
Heiko Adler, gebürtiger Tiefenorter aus dem nahen Thüringen, lebt nur wenige hundert Meter vom Kaffeetälchen entfernt. Dieses Fußballstadion hat sich in über einem Jahrhundert zum Kult und Mythos entwickelt und zieht Groundhopper aus ganz Europa und darüber hinaus an. Es ist ein Ort voller Magie und Zauber. Hier lebt Tradition, die man riechen, fühlen und schmecken kann. Am kommenden Wochenende, vom 21. bis 23. August, feiert die BSG Kali Werra Tiefenort an drei Tagen das 100-jährige Jubiläum des Kaffeetälchens mit einem abwechslungsreichen Programm. Höhepunkt ist die Vorstellung des Buches „Mythos Kaffeetälchen. 100 Jahre Leidenschaft“. Heiko Adler und Jonas Schulte, Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks, Groundhopper, Fußball-Nostalgiker und manchmal auch „Stadionsprecher im Kaffeetälchen“ in einer Person, stellen das Buch am Samstagabend um 19 Uhr vor.
Folgen Sie der Einladung des Vereins, der – wie er heute heißt – der BSG Kail Werra Tiefenort – auch und nicht zuletzt zur Buch-Vorstellung. Dort heißt es: „Malerisch eingebettet in ein kleines Tal, inmitten Thüringens, liegt das Waldstadion Kaffeetälchen. Es ist weit mehr als eine atemberaubende Spielstätte. Es ist der Stolz und der kraftvolle Herzschlag einer ganzen Region.“ Hat man sich das einverleibt, schließen sich die Worte an: „Das Stadion ist kein gewöhnlicher Sportplatz. Es ist ein Ort der Kontraste, am dem die Stille des Waldes und die Ekstase des Sports miteinander verschmelzen. Nach Jahrzehnten des Schweigens ist das Stadion neu erwacht. Heute zieht es Fans und Groundhopper mit einer fast magischen Anziehungskraft in seinen Bann. Zwischen bemoosten und verwitterten Rängen, die Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählen, und dem Duft von Waldluft, schlagen die Herzen von Fußballfreunden aus aller Welt höher.“ Und wer von den einladenden Worten noch nicht genug hat: „Begeben Sie sich an einen Ort, der in 100 Jahren alles erlebt hat: bauliche Veränderungen, heroische Triumphe und bittere Tragödien sowie packende DDR-Liga-Duelle bis hin zum heutigen Amateuralltag. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an das Kaffeetälchen: Ein Stadion, das zum Mythos wurde.“
Möchte man dem Reiz des Kult-Schauplatzes auch unter der Oberfläche – in der Fußball-Seele halt -, auf die Schliche kommen, nimmt zunächst Mike Lindemann die Rolle des Ansprechpartners ein. Wie Adler auch, war er langjähriger Spieler des Vereins, von „Aktivist Kali Werra Tiefenort, in der DDR-Liga, der zweithöchsten Spielklasse des Landes. Nachdem Lindemann nach der Wende einige Jahre beim TSV Ausbach gespielt hatte, kreuzten sich ihre Wege später wieder beim SVA Bad Hersfeld in der Oberliga Hessen. Von 1985 bis 1990 kickte er für Kali Werra Tiefenort, und als läge ein Stückchen Sehnsucht auf seinen Worten, sagt er: „Ich erinnere mich noch, als ich als Kind als Zehn-, Elf- oder Zwölfjähriger mit meinem Vater hochgekommen bin in den Kessel. Wenn du mit dem Auto hochkommst, dachtest du zuerst, die Welt ist hier zu Ende.“ Nicht nur Lindemanns atmeten die „absolute Stimmung und Atmosphäre in diesem Naturstadion“. Spieler aus dem gesamten Osten – vor allem aus Thüringens Traditionsvereinen Jena und Erfurt – kamen ins „Kaffeetälchen“, um hier zu spielen.
Lindemann kam als 18-Jähriger in die Erste Mannschaft, im seinem zweiten A-Jugend-Jahr rückte er in die zweite Mannschaft und den Kader des DDR-Liga-Teams. Er trainierte bei der Ersten mit, nachdem er seine Ausbildung im Kalibetrieb abgeschlossen hatte. Er erinnert sich noch genau, als Kali Werra Tiefenort in die DDR-Liga aufstieg. Über die Relegation war das. „Wir mussten gegen fünf andere Mannschaften spielen – aus Chemnitz, Berlin, Leipzig oder Dresden. Und wir wurden Erster der Relegationsrunde, haben einmal unentschieden gespielt und sonst alles gewonnen.“ Lindemann, dessen Sohn Max aktuell beim Hessenligisten in Hünfeld spielt, spricht auch frische Erinnerungen an. Am 9. November vergangenen Jahres, anlässlich des „35. Jahrestages des Mauerfalls“, habe es einen Podcast gegeben. Zugegen auch ein Australier, der die weite Anreise nicht gescheut hatte. Namens Shane Robinson, der einige Tage in Heiko Adlers Ferienwohnung übernachtete und über das Miteinander, das Wir-Gefühl der Bewohner des Ortes und der Mitglieder im Verein staunte. Robinson war begeistert.
