
Fulda wird im Herbst wieder zum Treffpunkt für Literaturfreunde. Vom 9. September bis zum 13. Oktober 2026 beteiligt sich die Stadt bereits zum 23. Mal an der landesweiten Veranstaltungsreihe „Leseland Hessen“, die vom Hessischen Kultusministerium initiiert wurde. Das Kulturamt der Stadt Fulda hat dafür ein Programm zusammengestellt, das Kinder und Jugendliche ebenso anspricht wie erwachsene Leserinnen und Leser. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Romane, die von Spannung und Sinnsuche erzählen, von Erinnerung und Liebe, von Vergangenheit und den Geheimnissen, die Menschen miteinander verbinden oder voneinander trennen.
Neben 27 nicht öffentlichen Lesungen an Schulen in Stadt und Landkreis Fulda stehen sechs öffentliche Abendveranstaltungen in der Aula der Alten Universität auf dem Programm. Namhafte Autorinnen und Autoren stellen dort ihre aktuellen Bücher vor. Die Geschichten führen in unterschiedliche Zeiten und Lebenswelten, sind historisch hintergründig, ironisch oder humorvoll, erzählen von Kriminalfällen und Familiengeschichten, von Krieg und Erinnerung, von Wahrheit und verdrängter Vergangenheit. Alle Abendlesungen beginnen um 19 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Den Auftakt macht am Mittwoch, 9. September, Ingo Schulze. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller, der zu den bedeutenden Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur zählt, liest aus seinem Roman „Das Wasser im August“. Ein Erzähler reist im Sommer 2025 zu einer Lesung aus einer noch nicht vollendeten Novelle nach Mecklenburg. Dort, in der seenreichen Landschaft, die er in seinem Text über den Sommer 1979 als den „Norden“ bezeichnet, gerät die Grenze zwischen Erinnerung, Literatur und Gegenwart zunehmend in Bewegung. Eine unerwartete Begegnung scheint die unfertige Novelle zum Leben zu erwecken. Hoffnungen und Ansprüche, Erwartungen und Sehnsüchte, Erinnerung und Liebe beginnen sich miteinander zu verbinden.
Am Donnerstag, 17. September, folgt Markus Orths. Der in Karlsruhe lebende Autor bringt mit „Die Enthusiasten“ eine Geschichte nach Fulda, in der es von skurrilen Figuren nur so wimmelt. Im Mittelpunkt steht eine eigenwillige Familie, bei der Bücherplateaus von der Decke hängen und Geschichten zum Leben erweckt werden. Ein sensationeller Fund bringt eine nordenglische Kleinstadt aus dem Gleichgewicht und löst ein Geschehen aus, das die Grenzen zwischen Erzählen und menschengemachter Kunst auf ungewöhnliche und irrwitzige Weise auslotet.
Mit Yael Inokai ist am Dienstag, 22. September, eine Autorin zu Gast, die aus Basel stammt und heute in Berlin lebt und arbeitet. Sie stellt Auszüge aus ihrem Roman „Die Auster“ vor. Darin verbindet sie eine Kriminalgeschichte mit einem fein gezeichneten Geflecht menschlicher Schicksale. Der Geschäftsführer eines legendären Kaufhauses wird ermordet aufgefunden. Noch bevor die Polizei am Tatort eintrifft, hat Leonora Bloch sämtliche Spuren beseitigt. Seit 45 Jahren arbeitet sie als Reinigungskraft bei Dr. Bronstett und begegnet jeder Form von Unordnung mit derselben Diskretion und Gründlichkeit. Als die Ermittlungen schließlich in die Austernbar in der fünften Etage führen, öffnet sich der Blick auf einen Mikrokosmos, in dem die Sehnsucht nach vergangener Pracht auf den Wunsch nach erschwinglichem Luxus trifft.
Jarka Kubsova liest am Donnerstag, 2. Oktober, aus „Im Licht des neuen Tages“. Die in der Tschechoslowakei geborene und seit 1987 in Deutschland lebende Wahl-Hamburgerin erzählt von Elli Hajek, die sich zum Schreiben in ein abgelegenes Haus zurückzieht. Dort erinnert sie sich an eine Geschichte, die ihr einst ihre tschechische Großmutter erzählt hatte. Im Mittelpunkt stand Viktorka, eine junge Frau, die nach einem schwerwiegenden Ereignis für wahnsinnig erklärt wurde und anschließend allein im böhmischen Wald lebte. Als Elli erfährt, dass Viktorka tatsächlich existiert hat, reist sie in das Land, aus dem sie selbst als Kind geflohen ist. Sie möchte die Wahrheit über diese Frau erfahren, wird jedoch tief im Wald mit einer anderen Aufgabe konfrontiert. Bevor sie Viktorkas Geschichte vollständig verstehen kann, muss sie sich ihrer eigenen verdrängten Vergangenheit stellen. Der Roman führt damit zu Fragen nach Gerechtigkeit und Vergangenheit, nach weiblicher Geschichtsschreibung und dem Mut, sich der Wahrheit zu stellen.
