IGBCE kritisiert geplante Standortschließungen bei BioNTech scharf

Die Pharma- und Biotech-Gewerkschaft IGBCE hat die von BioNTech angekündigten Standortschließungen in Deutschland und Singapur scharf kritisiert. Das Unternehmen plant nach eigenen Angaben, die Standorte in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen bis Ende 2027 zu schließen. Hintergrund seien Überkapazitäten, eine zu geringe Auslastung sowie Kosteneinsparungen. Insgesamt könnten bis zu 1.860 Arbeitsplätze wegfallen.

Die IGBCE spricht von gesellschaftlicher Verantwortungslosigkeit und einem Frontalangriff auf die Beschäftigten. „Im Konzern haben offenbar endgültig die Rechenschieber das Regiment übernommen“, sagte der Leiter des IGBCE-Landesbezirks Rheinland-Pfalz-Saarland, Roland Strasser. „Aus kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland.“

Eine solche „Selbstverzwergung“ dürften Politik und Gesellschaft nicht einfach achselzuckend zur Kenntnis nehmen, so Strasser weiter. Jahrelang sei BioNTech ein Vorzeigeunternehmen gewesen. Die bahnbrechende mRNA-Forschung habe wesentlich zur Bekämpfung der Corona-Pandemie beigetragen. Nun sollten fast 2000 Arbeitsplätze vernichtet und die Standorte in Idar-Oberstein, Marburg und Tübingen geschlossen werden. Unklar sei zudem, welche Folgen die Maßnahmen für die Unternehmenszentrale in Mainz haben werden. „Die Forschung als Herzstück des Unternehmens darf nicht angetastet werden“, betonte Strasser.

Den Standort in Marburg hatte BioNTech im Jahr 2020 vom Schweizer Pharmakonzern Novartis übernommen. Die Beschäftigten dort arbeiten nach Chemie-Flächentarifvertrag. Von Marburg aus wurde während der Corona-Pandemie der Impfstoff des Unternehmens produziert und ausgeliefert. „Nun lässt BioNTech seinen wichtigen Produktionsstandort und die Beschäftigten fallen wie eine heiße Kartoffel“, kritisierte die Leiterin des IGBCE-Landesbezirks Hessen-Thüringen, Sabine Süpke. „Das trifft den gesamten Pharmastandort Marburg ins Herz, wo bereits andere Unternehmen Personalabbau angekündigt haben.“

Auch in Tübingen sorgt die angekündigte Schließung für Kritik. Dort arbeiten Beschäftigte des früheren Konkurrenten CureVac, den BioNTech erst vor wenigen Monaten übernommen hatte. „CureVac war bereits in den vergangenen Jahren durch mehrere Personalabbauprogramme stark gebeutelt“, sagte die Landesbezirksleiterin der IGBCE Baden-Württemberg, Catharina Clay. „Der Kauf durch BioNTech wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Schritt zur Beendigung der Patentstreitigkeiten auf Kosten der Beschäftigten.“

Nach Einschätzung der Gewerkschaft verlieren viele Beschäftigte nun ihre Perspektive. „Für viele BioNTech-Mitarbeitende zerplatzt gerade eine Zukunftsvision“, sagte Strasser. Das Unternehmen zeige nun sein „wahres Gesicht“: Rendite vor Mensch, Bilanz vor Verantwortung, Aktionärsinteressen vor gesellschaftlichem Auftrag. „Die Menschen, die BioNTech aufgebaut und uns aus der Corona-Pandemie geholfen haben, sollen jetzt abserviert werden. Das ist ein Schlag ins Gesicht jeder und jedes Einzelnen.“

Strasser verwies zudem auf die wirtschaftlichen Erfolge des Unternehmens während der Corona-Krise. BioNTech habe Milliarden verdient und staatliche Unterstützung in Millionenhöhe erhalten. „Jetzt wird skrupellos Produktion geopfert, um die Aktionäre zu beeindrucken“, sagte er. Gleichzeitig kündige das Unternehmen ein milliardenschweres Aktienrückkaufprogramm an. „Das muss den Beschäftigten wie Hohn vorkommen.“

BioNTech ist ein börsennotiertes Biotechnologieunternehmen mit Hauptsitz in Mainz. Das Unternehmen entwickelt vor allem mRNA-basierte Immuntherapien gegen Krebs sowie Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten. Nach Unternehmensangaben arbeiten derzeit weltweit rund 7800 Menschen für BioNTech, davon 4050 in Mainz, 500 in Idar-Oberstein, 670 in Marburg und 800 in Tübingen bei CureVac. +++


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