In einigen Pflegeheimen sind die Temperaturen in diesem Sommer auf Werte gestiegen, die nicht nur für die Beschäftigten zur Belastung werden, sondern für ältere und pflegebedürftige Menschen lebensgefährlich sein können. Das zeigt eine Befragung der Gewerkschaft Verdi unter 321 Pflegekräften und anderen Beschäftigten von Pflegeeinrichtungen, über die die Zeitungen der Funke-Mediengruppe berichten.
Für die Erhebung wurden die Teilnehmer gebeten, zwischen dem 30. Juli und dem 10. August regelmäßig die Temperaturen in ihren Einrichtungen zu messen. Insgesamt kamen 801 Messungen zusammen. Dabei wurden in der Spitze am Tag bis zu 45 Grad gemessen. Selbst während der Nacht blieb es vielerorts ungewöhnlich warm. Die Medianwerte lagen zwischen 1 und 3 Uhr bei 26 Grad und in den frühen Morgenstunden zwischen 6 und 8 Uhr bei 25 Grad. Im Tagesverlauf bewegten sich die Medianwerte zwischen 28 und 30 Grad.
Damit wurden in zahlreichen Einrichtungen Temperaturen erreicht, bei denen nach den Vorgaben des Arbeitsschutzes Gegenmaßnahmen notwendig sind. Ab einer Raumtemperatur von 30 Grad müssen wirksame Maßnahmen ergriffen werden. Ab 35 Grad gilt ein Raum grundsätzlich als nicht mehr für die Nutzung als Arbeitsraum geeignet. Nach Angaben von Verdi meldeten 40,9 Prozent der Beschäftigten, die Temperaturen erfasst hatten, mindestens einen Wert von mehr als 30 Grad. 12,8 Prozent registrierten mindestens einmal mehr als 35 Grad.
Wie stark die Hitze den Arbeitsalltag der Beschäftigten beeinträchtigt, zeigt auch die Bewertung der persönlichen Belastung. Auf einer Skala von 1 bis 10, bei der 10 für eine sehr starke Belastung durch Hitze steht, lag der Durchschnitt bei 8,2. Der Median erreichte sogar einen Wert von 9.
Besonders problematisch ist die Situation für die Bewohner der Pflegeeinrichtungen. Die von Verdi befragten Beschäftigten berichteten von gesundheitlichen Folgen, die nach ihrer Einschätzung teilweise mit der Hitze in Zusammenhang stehen. Elf Prozent gaben an, Kreislaufzusammenbrüche bei Bewohnern erlebt zu haben. Zehn Prozent berichteten von Fällen von Dehydrierung. Neun Prozent nannten Todesfälle, die mutmaßlich mit der Hitze in Verbindung standen.
Sylvia Bühler, Mitglied im Bundesvorstand von Verdi, spricht angesichts der Ergebnisse von zum Teil erschreckenden Zuständen. Temperaturen von bis zu 45 Grad in einzelnen Pflegeheimen seien für Beschäftigte unerträglich und könnten für Bewohner lebensgefährlich sein, sagte Bühler den Funke-Zeitungen. Bund und Länder müssten deshalb dringend ein Sofortprogramm für den Hitzeschutz und die energetische Sanierung von Pflegeeinrichtungen auflegen.
Nach Ansicht der Gewerkschaft geht es dabei nicht allein um technische Maßnahmen wie die Verbesserung der Gebäude. Eine angemessene staatliche Finanzierung von Investitionen könne zugleich dazu beitragen, die hohen Eigenbeiträge zu senken, die viele Bewohner von Pflegeeinrichtungen bereits heute finanziell überfordern.
Die Hitze verschärfe zudem ein Problem, das den Pflegebereich ohnehin belastet: den Personalmangel. Die im normalen Alltag bereits zu knappe Personalausstattung kollabiere während ausgeprägter Hitzephasen vollständig, kritisierte Bühler. Einerseits komme es vermehrt zu krankheitsbedingten Ausfällen, andererseits müssten Pflegekräfte zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der Bewohner durchführen. Dafür werde jedoch Zeit benötigt – und damit zusätzliches Personal.
Besonders kritisch bewertet Bühler die Situation, wenn Pflegekräfte allein für eine Schicht verantwortlich sind. Dies betreffe insbesondere die Nachtstunden. Nach ihren Angaben seien 100 Bewohner und mehr, die von einer einzigen Fachkraft betreut werden müssten, offenbar keine Ausnahme. Unter solchen Bedingungen sei professionelle Pflege nicht mehr gewährleistet.
Für Verdi führt die Entwicklung deshalb über den konkreten Hitzeschutz hinaus zu einer grundsätzlichen Frage der Finanzierung und der personellen Ausstattung von Pflegeeinrichtungen. Die Bundesregierung müsse ihre Pläne zur Pflegeversicherung gründlich überarbeiten, fordert Bühler. Statt Kürzungen brauche es aus Sicht der Gewerkschaft bedarfsgerechte Vorgaben für den Personaleinsatz, die vollständig refinanziert werden müssten.
Die Ergebnisse der Befragung zeichnen damit ein Bild von Pflegeeinrichtungen, in denen extreme Temperaturen auf bereits angespannte Arbeitsbedingungen treffen. Während die Beschäftigten bei großer Hitze zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen, sind die Bewohner aufgrund ihres Alters und ihrer Pflegebedürftigkeit besonders gefährdet. Für Verdi zeigt die Erhebung deshalb, dass Hitzeschutz in Pflegeheimen nicht als vorübergehende Maßnahme verstanden werden könne, sondern mit der baulichen Ausstattung, der Finanzierung und der Personalsituation der Einrichtungen verbunden sei. +++
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