Womit der Bogen zur Brücke wieder zu Heiko Adler geschlagen ist. „Das fragen mich viele“, sagt er, was den Reiz, ja die Magie, des Kaffeetälchens ausmache. „Ich denke, dass es auch die Geschichte ist“. Er sinniert darüber, als würde man ihm beim Spazierengehen im Kopf erwischen, „hier war ja früher nur Wald“. Wir stehen wenige Tage vor den Jubiläums-Feierlichkeiten auf dem bestens gepflegten Platz, und Adler schiebt nach: „Wir hatten fast immer eine gute Mannschaft. Schon in den 1920er- oder 1930er-Jahren gab es hier 1.200 Zuschauer oder mehr.“ Seinerzeit habe es noch keine Ränge gegeben, „die Zuschauer standen alle im Wald drin“.
Noch ist das gesamte Gelände unzureichend beschrieben. Es gehört mehr dazu. „Es wurde immer gebaut hier“, verdeutlicht Adler. Die bewachsenen Ränge bleiben auch zukünftig, die Sitze auf der rechten Seite seien in den 1960er-Jahren ausgebaut worden, die Barrieren für die Zuschauer, die Geländer, habe der Verein selbst errichtet, hergestellt und bezahlt. Mitarbeiter der Stadt Bad Salzungen kümmerten sich nur um die Rasenfläche, das sei das Einzige, „wir vom Verein mähen auch die Hänge“. Nicht nur Heiko Adler ist stolz auf die Eigeninitiative der Mitglieder des kleinen Vereins. Überschaubar ist ihre Zahl mit 338 – davon 270 Kinder; 40 sind aus Frauensee, 43 aus Kieselbach. Doch Kult und Mythos bewegen. Kali Werra ist Kali Werra. Und Tiefenort heißt auch und nicht zuletzt Kaffeetälchen.
Adler geht kurz auf das Buch ein, das er an Jonas Schultes Seite präsentiert. In Ungarn musste es gedruckt werde, in Deutschland sei die Finanzierung zu teuer, „der Verein muss das selbst bezahlen“. Es gebe schon zig Vorbestellungen. Schulte und Adler sind keine Novizen in Sachen „der Kali Werra-Bühne betreten“ – das machten sie bereits vor drei Jahren, als die BSG Kali Werra Tiefenort ihr 110-jähriges Bestehen feierte. 1913 wurde der Verein gegründet, als „Fußballverein Adler“, einige Jahre später kam vorübergehend das Kürzel „Viktoria“ hinzu. Die Fußballer suchten einen Platz für ihr Tun. Vorübergehend kickten sie auf den „Werrawiesen“. Bis „Kali Werra“ hinzukam. Der Trägerbetrieb und Sponsor erwies sich als Segen für den Verein in der Nähe von Bad Salzungen. Adler ist sich darüber bewusst und spricht den Umstand auch klar an: „Wenn der Kali-Betrieb nicht gewesen wäre, wäre nichts passiert.“
Alle packten mit an. Der positive Trend setzte sich fort. Entwicklung und Perspektive schienen gar „durch die Decke zu gehen“ nach dem Zweiten Weltkrieg. „In den 1950er-Jahren, die Grenze war noch auf“, bemüht Adler wieder seine Erinnerung, „kamen viele Zuschauer aus dem Westen. Danach rollten Bagger an. Das Fassungsvermögen sollte bis auf 10.000 Zuschauer ausgebaut werden.“ Mit dem Ergebnis, dass zum Pokalspiel gegen Turbine Erfurt im Jahr 1959 8.000 Zuschauer kamen
Spricht man über Kali Werra Tiefenort und das Kaffeetälchen, darf man das „Weiße Haus“ nicht vergessen. Es ist eins dreier Gebäude der Anlage – und das „Vereinshaus“, der Puls und die Seele des Vereins. In den 1950er- und 1960er-Jahren diente das in DDR-Zeiten als Wohnhaus und Unterkunft, die Kali Werra-Spieler zogen sich im nahen Schützenhaus am Wald um und duschten auch dort. Ab 1964 spielte das Team für zwei Jahre „auf der Heerstatt“ nahe dem Schwimmbad im Ort – der Platz im Kaffeetälchen wurde neu hergerichtet. Danach war es einer besten Rasenplätze der DDR, meinte so mancher, „Wembley-Rasen“ halt.
