
Mit der Eröffnung der neuen Hausarztpraxis in Flieden ist ein Projekt gestartet, das weit über die Gemeindegrenzen hinaus Aufmerksamkeit erregen dürfte. Das Klinikum Fulda und das Herz-Jesu-Krankenhaus haben gemeinsam eine Trägergesellschaft gegründet und damit ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) geschaffen, das die hausärztliche Versorgung langfristig sichern soll. Was in Flieden beginnt, verstehen die Beteiligten als Antwort auf eines der drängendsten Probleme des Gesundheitswesens: den zunehmenden Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten sowie fehlende Nachfolgelösungen für bestehende Praxen.
Bereits zu Beginn der Einweihungsfeier sprach der Sprecher des Vorstands Krankenversorgung der Klinikum Fulda gAG, Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Menzel, über die Beweggründe, weshalb sich beide Häuser zu diesem ungewöhnlichen Schritt entschlossen haben. „Die Nachbesetzung von Hausarztpraxen ist ein Problem, das sich nicht nur in der Region Fulda, sondern auch bundesweit immer schwieriger gestaltet. Der Generationswechsel hinterlässt zunehmend Versorgungslücken. Genau dort möchten wir ansetzen und mit dem VITA² MVZ Flieden gemeinsam Verantwortung übernehmen – allerdings nicht flächendeckend, sondern gezielt an den Standorten, an denen keine Nachfolgerin oder kein Nachfolger für eine bestehende Praxis gefunden werden könne“, so Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Menzel, Geschäftsführer der VITA² gGmbH. Dass sich die Zusammenarbeit so schnell konkretisieren ließ, wertet Menzel als großen Erfolg. Zugleich verwies er auf das breite Interesse an dem Projekt, das bereits bei der Eröffnung sichtbar wurde.
Dipl.-Betriebsw. Michael Sammet, u.a. Geschäftsführer des Herz-Jesu-Krankenhauses (HJK) in Fulda sowie Geschäftsführer der VITA² gGmbH, bezeichnete die neue Praxis als etwas Besonderes – auch aus persönlicher Sicht. Seit vielen Jahren hat er gemeinsam mit seiner Familie seinen Lebensmittelpunkt in der Gemeinde Flieden, ein Grund mehr, dass auch er die ärztliche Versorgung in der Großgemeinde für die kommenden Jahre gut aufgestellt wissen möchte. Als Geschäftsführer zweier Krankenhäuser sei es selbstverständlich gewesen, dort zu helfen, wo Versorgungslücken entstehen.
Sammet erinnerte bei der heutigen Eröffnung auch an den Namenspatronen seines Hauses, das zur Vinzenz Gruppe Fulda gehört, den heiligen Vinzenz von Paul. Dessen Grundsatz es war, nachhaltige Strukturen zu schaffen, um beständig helfen zu können. Diese Maxime sehe er im VITA² MVZ Flieden verwirklicht. Die gemeinsame Trägerstruktur soll die Grundlage dafür schaffen, die Gesundheitsversorgung in der Region sicherzustellen.
Gleichzeitig verschwieg Sammet die wirtschaftlichen Herausforderungen nicht. Als freigemeinnütziger Krankenhausträger müsse das Haus mindestens ausgeglichene Ergebnisse erwirtschaften. Die Rahmenbedingungen würden sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich zunehmend schwieriger. Weitere Budgetkürzungen seien absehbar. Deshalb sei die Übernahme hausärztlicher Versorgung keine Aufgabe, die beliebig ausgeweitet werden könne. In diesem Zusammenhang dankte der Geschäftsführer der VITA² gGmbH allen selbstständigen Hausarztpraxen, die unverzichtbar seien, zumal sich Krankenhäuser und Kliniken auf ihre eigentlichen Aufgaben, nämlich der stationären Versorgung, konzentrieren müssten, seine Anerkennung aus.
Sein besonderer Dank galt den zahlreichen Mitarbeitenden beider Häuser, die innerhalb weniger Monate die bestehenden Praxisräume modernisierten und für den Neustart vorbereiteten. Noch in der Woche vor der Eröffnung seien zahlreiche Umbauarbeiten im Gange gewesen. Dass die Praxis dennoch pünktlich ihren Betrieb aufnehmen könne, sei das Ergebnis einer gemeinsamen Teamleistung.
Auch sein Kollege aus der Geschäftsleitung, Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Menzel, hob hervor, dass das Projekt nur durch das Zusammenspiel vieler Beteiligter möglich geworden sei. Neben den Mitarbeitenden beider Krankenhäuser dankte er ausdrücklich der Gemeinde Flieden sowie dem Vermieter der Praxisräume für die Unterstützung.
Fliedens Bürgermeister, Christopher Gärtner (CDU), sprach heute von einem Glücksfall für die Gemeinde. Gerade erst von einem 85. Geburtstag kommend, habe er dort gespürt, welche Bedeutung eine wohnortnahe hausärztliche Versorgung insbesondere für ältere Menschen habe. Die Nachricht von der neuen Praxis sei entsprechend positiv aufgenommen worden.
