
Nils Milde war platt und ausgelaugt, aber glücklich über sein Abschneiden. Was für ein Rennen. Was für eine Hitzeschlacht. Und was für ein Saisonhöhepunkt. Bei der Masters-Weltmeisterschaft in Daegu in Südkorea belegte Milde im 3000-Meter-Hindernislauf der Altersklasse M50 den 5. Platz. Mit einer Zeit von 11:03,85 Minuten blieb der 51-Jährige nur knapp über seinem eigenen Hessischen Rekord – unter Bedingungen, die mit einem normalen Meisterschaftsrennen kaum zu vergleichen waren.
Dabei begann seine Wettkampfsaison ungewöhnlich spät. Nach Rückenproblemen und einer längeren Trainingsunterbrechung im Winter musste er den Fokus zunächst auf einen kontinuierlichen Trainingsaufbau legen. Erst Mitte Juli stand bei den Deutschen Meisterschaften der erste Einzelwettkampf des Jahres auf dem Programm, der 1500-Meter-Lauf. Die Weltmeisterschaft in Daegu war somit erst der zweite Einzelstart der gesamten Saison. Umso ungewöhnlicher war die Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt. Nach intensiven Trainingswochen mit Intervall- und Hinderniseinheiten trat er die Reise nach Südkorea an.
Die ersten Tage verbrachte Milde in Busan, bevor es nach Daegu weiterging. Neben der siebenstündigen Zeitverschiebung musste er vor allem eine andere Hürde nehmen: die klimatischen Bedingungen. Hohe Temperaturen, extrem hohe Luftfeuchtigkeit und ein Wetter, das jede Laufeinheit zur zusätzlichen Belastungsprobe machte. „Ich habe in den letzten Tagen versucht, wirklich alles auf Regeneration zu setzen. Möglichst wenig gehen, viel Ruhe, kurze lockere Läufe und keine unnötigen Belastungen mehr“, ließ sich Milde entlocken.
Schon vor dem Start war klar, dass die vier gemeldeten Top-Athleten ein eigenes Rennen laufen würden. Dahinter entwickelte sich für Milde ein Dreikampf um die Plätze fünf bis sieben. Die Renntaktik war deshalb bewusst nicht auf eine bestimmte Zeit ausgerichtet, sondern auf die Platzierung. „Ich hatte eigentlich nur eine Taktik: dranbleiben“, dachte Milde. Er nahm sich das vor. Und er füllte es mit Leben.
Denn es funktionierte.
Ein Peruaner im Starterfeld, der zunächst ebenfalls mit der Spitzengruppe mitging, musste sein Tempo im weiteren Rennverlauf reduzieren. Milde konzentrierte sich anschließend auf einen anderen, den Franzosen, der etwas zu schnell anlief. Mit Blick auf die Zwischenzeiten ließ Milde bewusst einige Meter Abstand entstehen, blieb aber immer in Schlagdistanz. Das Tempo war einfach etwas zu schnell. Nach rund 1000 Metern beruhigte es sich etwas. Gemeinsam wurde der Peruaner wieder eingeholt und überholt. Milde blieb zunächst hinter dem Franzosen. Entscheidend war dabei, nicht zu früh zu viel zu riskieren. „Ich wollte auf keinen Fall nach 2000 Metern das Gefühl haben, dass gar nichts mehr geht. Deshalb wollte ich lange Kontakt halten und möglichst viele Körner für das letzte Drittel aufbewahren“,verreit er seine Marschroute.
Genau diese Taktik ging auf. Auf den letzten 600 Metern verschärfte der Franzose noch einmal das Tempo. Die Hitze machte sich jetzt massiv bemerkbar, aber Milde blieb dran. Das letzte Hindernis wurde noch einmal zur großen Herausforderung. Danach ging es nur noch darum, alles herauszuholen. Im Ziel angelangt, blieb die Uhr bei 11:03,85 Minuten stehen. Platz fünf bei einer Weltmeisterschaft. „Die Zeit ist unter diesen Bedingungen eigentlich zweitrangig“, fasste der für den Hünfelder SV engagierte Milde Abschneiden und Gefühle zusammen. Dabei hätte die Zeit unter normalen Bedingungen durchaus schneller sein können. Doch das spielte unmittelbar nach dem Rennen keine Rolle. „Natürlich hätte ich gerne die 11 Minuten geknackt. Aber heute war eine 11:03 eine unglaublich harte Zeit. Bei diesen Bedingungen war für mich die Platzierung entscheidend“, schob er nach und betonte das für ihn Wichtige.
Die Bedingungen verlangten den Athleten alles ab. Unmittelbar nach dem Zieleinlauf war der in Petersberg-Steinau wohnende Milde völlig erschöpft, kämpfte mit Übelkeit und starkem Zittern in den Beinen und musste sich zunächst von der deutschen Delegation betreuen lassen. Doch die Freude über das Ergebnis überwog.
Fünfter bei einer Weltmeisterschaft – und das im erst zweiten Einzelrennen einer kompletten Saison. Nach der schwierigen Vorbereitung, der langen Verletzungspause, dem späten Saisonstart, intensiven Trainingswochen und schließlich der Reise nach Südkorea ist damit genau das gelungen, worauf die vergangenen Monate ausgerichtet waren: Zum Saisonhöhepunkt war Milde bereit.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieser Weltmeisterschaft: Nicht die theoretische Bestzeit, nicht eine Trainingsprognose und nicht irgendeine Zahl auf der Uhr entschieden dieses Rennen. Sondern Geduld, taktisches Geschick, Durchhaltevermögen – und am Ende der Wille, nach dem letzten Hindernis noch einmal alles herauszuholen. +++ rl

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