Eine besondere Wertschätzung und Auszeichnung kommt hinzu. Als „Kali Werra-Bonbon“ sozusagen: Als das Fußballmagazin „Elf Freunde“ vor wenigen Jahren eine etikettierende Befragung nach den „schönsten und attraktivsten Stadien“ durchführte, kam das Kaffeetälchen an 13. Stelle weltweit ein. In Deutschland auf Rang zwei. Nur das Westfalenstadion in Dortmund lag vor Tiefenort. Ein Ort, an dem das Herz noch zählt. Nicht das große Geld.
Aus diesem Grund – er trägt sicherlich viel dazu bei – ist das Kaffeetälchen zum Magneten zahlreicher Groundhopper geworden. Gerade in der jüngeren Vergangenheit. Dieses Empfinden und Herzblut machen den Verein fraglos stolz. Diese Werte streicheln die Seele. Die Groundhopper kommen überall her, aus Europa und der ganzen Welt – aus England, Belgien, Australien, den Niederlanden oder Österreich. Wie diese sensiblen Fußball-Anhänger so sind, liegt ihnen eine Eintrittskarte besonders am Herzen. Oder auch, wie es Heiko Adler ausdrückt. „Wir geben denen gleich eine Thüringer Bratwurst.“ Das stiftet Identifikation, Und Identität.
Heute spielt Kali Werra Tiefenort in der Kreisliga A der Westthüringen-Liga. Im Schnitt besuchen 200 Zuschauer die Spiele. Dass der Traditionsverein derart abgerutscht in der Spielklasse, liegt nicht zuletzt daran, dass Kali Werra nach oder mit Beginn der Wende einen gehörigen Aderlass an Spielern verkraften musste, 30 waren es – und förmlich „ausblutete“. Hier versäumte es der DFB, dem Traditionsverein finanziell zu unterstützen. Immerhin: Zum 100-jährigen Vereinsjubliäum griff Philipp Lahm mit seiner Stiftung Kali Werra Tiefenort unter die Arme. 16 Nachwuchsmannschaften stellt der Verein, zusammen mit Frauensee und Kieselbach, dazu kommen drei Frauenfußball-Teams und eine Dart-Mannschaft.
Natürlich besitzt Heiko Adler eine Fußball-Vergangenheit. Seine Laufbahn begann er bei Kali Werra im Kaffeetälchen, nach der siebten Klasse wechselte er zu Carl-Zeiss Jena. Er spielte auch in der Nachwuchs-Oberliga – zu Zeiten, als das thüringische Aushängeschild (neben Rot-Weiß Erfurt) vom aus Dietlas stammenden Hans Meyer trainiert wurde und der es mit dem Verein 1981 schaffte, ins Endspiel des Europapokals gegen Dinamo Tblissi (oder Dynamo Tiflis) einzuziehen. Übrigens trennen Dietlas und Tiefenort nur wenige Kilometer. Einige Jahre blieb Adler in Jena – ehe es ihn ins Kaffeetälchen zurückzog. Nach der Wende – Mike Lindemann hatte sich da schon dem TSV Ausbach angeschlossen -, spielte Adler noch in der DDR-Liga; gegen Zwickau, Chemie Böhlen oder Chemie Leipzig. Bis er nach Asbach wechselte, mit dem aus Gospenroda stammenden Udo Ratz. Die ebenfalls bekannten Enrico Keil und Tom Gröll schlossen sich dem ESV Hönebach an. Adlers Trainer in Asbach: Norbert Kallée, Werner Engelhardt, Norbert Ruch und mehrere Jahre Werner Schlacher. Er schaffte mit dem später umbenannten SVA Bad Hersfeld den Sprung in die Oberliga Hessen. Und blieb, bis der Verein aus der höchsten hessischen Liga abstieg.
Heiko Adler war und ist stark eingespannt in Tradition und Geschichte des Vereins, in die Organisation der Feierlichkeiten und ihrer Präsentation. Er macht darum keine großen Worte. Das macht er nie. Es ist nicht seine Art. Auf ihn ist, wie früher auch auf dem Fußballplatz, einfach Verlass. Er lässt sein Herz im Kaffeetälchen. +++ rl
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