Diese Heimpremiere hatten sich die Anhänger des TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell anders vorgestellt. Jedenfalls ihren Ausgang. Nach fast genau vier Stunden endete der dramatische und jederzeit spannende Vergleich gegen den TTC OE Clarity-Telefon-Systeme Bad Homburg am zweiten Spieltag der Bundesliga mit 2:3. Der Abend in der Hubtex Arena beinhaltete drei dramatische Fünfsatz-Matches – nur jenes des „Stehaufmännchens“ Ruwen Filus mündete im Punktgewinn für das Team aus Fulda. Ovtcharovs glatter Sieg im Eröffnungseinzel kam hinzu. Mag sein, dass die engen Matches auch andersherum hätten ausgehen und sich auf Maberzells Seite neigen können – eine kritische Einordnung tut indessen gut. Und deren Aspekten sollte sich jeder stellen. Und es blieben – wie im Auftaktspiel der Saison bei Weder Bremen -, nur zwei Punkte übrig. Mithin bleibt die Sehnsucht nach dem dritten, dem Siegpunkt. Denn noch steht der TTC RhönSprudel mit null Punkten da nach zwei Spielen – und am Dienstagabend führt die Reise ins Bergische Land zum ebenfalls noch punktlosen „Duda-Team“ Bergneustadt, das jetzt gegen Borussia Dortmund mit 1:3 den Kürzeren zog. Doch lesen sie zunächst die spannende Geschichte vom Samstagabend.
Auch hier ergibt es Sinn, den Verlauf des Abends peu à peu zu verfolgen. Die Atmosphäre in der stimmungsvollen Hubtex Arena nimmt einen immer mit. Es fühlt sich an wie ein Nachhause-Kommen. Alex aus dem Fanclub „RhönSprudel Power“ trommelt sogar etwas zu früh, auch er scheint es nicht abwarten zu können. Und wieder einmal übernimmt Oliver Weißenberger die Anmoderation. Die Mannschaften stehen in den Startlöchern. Kinder und Jugendliche haben freien Eintritt. Im Laufe des Abends stört das hin und wieder. Und es ist wie immer: Noch ehe Fuldas Spieler einlaufen, stehen die Mitglieder des Fanclubs. Auch wie immer: Die Halle ist sehr gut besetzt. Um 19.01 Uhr geht es los.
Es fühlt sich beinahe selbstverständlich an, dass Dimitrij Ovtcharov im Eröffnungseinzel seine Klasse zeigt. Der hoch aufgeschossene Kroate Ivor Ban hat bei Dimas glattem Dreisatzsieg nicht wirklich eine Chance. Die beiden ersten Sätze gewinnt Dima jeweils mit 11:9, den Dritten gar mit 11:5. Auch wenn die ersten beiden Durchgänge eng verlaufen, und Dima erst jeweils beim 10:9 einen Satzball hat – er holt die Punkte, wenn es wichtig und entscheidend wird, wenn er sie braucht. Im Ersten liegt Ban mit 8:6 vorne – bis Dima kommt. Im Zweiten steht es 8:8 und 9:9. Den Dritten spielt Dima „von oben runter“, beim 10:5 hat er fünf Matchbälle. Dima – oder der Besessene, die Punkte zu machen.
In Einzel zwei folgt das erste der drei Fünfsatz-Matches. Jonathan Groth muss sich schließlich dem Ungarn Csaba Andras beugen – obwohl er mit 2:1-Sätzen führte, das Duell also noch aus der Hand gibt. Am Publikum kann es nicht liegen, denn von Beginn an begleiten Groth aufmunternde Worte. Anfangs wirkt der Däne beherzt – bald aber zeigen oder spiegeln sich zwei Gesichter: Hier das mutige Vorgehen, dort schleichen sich zu viele Fehler ein. Schon der Erste lebt von seiner Spannung: Groth führt 5:1 und später 6:4. Andras aber kommt uns geht seinerseits mit 8:6 in Front. „Auf geht‘s, Jona. Auf geht‘s“, schallt es aus dem Fanblock. Groth gleicht aus. Geht gar mit 9:8 in Führung. Mehr noch: Beim 10:8 hat er zwei Satzbälle. Den ersten nutzt er. Jona Groth hat fünf Punkte in Folge gemacht.
