadt vernichtet haben? Da die Parkplätze in der Innenstadt eben einmal begrenzt sind, müssen wir eine anderweitig attraktive Innenstadt anstreben.
fuldainfo
Das heißt konkret?
Dehler
Waren- und Dienstleistungsangebote sowie die gesamte Atmosphäre in der Stadt müssen sich unverwechselbar von der einst grünen, jetzt betonierten Wiese mit fahrenden und stehenden Autokolonnen abheben. So gesehen bin ich für ein in erster Linie lebenswertes Leben mit attraktiven, über Fulda hinaus, einzigartigen, aber auch lebensnotwendigen Geschäften, für eine herausragende Gastronomie sowie gute Freizeit,- Kultur- und Erholungsmöglichkeiten. Tendenziell also für eine möglichst verkehrsarme Innenstadt. Dabei sollten wir bedenken: Auf den Kaiserwiesen muss niemand leben. Zu diesem Gedankengang gehört natürlich auch, dass sich so manche Fuldaer Geschäftsleute einmal überlegen müssen, ob ihr bisheriges Angebot für die Innenstadt eigentlich noch attraktiv genug ist. Ungünstig auf die gesamte Innenstadt wirken sich auch die Expansion von Ketten, und damit der zunehmende Niedergang von eigentümergeführten Geschäften aus. Vergleichen Sie nur einmal die Entwicklung im Bäckereihandwerk und die damit einhergehende Uniformierung des Stadtbildes. Jedenfalls haben sich in den letzten Jahrzehnten auch in Fulda enorme Entwicklungen vollzogen, die wir zur Kenntnis nehmen müssen. Soweit ich mich erinnern kann, stand 1980 noch kein Stuhl in der Friedrichstraße und auch woanders in der Stadt nicht. Nicht zuletzt durch die Hochschule wurde Fulda neues Leben eingehaucht, z.B. die Straßengastronomie betreffend. Und genau mit diesen Lebensmustern müssen wir umgehen lernen und nicht in erster Linie auf „flanierende Autos“ Rücksicht nehmen.
Nicht zuletzt müssen wir uns Gedanken machen, wie wir die Menschen in die Innenstadt bringen. Dabei sollten wir durchaus auf das damalige, bereits mit Erfolg umgesetzte Konzept von Helmut Sorg (im Übrigen ein Automann) eines engmaschigen City-Bus-Verkehrs zurückgreifen. In anderen Städten werden solche Konzepte ebenfalls erfolgreich praktiziert. So in Regensburg mit der „Altstadtlinie“.
fuldainfo
Also sind Sie tendenziell für eine fußgängerfreundliche Stadt? Und warum ist dies in Fulda zu erreichen so schwierig?
Dehler
Man kann es ja nicht auf ein typisch Fuldaer Verhalten zurückführen. Jedoch schon ein wenig. Die Fuldaer sind sehr verwöhnt. Sie meinen überwiegend noch, zu jeder Zeit und überall mit dem Auto hinfahren zu können. Selbst fahren viele von ihnen ohne Skrupel in den Fußgängerzonen umher. Am Liebsten würden manche wohl gerne bis ins Wartezimmer ihres Arztes hineinfahren.
fuldainfo
Aber es wird ja immer wieder mit der unbedingten Notwendigkeit des „Offenbleibens“ der Friedrichstraße argumentiert. Jetzt auch noch das Hotel Platzhirsch. Für die Anhänger der offenen Friedrichstraße eine willkommene Hilfestellung?
Dehler
Ein Hotel in der Friedrichstraße erschwert natürlich die Debatte für die Befürworter einer Fußgängerzone. Aber wer sagt eigentlich, dass hierfür ein unbegrenzter Zugang geschaffen werden muss. Die Investoren wussten ganz genau von den Umständen in der Friedrichstraße. Und die Stadt hat hierfür einen Beschluss herbeigeführt, dieses Hotel errichten zu können. Vielleicht sogar mit Absicht, um sich der Debatte über eine Fahrzeugberuhigung zu entziehen?
Wir haben hinreichend Parkhäuser in der Innenstadt. Und es sollte ein Leichtes sein, dorthin zu Fuß zu gehen. Ganz in der Nähe gibt es das beliebte Apart-Hotel, gelegen in einer autofreien Gasse. Dort funktioniert das doch auch. Und in allen Altstädten der Republik gibt es hunderte von Hotels ohne grenzlosen Autozugang. Von diesem Gedanken würde ich mich in erster Linie nicht als Bürgermeister Wehner leiten lassen. Ganz im Gegenteil: Hotelgäste lieben nichts mehr als Ruhe.
fuldainfo
Was würden Sie aus der momentanen Kenntnis der Lage tun?
