Zunächst schlampig, dann furios und mit Herz – SGB bleiben keine Punkte bei der Heimpremiere

Sieben Tore zum Auftakt, bisweilen spektakuläre Unterhaltung, die bis in die Schluss-Sekunden andauerte: Die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz bot bei ihrer Heimpremiere am zweiten Spieltag der Fußball-Regionalliga Südwest in der Johanisau nach schlampiger erster Halbzeit noch Vieles, was Spaß machte. Sie verkürzte den 1:4-Rückstand zur Pause, der kurz zuvor gar ein 0:4-Rückstand war, noch bis auf 3:4. Doch: die vielfach geäußerte Einschätzung, „hattest du etwa gegen Sandhausen Punkte eingeplant?“, greift nicht. Und Kritik zu üben, ist ja nicht selbstredend negativ; das hat sich in der oberflächlichen Wahrnehmung breit gemacht – und vielmehr kann dies, denn es heißt ja schlichtweg Bewertung, auch positiv sein. Denn es ist geht in allererster Linie darum, das mannschaftliche Auftreten der SGB einzuordnen.

Man darf sich natürlich die Frage stellen: Wäre das Spiel anders gelaufen, wenn … Ja, wenn die SGB die erste versprechende Chance der Partie anders ausgespielt hätte. Moritz Dittmann generierte in Höhe der Mittellinie einen Ballgewinn, zog mit ihm bekannten Tempo an, lief auf die Box zu, bediente Leon Pomnitz in mehr linker als halblinker Position im Strafraum, Pomnitz brachte die Eingabe nach innen – SVS-Keeper Schneller aber fing ab. Roko Ivankovic war rechts mitgelaufen bis in Tornähe, bekam die Kugel aber nicht (6.). Reduzieren darf man eine Spiel-Entwicklung darauf aber nicht.

Vielmehr schälte sich Favorit Sandhausen in der Folge als eindeutig besseres Team heraus. Fußballerisch in der Qualität voraus, mit reiferer Anlage, mit Niklas Tarnat und Marco Kehl-Gomez als Sechser-Köpfen, und mit schnellen, spritzigen Offensivkräften. Das bekam die SGB beim Führungstor des Gastes nach zehn Minuten zu spüren: Wieder entwickelte sich der Angriff über die starke linke Seite des SVS, Tasdelen, der sich aus engen Räumen immer wieder wegschlich und sich darin gut bewegte, leitete einen langen Ball direkt und mit One-Touch-Football direkt weiter – und die flache Eingabe eines Mitspielers verwertete Leonidis, der in den Ball hineinspritze und einen Schritt schneller als sein Gegenspieler. Ein Tor zum Genießen. Da war auch SGB-Trainer Daniyel Cimen baff und begeistert. „Das Tor kannst du kaum verteidigen. Oder gar nicht“, sagte er.

Noch einmal bot sich der SGB im Ansatz Verheißungsvolles, als sich Innenverteidiger Aaron Frey, der einige gute vertikale Anspiele in seinem Vortrag hatte, und Aufbauspieler einschaltete, den Ball trieb, aber zu lange zögerte mit dem Abspiel. Indessen ließ das 2:0 für den SVS nicht lange auf sich warten. Bis in Minute 20, als Tarnat einen Freistoß trat – er nahm sich jedem Standard des SVS an -, der Ball nach zweimaligem Kopfball beim Ex-Barockstädter Tim Korzuschek landete, und der, wieder mit schnellerem Spiel im Kopf, zur Stelle war und ins Tor traf.

Dieses an sich in der Entstehung einfache Tor offenbarte Defizite in der SGB-Verteidigung. A n sich sind es Basics. Erstens: Als Abwehrspieler ist es hilfreich, den Ersten Ball zu bekommen. 2. Die „innere Linie“ zuzumachen. 3. Stellungsspiel. Bei aller Wertschätzung und Favoritenstellung des Gastes: Solch ein Gegentor darf die SGB auf diesem Niveau nicht bekommen. Das ärgerte Cimen – und sein Team kassierte einen zweiten Gegentreffer nach einem Standard. Auch wenn es jetzt aus Sicht des Gastgebers etwas unglücklich schien. Dieses Mal war Innenverteidiger Appiah Schulz der Nutznießer. Doch wieder bekam die SGB einen Ersten Ball nicht.

Der Gastgeber reagierte zu sehr, kam in vielen Spielsituationen zu spät, offenbarte zu große Lücken und Abstände im Mittelfeld (was nicht gut für die Kräfte in der letzten Linie waren) – es fehlte die mannschaftliche Struktur. Das Auftreten als Team. Zwischenzeitlich ein guter, ein fußballerisch sehenswerter Angriff der SGB. Dittmann leitete ihn ein, nahm einen geschickten Laufweg, wurde vertikal in der Box angespielt – doch Appiah Schulz klärte. Ein weiterer vertikaler Ball auf Schmitt, doch der kam nicht in die Box (32.). Kurz darauf ein Schmitt-Freistoß, Freys Kopfball-Verlängerung ging Benz das Tor (39.). Oder dies: Frey nahm Pomnitz mit, der spielte raus auf Schmitt, doch der SVS klärte erneut (44.).