Der Zweite aber findet ein anderes Ende. Andras führt 7:4. Und 8:5. Wieder Sprechchöre für Groth, der herankommt und beim 9:9 ausgleicht. Beim 10:9 hat er gar erneut Satzball. Er hat wieder viermal in Folge gepunktet – von 6:9 bis 10:9. Doch Andras kontert. Egalisiert zum 10:10. Hat seinerseits Satzball beim 11:10. Der erste sitzt auf Anhieb. 1:1 nach Sätzen. Auch die kleine und überschaubare Bad Homburger Fanschar meldet sich zu Wort. „Let‘s go, Csaba. Let‘s go“, kommt es aus den jungen Kehlen. Eine Tendenz verfestigt sich: Das Match lebt von der Spannung.
Im Dritten liegt Groth wieder vorne. Mit 8:6. 9:7. Ehe der Däne beim 10:7 drei Satzbälle hat. Nach Groths Aufschlag landet Andras‘‘ Rückschlag im Netz. 11:7 für Groth, der mit 2:1-Sätzen in Front geht. Reicht es noch zu einem Satz- und Punktgewinn für sein Team? Im Dritten steht es 6:6 – ehe Andras kommt. Groth lässt sich zu sehr von der Platte zurückdrängen. Die Folge: Beim 10:8 hat Andras zwei Satzbälle. Der erste hilft. 2:2 nach Sätzen. Und was folgt im Entscheidungssatz? Andras spielt von oben runter, Groth lässt sich den Schneid abkaufen. 5:2. 8:3. 10:5 sind die Stationen. Der Ungar hat fünf Matchbälle. Schreit seine Freude heraus. 1:1 im Teamvergleich.
Jetzt ist Ruwen Filus gefordert. In der vergangenen Saison war er zweitbester Punkte-Sammler des TTC, riss die Zuschauer wiederholt von den Sitzen. Nachdem er beim Auftakt in Bremen nicht mitwirken konnte, ist das Folgende sein erster Einsatz in dieser Serie. Und es sollte ein grandioser werden. Einer fürs Drehbuch. Das Parade-Beispiel einer Aufholjagd. Die ersten beiden Sätze muss Filus abgeben. Mehrfach hadert er mit sich. Und es scheint, dass eine Szene im Ersten Symbolcharakter besitzt. Filus guckt leer und enttäuscht nach oben – so, als würde er seinen Rhythmus suchen. Und den findet er im Dritten. Mit Unterstützung des Publikums, das spürt, wie wichtig dieser Satz ist.
Filus wird stabiler, macht weniger Fehler. Als er 6:7 zurückliegt, hat er nach einem tollen Ballwechsel eine furiose Antwort parat. Ruwen Filus ballt die Faust. Das ist fast der Alte. Er macht drei Punkte in Folge und geht beim 8:7 in Führung. Eine wichtige psychologische Situation und Wendung. Einige des Fanclubs sind aufgestanden zur Unterstützung. Auch beim 9:8 gehört Filus der Punkt – mit einem extremen Topspin-Angriffsball. Auch das kann er. Von wegen, Filus die Wand. Mit 11:9 holt er sich den Dritten. Nicht der Beginn einer kochenden Leidenschaft – aber einer Aufholjagd.
Auch der Vierte ist nichts für schwache Nerven. Filus führt 6:3 und 7:4, doch der Spanier Perez mit seinen Vorhand-Peitschen und aggressiven Angriffsspiel kontert. 8:8. 9:9. Spannungskitzel allenthalben in der Hubtex Arena. Filus hat beim 10:9 Satzball. Perez gleicht aus. Filus indessen nutzt seinen zweiten. 12:10. Die Zuschauer sind aus dem Häuschen. 2:2 nach Sätzen. Im Fünften dreht Ruwen Filus auf – gleichermaßen lässt sich Perez von seinem Gegner und dem frenetischen Publikum den Schneid ankaufen. Filus zieht auf und davon. 6:1. 8:2. 9:2. Beim 10:2 sind es acht Matchbälle. Der zweite passt. 11:3. Ruwen Filus hat die Rolle des Punkt-Holenden angenommen und bestens ausgefüllt. 2:1 für Fulda-Maberzell.
