KfW-Studie: Viele Mittelständler planen Verlagerung ihrer Produktion ins Ausland

Die deutsche Industrie steht vor einer Entwicklung, die über einzelne Unternehmensentscheidungen hinausweist. Nahezu jeder dritte Mittelständler aus dem Verarbeitenden Gewerbe, der bereits im Auslandsgeschäft aktiv ist, plant, in den kommenden fünf Jahren Teile seiner Produktion ins Ausland zu verlagern. Das geht aus dem „Internationalisierungsbericht“ der staatlichen KfW hervor, über den die „Welt am Sonntag“ berichtet. Die Zahlen zeigen dabei nicht nur, wie Unternehmen ihre internationalen Märkte bewerten. Sie werfen zugleich die Frage auf, wie attraktiv der Standort Deutschland für den industriellen Mittelstand noch ist.

Nach den Ergebnissen der Untersuchung haben bereits acht Prozent der im Auslandsgeschäft aktiven Mittelständler aus dem Verarbeitenden Gewerbe in den vergangenen fünf Jahren Teile ihrer Produktion ins Ausland verlagert. Für die kommenden fünf Jahre planen weitere 29 Prozent einen solchen Schritt. Selbst wenn lediglich die Hälfte dieser Vorhaben tatsächlich umgesetzt würde, wäre damit eine deutlich stärkere Verlagerung von Produktionskapazitäten ins Ausland zu erwarten als in der Vergangenheit. Für die KfW ist das ein Signal, das nicht ignoriert werden kann.

„Wenn auch nur die Hälfte dieser Unternehmen seine Pläne realisiert, würden wir zukünftig eine deutlich stärkere Verlagerung sehen als in der Vergangenheit“, sagte Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW, der „Welt am Sonntag“. Darin stecke auch die Erkenntnis, dass der Standort an Attraktivität verloren habe. Der entscheidende Punkt liegt damit nicht allein in der Frage, wohin deutsche Unternehmen expandieren wollen. Er liegt ebenso in der Frage, warum sie überhaupt darüber nachdenken, Teile ihrer Produktion aus Deutschland herauszunehmen.

Denn die Entwicklung trifft auf eine Wirtschaftslage, in der der Mittelstand längst mit veränderten internationalen Bedingungen umgehen muss. Seit 2022 stagnieren die Auslandsumsätze des Mittelstands. Wachstum kommt nach den Ergebnissen der KfW-Untersuchung nur noch aus dem europäischen Markt. Gerade darin liegt eine bemerkenswerte Verschiebung: Die internationale Ausrichtung deutscher Mittelständler bedeutet offenbar nicht mehr automatisch eine stärkere Orientierung auf die großen außereuropäischen Wachstumsmärkte.

Europa rückt vielmehr in den Mittelpunkt. Die Unternehmen sehen ihre größten Chancen im europäischen Markt. Knapp ein Fünftel der Unternehmen, konkret 19 Prozent, will seine Exporte stärker auf den EU-Binnenmarkt ausrichten oder hat dies bereits getan. Bei den Industriebetrieben liegt dieser Anteil mit 24 Prozent noch höher. Die Europäische Union wird damit für einen beträchtlichen Teil des Mittelstands nicht nur zum Absatzmarkt, sondern zunehmend auch zum strategischen Schwerpunkt der internationalen Geschäftstätigkeit.

Das ist zunächst keine schlechte Nachricht für den europäischen Binnenmarkt. Es zeigt, dass deutsche Unternehmen dort weiterhin Potenzial erkennen. Zugleich wäre es zu kurz gegriffen, die stärkere Konzentration auf Europa ausschließlich als unternehmerische Neuausrichtung zu betrachten. Wenn Auslandsumsätze seit 2022 stagnieren und gleichzeitig immer mehr Unternehmen ihre Produktionsstrukturen überdenken, stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Bedingungen, unter denen industrielle Wertschöpfung in Deutschland künftig noch stattfinden kann.

Die Zahlen der KfW legen nahe, dass sich hier etwas verschiebt. Unternehmen reagieren nicht nur auf die Nachfrage ihrer Kunden, sondern auch auf die Bedingungen des jeweiligen Produktionsstandorts. Eine Verlagerung ins Ausland ist schließlich keine Entscheidung, die ein Unternehmen leichtfertig trifft. Sie betrifft Arbeitsplätze, Investitionen, Lieferketten, Know-how und langfristige Unternehmensstrategien. Wenn ein wachsender Teil der mittelständischen Industrie eine solche Option zumindest prüft, ist das deshalb mehr als eine Momentaufnahme.