Im Gegenzug fiel das 4:0 für den Gast – und es hatte ein wenig Symbolkraft. Was Passivität, Reagieren und Zu-Spät-Kommen der SGB in der ersten Hälfte anging. Mamutovic, der zentral für einige Impulse sorgte, durfte per Flachschuss abziehen.

Doch: Fußballer wissen es ja, wie wichtig es ist und wie gut für die Psyche, wenn man, ehe es in die Halbzeitpause geht, noch trifft und verkürzen kann. Ecke Pomnitz, Kopfball der „Fleißbiene“ Ivankovic – 1:4. Dieses Tor öffnete die Seele der SGB.

Gästetrainer Kevin Stotz bekannte, er habe „zwei Halbzeiten“ von seiner Mannschaft gesehen. „In der ersten war es ein Super-Spiel von uns. Es war vieles gut, auch wenn zwei Standard-Tore darunter waren. Wir hatten eine gute Kontrolle.“ Auch wenn er einräumen musste: „Das Gegentor noch vor der Pause war ein erster Knackpunkt.“

Dafür kam die SGB zurück. Fast könnte man sagen, sie schlug zurück. Das hatte nicht zuletzt mit den Einwechslungen der Zugänge zu tun. Nicolas Wähling besetzte die linke Offensiv-Seite – und seine mutigen Dribblings und Eingaben beschworen Gefahr herauf; erst als er die Seite wechselte oder wechseln musste, klappte das nicht mehr so gut. Oder und vor allem Zentrumsstürmer Emmanuel Chinedu Elekwa. Der schirmte wiederholte gut den Ball ab nach dem Anspiel, machte ihn mit dem Rücken zum Tor prima fest – und drehte sich in der Bewegung zum Tor und Abschluss hin gefährlich; die groß gewachsenen SVS-Innenverteidiger und „Kanten“ Osee und Appiah-Schulz hatten ihre liebe Müh‘ und Not mit ihm.

Elekwa holte auch bald einen Freistoß heraus. Einen, der Folgen haben sollte. Pomnitz machte das nach Standards, trat ihn mit Wucht aufs Tor, Keeper Schneller tauchte zwar gut, nach dem Abpraller aber schaltete Innenverteidiger Milian Habermehl am schnellsten – und donnerte die Kugel ins Tor. Zum 2:4. In Minute 50. Würde noch was gehen in der Johannisau? Cimen urteilte:

„Noch einmal so zurückzukommen bei diesen Temperaturen, das ist nicht selbstverständlich. Unsere zweite Halbzeit war richtig gut.“ Voller Moral und Mut. Glaube an sich selbst. Und ausgepacktem Herzen.

Die SGB attackierte früher. Verschob das Spiel in des Gegners Hälfte. Spielte im Zweikampf beherzter. Kam früher – auch und nicht zuletzt vom Spiel im Kopf her – in die Situationen.

Sandhausen musste sich schütteln. Und fangen. Und während bei der SGB vieles vom Kampf her kam, hatte der SVS Möglichkeiten zum vierten Tor. Osees Kopfball traf die Latte (60.). Aufregung vier Minuten später: Kevin Hillmann wurde da aussichtsreich im letzten Moment am Kopfball gehindert – die Schiri-Entscheidung aber erschien richtig.

Bis die Nachspielzeit kam. Und da bewies Elekwa einmal mehr seine Fähigkeiten und Qualitäten, als er sich in mehr oder weniger zentraler Position in der Box durchsetzte auf engstem Raum, sich in die Bewegung zum Tor drehte – und die Kugel in die lange Ecke spitzelte – zum 3:4. Cimen später: „Schade, dass das Tor nicht etwas früher gefallen ist.“ Ganz Cimen, blickte er aber fast im gleichen Atemzug voraus: „Ich nehme mit, dass die Mannschaft eine Super-Reaktion gezeigt hat. Nächste Woche in Ulm haben wir die Gelegenheit, es besser zu machen.“

Zum guten – oder besser gesagt nicht so guten Schluss musste er auf eine dumme Szene eingehen, in der Elekwa unmittelbar nach dem Abpfiff in ein Gerangel mit Kehl-Gomez geriet und sich die Rote Karte einhandelte. „Das ist, nicht zuletzt wegen seiner guten Leistung, umso ärgerlicher. Das schadet nicht nur ihm, sondern auch der Mannschaft.“ Der scheinen auswärtige Spiele irgendwie besser zu liegen.

SG Barockstadt Fulda-Lehnerz: Horz – Kraft (74. Iljazi), Habermehl, Frey, Hillmann – Sarpei (77. Gün)) – Ivankovic, Pomnitz – Dittmann (77. Reinhard), Schmitt (46. Wähling) – Göbel (46. Elekwa)

SV Sandhausen: Schneller – Yigit, Osee, Appiah Schulz, Kehl-Gomez, Tarnat (70. Mazagg), Korzuschek (54. Akgöz), Gipson (70. Outman), Mamutovic (83. Jadar), Tasdelen, Leonidis (70. Maderer)

Schiedsrichter: Kadir Yagci Zuschauer: 1.420

Tore: 0:1 Tasos Leonidis (11.), 0:2 Tim Korzuschek (20.), 0:3 Kwabenaboye Appiah Schulz (31.),

0:4 David Mamutovic (45.), 1:4 Roko Inankovic (45.+3), 2:4 Milian Habermehl (50.), 3:4 Emmanuel Chinedu Elekwa (90.+5) +++ rl


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