Viele denken und erwarten jetzt, dass Dima den Sack zumacht und seinen TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell zum 3:1-Sieg führt im Duell mit dem Ungarn Andras. Den Ersten fischt sich Dima auch. In (fast) gewohnter Manier. Auch Andras deutet seine Substanz und Klasse an, so leicht lässt er sich nicht abschütteln. Dima aber zeigt, was Sache ist. Er geht mit 6:4 in Führung – und zieht davon. 8:6. 9:6. Vier Satzbälle hat er beim 10:6. Der dritte sitzt. Mit 11:8 sichert er sich den Ersten.
Dann aber passiert das, was dem Menschen Ovtcharov auch mal passiert. Den Vielspieler, der sich erst in Malmö ins internationale Rampenlicht gespielt hat, verlassen die Kräfte. Er tritt so auf, wie man ihn nicht kennt. Sein Akku ist leer. Mehr Worte braucht es nicht. Der TTC RhönSprudel ist nicht Dima allein. Der Ungar findet immer mehr Zutrauen und Sicherheit und gewinnt die Sätze zwei bis vier glatt. Fulda-Maberzell lag 2:1 vorne – doch Bad Homburg kommt im Hessenderby zurück.
Wieder einmal muss das Doppel entscheiden über den Aushang eines Matches. Und da feierte Andrei Istrate, der rumänische Zugang des TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell, sein Heimdebüt. Und zwar an Jonathan Groths Seite. Beide hatten schon in Bremen zusammengespielt – und die neue Formation harmonierte anfangs gut. Istrate überzeugte mehrfach durch seine starke Vorhand, und auch Groth leistete seinen Beitrag. Das Fuldaer Duo gewann die beiden ersten Sätze mit jeweils 11:8. 8:8 stand es im Ersten, ehe sich Groth/Istrate zwei Satzbälle erarbeiteten. Der zweite verlief ähnlich. Auch 8:8. 10:8 – und zwei Satzbälle.
Doch die Gegner Ban/Benno Oehme gaben sich so leicht nicht geschlagen. 7:7 hieß es im Dritten – bis die Bad Homburger die entscheidenden Punkte machten. Drei Satzbälle hatten sie schon beim 10:7, „Fulda“ kämpfte sich heran – doch die Gäste holten sich den Satz mit 11:9. Der Vierte hatte denselben Endstand. Und auch hier bewiesen die Bad Homburger die wohl besseren Nerven. Ab dem 8:8 punkteten sie entscheidend. Es ging in den Fünften. Mehr Spannung geht nicht, Dramatik kam hinzu und steckte dem Publikum zunehmend in den Knochen. „Fulda“ schwammen die Felle davon. Bad Homburg nutzte das psychologische Moment. Bei 4:1, 6:2, 7:3 und 9:3 ging es bis zum 10:4. Bad Homburg hatte sich sechs Matchbälle erspielt. Um 22.59 Uhr stand Bad Homburg als Sieger im Hessenderby fest.
Der TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell war geknickt. Und der neutrale Zuschauer musste sich die Frage stellen, wer außer Ovtcharov das psychische Rüstzeug besitzt, um punkten zu können. In sämtlichen drei Fünfsatz-Matches führte das Team aus Osthessen – gab die Spiele aber aus der Hand. Die Chance, es besser zu machen, gibt es schon am Dienstag mit der Aufgabe beim TTC Schwalbe Bergneustadt (19.30 Uhr). Der Gegner scheint als angeschlagener Boxer daherzukommen, denn Protagonist Benedikt Duda verlor gegen Dortmund beide Einzel – gegen den Schweden Kristian Karlsson und Joao Geraldo. Für den Sieger punktete auch Newcomer Wim Verdonschot.
Die Spiele im Einzelnen
TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell – TTC OE Clarity-Telefon-Systeme Bad Homburg 2:3
Dimitrij Ovtcharov – Ivor Ban 3:0 (11:9, 11:9, 11:5)
Jonathan Groth – Csaba Andras 2:3 (11:8, 10:12, 11:7, 8:11, 5:11)
Ruwen Filus – Juan Perez 3:2 (7:11, 8:11, 11:9, 12:10, 11:3)
Dimitrij Ovtcharov – Csaba Andras 1:3 (11:8, 5:11, 6:11, 4:11)
Jonathan Groth/Andrei Istrate – Ivor Ban/Benno Oehme 2:3 (11:8, 11:8, 9:11, 9:11, 4:11) +++ rl

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