Gleichzeitig darf aus den Plänen noch keine vollzogene Abwanderungswelle gemacht werden. Die KfW spricht von Unternehmen, die eine Verlagerung in den kommenden fünf Jahren planen. Ob diese Vorhaben tatsächlich umgesetzt werden, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Gerade deshalb ist die Zahl von 29 Prozent so bedeutsam: Sie beschreibt noch nicht die Realität von morgen, wohl aber die Erwartungen der Unternehmen an ihre eigene Zukunft.

Die Untersuchung basiert auf den Antworten von 1.700 Unternehmen auf eine Umfrage im Januar. Darunter befanden sich rund 600 Unternehmen, die im Ausland aktiv sind. Die Ergebnisse geben damit einen breiten Einblick in die Einschätzungen des Mittelstands, ohne daraus automatisch eine Prognose über die gesamte deutsche Wirtschaft ableiten zu können. Doch gerade die Kombination aus stagnierenden Auslandsumsätzen, einer stärkeren Orientierung auf den EU-Binnenmarkt und den konkreten Verlagerungsplänen in der Industrie macht die Entwicklung bemerkenswert.

Für Deutschland liegt darin ein wirtschaftspolitisches Warnsignal. Ein Industriestandort lebt nicht allein von seiner Vergangenheit, von gewachsenen Strukturen oder von der internationalen Stärke seiner Unternehmen. Er muss auch Bedingungen bieten, unter denen Investitionen in neue Anlagen, Produktionslinien und Arbeitsplätze wirtschaftlich sinnvoll erscheinen. Wenn Unternehmen zunehmend darüber nachdenken, Produktion außerhalb Deutschlands aufzubauen oder bestehende Kapazitäten zu verlagern, muss die Standortfrage deshalb ernst genommen werden.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diese Entwicklung nicht erst dann zur Kenntnis zu nehmen, wenn Produktionsverlagerungen bereits vollzogen sind. Die KfW-Zahlen beschreiben eine Stimmung und zugleich eine strategische Überlegung vieler Unternehmen. Noch sind es Pläne. Doch Pläne entstehen nicht ohne Grund. Sie sind Ausdruck dessen, wie Unternehmen die wirtschaftlichen Perspektiven eines Standorts bewerten. Genau darin liegt die politische Brisanz der Untersuchung.

Deutschland kann es sich daher nicht leisten, die Internationalisierung des Mittelstands allein als Erfolgsgeschichte zu betrachten. Internationalisierung bedeutet auch, dass Unternehmen vergleichen können. Sie vergleichen Märkte, Kosten, Rahmenbedingungen und Zukunftschancen. Wenn dabei die Entscheidung zunehmend zugunsten ausländischer Produktionsstandorte ausfällt, ist das kein Problem der Unternehmen, sondern ein Hinweis auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.

Dass die Unternehmen zugleich ihre Chancen verstärkt im europäischen Binnenmarkt sehen, zeigt allerdings auch, dass der Mittelstand nicht grundsätzlich auf Distanz zu Deutschland oder Europa geht. Vielmehr verändert sich die Landkarte seiner wirtschaftlichen Perspektiven. Europa gewinnt an Bedeutung, während die Auslandsumsätze insgesamt seit 2022 stagnieren. Für die deutsche Industrie wird deshalb entscheidend sein, ob es gelingt, ihre internationale Stärke mit einem wettbewerbsfähigen Heimatstandort zu verbinden.

Die KfW-Studie liefert darauf keine fertige Antwort. Sie stellt vielmehr eine unbequeme Frage: Wie viele Unternehmen müssen ihre Produktion ins Ausland verlagern wollen, bevor aus einem Warnzeichen eine strukturelle Entwicklung geworden ist? Die 29 Prozent der Industriebetriebe mit entsprechenden Plänen sind noch keine vollendete Abwanderung. Sie sind aber deutlich genug, um die Standortdebatte nicht länger als abstrakte wirtschaftspolitische Diskussion zu behandeln. +++


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