Am Donnerstag, 8. Oktober, kommt Norbert Gstrein nach Fulda. Der aus Tirol stammende und vielfach ausgezeichnete Schriftsteller liest aus „Im ersten Licht“. Der Roman beginnt mit einem Axthieb. Adrians Vater macht seinen Sohn als Jugendlichen für den Ersten Weltkrieg untauglich und rettet ihm damit möglicherweise das Leben. Adrian wird zu einem störrischen und zugleich zärtlichen Menschen, der anschließend mehr als acht Jahrzehnte mit seinem körperlichen Handicap lebt. Zweimal erlebt er den Untergang seiner Welt und begegnet zweimal jungen Männern, die weniger Glück hatten als er. Im Alter erfährt er schließlich die unverhoffte Liebesgeschichte eines Mannes, der zu allem erzogen worden ist, nur nicht zum Lieben. Hinter Adrians Lebensgeschichte steht die große Frage, wie Menschen im Schatten von Krieg und Töten leben können. Gstrein richtet dabei einen furchtlosen Blick auf die Vergangenheit und ihre Folgen für die Gegenwart.
Den Abschluss der öffentlichen Reihe übernimmt am Dienstag, 13. Oktober, Rebekka Frank. Die in Kassel geborene Autorin lebt nach ihrem Studium und zahlreichen beruflichen Stationen inzwischen wieder in Nordhessen. In ihren Geschichten geht es um die kleinen und großen Geheimnisse, die Menschen in sich tragen, die Nähe verhindern können und manchmal gerade dadurch Menschen wieder zusammenführen. Ihr Roman „Spiegelland“ stellt die Frage, wie tief ein Mensch graben muss, um die Wahrheit zu finden. Elias weiß, dass er einen schweren Fehler gemacht hat, und versteckt sich den Sommer über bei seiner Großmutter Catharina im Moor. Doch auch Catharina bewahrt ein Geheimnis. Was sie verschweigt, stellt schließlich alles infrage, was Elias bisher zu wissen glaubte.
Für Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld ist die Veranstaltungsreihe ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens der Stadt. „Das Fuldaer Publikum darf sich auf anspruchsvolle Unterhaltung freuen“, sagte Wingenfeld bei der Vorstellung des Programms. Zugleich verwies er darauf, dass die Stadt die Lesungen auch weiterhin kostenlos anbieten könne. Sein Dank galt den Förderern der landesweiten Reihe, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und hr2-kultur sowie der Jubiläumsstiftung der Sparkasse Fulda, die die Veranstaltungen in Fulda finanziell unterstützt.
Auch die Sparkasse Fulda sieht in der Reihe einen wichtigen Beitrag zur Literaturförderung. Horst Habermehl, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Fulda, verwies darauf, dass sich Fulda in den vergangenen Jahrzehnten mit unterschiedlichen Formaten zu einer Literatur-„Hochburg“ entwickelt habe. „Leseland Hessen“ richte sich mit den zahlreichen Lesungen an Schulen ausdrücklich auch an junge Menschen. Gerade deshalb habe sich die Jubiläumsstiftung in den vergangenen Jahren gerne dafür gewinnen lassen, die Veranstaltungsreihe zu unterstützen.
Während die Abendveranstaltungen in der Alten Universität den erwachsenen Literaturfreunden vorbehalten sind, richtet sich ein großer Teil des Programms unmittelbar an Schülerinnen und Schüler. Insgesamt 27 nicht öffentliche Lesungen finden im Rahmen von „Leseland Hessen“ 2026 an Schulen in Stadt und Landkreis Fulda statt. Iris Lemanczyk, Stephan Köstler, Una López-Caparrós Jungmann, Volker Mehnert, Nina Blazon, Markus Orths, Maren Graf, Nikola Huppertz und Filiz Penzkofer stellen dort ihre Neuerscheinungen vor und wollen junge Menschen unterschiedlicher Altersstufen für Bücher und das Lesen begeistern.
Organisiert werden die Veranstaltungen vor Ort von Jutta Sporer, ehrenamtliche Mitarbeiterin des Kulturamts, und Kulturamtsmitarbeiter Klaus Orth. Beide begleiten die Lesereihe seit Jahren und sorgen dafür, dass Autoren, Bücher und Publikum in Fulda zusammenfinden. Wenn am 9. September Ingo Schulze die Reihe eröffnet, beginnt damit ein Literaturherbst, der über fünf Wochen hinweg ganz unterschiedliche Geschichten nach Fulda bringt – von der Kriminalgeschichte bis zur Familienerzählung, von der Erinnerung an Krieg und Flucht bis zu den Fragen nach Liebe, Wahrheit und der eigenen Vergangenheit. +++

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