Dehler
So manche Geschäftsleute sollten sich erst einmal von ihrer Verbissenheit befreien. Der Bürgermeister weiß vielleicht, wie man das macht. Ich denke, es wird nur gehen, wenn man Vernunft und Sachverstand den Vorrang gibt. Dagegen Sprechende würde ich mit ihren eigenen Argumenten überzeugen. Jedenfalls glaube ich nicht, dass sich unter Abwägung aller Argumente eine völlig autofreie Zone erreichen lässt, auch wenn ich dies grundsätzlich begrüßen würde. Das betrifft auch die Seitenstraßen bis in die Unter- und Altstadt hinein. …
fuldainfo
… Zwischenfrage. Was heißt, "Dagegen Sprechende würde ich mit ihren eigenen Argumenten überzeugen?"
Dehler
Ganz einfach: Vorausgesetzt, das Argument der Geschäftsleute, "eine Innenstadt ohne Parkplätze sei eine tote Stadt", wäre tragfähig, würde ich darauf eingehen und genau hier nach einer Kompromisslösung suchen. Denn die Geschäftsleute haben nur etwas von Autofahrern, die mit ihren Autos auch parken können. Da aber schätzungsweise 95 % aller durch die Friedrichstraße und Seitenstraßen Fahrenden einfach nur durchfahren, auf der Parkplatzsuche sind oder auch nur ihr Auto vorführen wollen (sogleich mehrfach hintereinander, nachdem sie eine Kurve gedreht haben) würde ich diesen Bereich ganz einfach wie ein Parkhaus behandeln und bewirtschaften. Technisch leicht machbar, gäbe es dann außerhalb der Ladezeiten nur eine Zufahrt zur und über wie um die Friedrichstraße herum. Von mir aus auch richtungsändernd, sobald es in diesem Gebiet - bis hinunter zur Robert-Kircher-Straße sowie in Richtung Nonnengasse - freie Parkplätze gibt. Hierzu benötigt man lediglich das entsprechende Leitsystem, eine rote und grüne Ampel und vielleicht einen Wegweiser, in welchem Abschnitt der Parkplatz gerade frei ist. Dann würde dieser vollkommen unnütze Autoverkehr ganz schnell ein Ende haben. Die Geschäftsleute wären befriedet und es würden sich neue Entwicklungsmöglichkeiten für die Innenstadt bieten. Die Frage, wie Sondergenehmigungen erteilt werden könnten, möchte ich hier ausklammern. Das weiß das Ordnungsamt besser.
Das Allerwichtigste für die Innenstadt ist jedoch, dass sie mit Menschen belebt wird. Vor allem mit Menschen, die hier wohnen. Und zwar so, dass diese nicht angewiesen sind, auf der betonierten Wiese einzukaufen. Ein Leerstandskataster würde hier nähere Aufschlüsse geben.
fuldainfo
Und was würden Sie dem Bürgermeister empfehlen, der ja jetzt die Suppe auslöffeln soll?
Dehler
Er möge die anstehenden Beratungen von verkehrswissenschaftlichen Fachleuten moderieren lassen, die wir zum Beispiel in Kassel und Darmstadt zur Genüge finden. In diesem Falle sollte er jedenfalls nicht auf heimische Experten zurückgreifen. Er kann und muss es sich erlauben dürfen, diesen Entwicklungsprozess zu beobachten und kommunalpolitisch, nicht parteipolitisch, zu bewerten. Nur so kann er zu einem fundierten Ergebnis kommen, frei von Blindheit und vorrangigen Eigeninteressen so mancher Meinungs- und Scharfmacher.
Das entbindet ihn nicht davon, mit einer eigenen Position in die Debatte zu gehen, bei der er zumindest die Richtung weist. Denn davon ist auch die Auswahl der Moderatoren abhängig: Rückwärtsgewandt, gegenwarts- oder zukunftsorientiert! Zudem könnte er sich damit als freidenkender Politiker Fuldas profilieren.
fuldainfo
Was würden Sie sich das Thema betreffend für Fulda wünschen?
Dehler
Etwas weniger Selbstherrlichkeit der Meinungsmacher. Sachliche, zukunftsorientierte und damit umweltverträgliche Lösungen, bei denen auch die Lebensinteressen der nachfolgenden Generationen Berücksichtigung finden. Und vor allem aber einen breiten Dialog, der bereits an dieser Stelle auf fuldainfo beginnen könnte.
fuldainfo
Wir bedanken uns für das ausführliche Gespräch.
Näheres zur Person von Prof. Dr. Dehler ist unter www.politikberatung-dehler.de nachzulesen. +++ fuldainfo

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