Er verwies darauf, dass Flieden kürzlich bei einer bundesweiten Bewertung der Kommunen besonders gut abgeschnitten habe. Ein wesentlicher Grund dafür sei nach Gärtner die enge Verzahnung mit dem Klinikum Fulda, Herz-Jesu-Krankenhaus und den Hausärzten vor Ort gewesen. Zusammen mit weiteren Angeboten wie dem stationierten Rettungswagen steigere dies die Attraktivität der Gemeinde erheblich.
Noch vor rund einem Jahr sei völlig unklar gewesen, wie es mit der bisherigen Hausarztpraxis weitergehen würde. Umso größer sei heute die Erleichterung, dass nicht nur die Praxis erhalten bleibe, sondern auch Arbeitsplätze gesichert würden. Als Zeichen der Anerkennung überreichte der Bürgermeister dem Praxisteam einen Blumenstrauß und wünschte dem gesamten Team, um die beiden, im VITA² MVZ Flieden praktizierenden Ärztinnen, Frau Dr. med. Jutta Gloss und Doris Funk, sowie den Patientinnen und Patienten alles Gute.
Auch aus der Landespolitik erhielt das Projekt große Anerkennung. Der hiesige Landtagsabgeordnete im Wahlkreis 15 (Fulda II), Sebastian Müller MdL (CDU), bezeichnete die Einweihung als ein außergewöhnlicher Termin. Er kündigte an, Hessens Gesundheitsministerin Diana Stolz über das Modell informieren zu wollen, da dieses schon jetzt weit über die Kreisgrenzen hinweg bedeutungsvoll sei.
Nach Einschätzung des Landespolitikers rückten Kooperation zwischen Krankenhäusern und Hausarztpraxen auch die stationäre und ambulante Versorgung enger zusammen. Gerade Hausarztpraxen, die für Patientinnen und Patienten erster Anlaufpunkt sind, würden damit stärker mit Kliniken vernetzt. Müller sieht darin ein zukunftsfähiges Modell, das insbesondere den ländlichen Raum stärken könne. Nebenstehend erwähnte Müller, der auch dem Kreistag des Landkreises Fulda angehört, dass die Zusammenarbeit zweier großer Krankenhausträger – die Stadt Fulda für die Klinikum Fulda gAG und die St. Vinzenz gGmbH Fulda für die Herz-Jesu-Krankenhaus Fulda gGmbH – keinesfalls selbstverständlich sei.
Dass beide Häuser ihre Kräfte zum Wohl der Allgemeinheit bündelten, zeige, dass gemeinsames Handeln größere Lösungen hervorbringen könne als Einzelinteressen. Deutschland verfüge zwar im internationalen Vergleich über ein gut ausgestattetes Gesundheitssystem, entscheidend sei jedoch, die vorhandenen Ressourcen intelligenter einzusetzen. Genau dafür könne das Fliedener Projekt beispielhaft sein.
Abschließend richtete sich auch die bisherige Praxisinhaberin, Frau Dr. med. Jutta Gloss, an die Gäste. Sie erinnerte daran, dass die Gemeinschaftspraxis mit ihrem zehnköpfigen Team über mehr als drei Jahrzehnte die hausärztliche Versorgung in Flieden geprägt habe. Die Arbeit mit mehreren Generationen von Patientinnen und Patienten sei für sie stets erfüllend gewesen. Gleichzeitig sei jedoch der Zeitpunkt gekommen gewesen, sich Gedanken über die Zukunft der Praxis zu machen, so die Fachärztin für Allgemeinmedizin.
Die Entscheidung von Klinikum Fulda und dem Herz-Jesu-Krankenhaus, gemeinsam ein MVZ zu gründen, bezeichnete sie als innovative Kooperation und als hessenweit bislang einmaliges Modell. Dadurch könnten sowohl die Ärztinnen als auch die Mitarbeiterinnen weiterhin vor Ort tätig bleiben. Zugleich übernehme das MVZ ein eingespieltes Praxisteam, was den Übergang für die Patientinnen und Patienten erheblich erleichtere.
In den vergangenen drei Monaten seien die Praxisräume umfassend renoviert und auf den neuesten Stand gebracht worden. Dafür dankte sie den Verantwortlichen der MVZ-Geschäftsführung, der Bauleitung, der Innenarchitektin sowie allen beteiligten Mitarbeitenden. Ihr Wunsch sei eine gute Zusammenarbeit mit allen Akteuren des Gesundheitswesens, insbesondere mit den Apotheken und den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen vor Ort.
Zum Abschluss formulierte sie die Hoffnung vieler Beteiligter: Das MVZ Flieden möge sich vom Pilotprojekt zu einem dauerhaften Erfolgsmodell entwickeln. Angesichts der zunehmenden Schwierigkeiten bei der Nachbesetzung von Hausarztpraxen könnte genau darin die eigentliche Bedeutung dieses Projekts liegen – nicht nur für Flieden, sondern weit darüber hinaus. +++ ja
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