Fachtag in Fulda: Wie Gewalt unter der Geburt Frauen traumatisieren kann

Über das große Interesse freuten sich (von links): Moderatorin Gesa Niggemann, Prof. Dr. med. Sven Hildebrandt, Belgin Aykutoğlu (Landesverband Hes- sischer Hebammen), Erster Kreisbeigeordneter Frederik Schmitt, Hebamme Eva Maria Chrzonsz, Martina Klenk (Landesverband Hessischer Hebammen), Ute Weber und Yvonne Hügel (Sozialpsychiatrischer Dienst), Maren Peuker und Prof. Dr. med. Dirk Breitmeier (Gesundheitsamt). Foto: Sebastian Mannert

Es sind Erfahrungen, über die viele Frauen lange schweigen. Manche erinnern sich an abwertende Bemerkungen im Kreißsaal, andere an schmerzhafte Eingriffe ohne ausreichende Erklärung oder an das Gefühl, während der Geburt allein gelassen worden zu sein. Gewalt rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sei kein Randphänomen, sondern ein Thema mit großer gesellschaftlicher Tragweite – diese Botschaft stand im Mittelpunkt eines Fachtags des Gesundheitsamts des Landkreises Fulda gemeinsam mit dem Landesverband der Hessischen Hebammen e.V., der auf ungewöhnlich großes Interesse stieß.

Nach Schätzungen des Vereins motherhood e.V. haben zwischen 20 und 50 Prozent der gebärenden Frauen bereits Erfahrungen mit körperlicher, verbaler oder psychischer Gewalt gemacht. Die Formen reichen von einem rauen Umgangston bis zu medizinischen Eingriffen, die Betroffene als übergriffig erleben. Frauen berichten davon, während der Geburt zu wenig Unterstützung erhalten oder auf Fragen keine Antworten bekommen zu haben. Andere schildern Situationen, in denen sie mit Bemerkungen wie „Reißen Sie sich doch mal zusammen!“ konfrontiert wurden. Auch häufige vaginale Untersuchungen, Dammschnitte oder der umstrittene Kristeller-Handgriff ohne ausreichende Aufklärung und Zustimmung werden von Betroffenen als traumatisch beschrieben. Selbst in den ersten Stunden nach der Geburt, etwa beim Stillen, hätten Frauen erlebt, grob angefasst oder mit ihren Sorgen nicht ernst genommen worden zu sein.

Initiiert wurde der Fachtag von der Hebamme Eva-Maria Chrzonsz sowie Ute Weber vom Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamts Fulda. Ziel war es, das Thema aus der Tabuzone zu holen und unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Forschende, Hebammen, Ärztinnen und Ärzte sowie Betroffene kamen dabei ebenso zu Wort wie Vertreterinnen und Vertreter aus dem Gesundheits- und Sozialwesen.

Die Politikwissenschaftlerin Dr. Tina Jung verweist auf eine Vielzahl von Ursachen. Fehlende Kommunikation, Zeitdruck, Personalmangel und institutionelle Zwänge spielten ebenso eine Rolle wie ökonomischer Druck innerhalb des Gesundheitssystems. Hinzu komme die persönliche Haltung des Geburtshilfepersonals gegenüber den Gebärenden. Nicht jede belastende Erfahrung führe zwangsläufig zu einem Trauma. Die Folgen könnten dennoch gravierend sein: Einige Frauen entwickeln Probleme mit ihrer Körperwahrnehmung, andere berichten von Auswirkungen auf ihre Sexualität oder ihre Beziehungen. Studien zeigen laut den Veranstaltern, dass jede zehnte Frau nach der Geburt eine traumatische Stressreaktion entwickelt. Rund drei Prozent leiden infolge belastender Geburtserfahrungen sogar an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Wie groß das Interesse an dem Thema inzwischen ist, zeigte sich auch an der Resonanz auf die Veranstaltung im Künzeller Gemeindezentrum. Nach Angaben von Prof. Dr. Dirk Breitmeier, Fachbereichsleiter Gesundheit beim Landkreis Fulda, nahmen 136 Fachkräfte aus dem Gesundheits- und Sozialwesen aus ganz Deutschland teil. Sein Ziel sei es, Wege zu finden, gewaltvolle Geburtserfahrungen frühzeitig zu erkennen, zu verhindern und Betroffene besser zu unterstützen.

Zur Eröffnung sprachen Martina Klenk, erste Vorsitzende des Landesverbands der Hessischen Hebammen e.V., Fuldas Frauenbeauftragte Katharina Roßbach sowie die Chefärzte der Frauenkliniken des Herz-Jesu-Krankenhauses und des Klinikums Fulda. In einem Punkt herrschte Einigkeit: Ohne offene Kommunikation und eine wertschätzende Haltung gegenüber jeder Frau und jeder Geburt werde es keine Veränderung geben.

Dr. Alexander Dengler, Chefarzt der Frauenklinik am Herz-Jesu-Krankenhaus, räumte ein, dass medizinische Maßnahmen im Einzelfall belastend wirken und sogar Geburtstraumata auslösen könnten. Entscheidend sei deshalb nicht nur die fachlich korrekte Durchführung eines Eingriffs, sondern auch dessen verständliche und einfühlsame Erklärung. Gleichzeitig betonte er, dass das Bewusstsein für Gewalt in der Geburtshilfe in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen sei, auch weil das Thema zunehmend Teil von Ausbildung und Lehre werde.

Privatdozent Dr. Martin Koch, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Fulda, lenkte den Blick zusätzlich auf die Rolle der Väter. Deren Unterstützung könne helfen, angespannte Situationen zu entschärfen oder Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen.

Zum Abschluss des Fachtags erklärte der Erste Kreisbeigeordnete Frederik Schmitt, im Landkreis Fulda bestehe insgesamt eine gute Versorgung durch Kliniken und Hebammen. Zugleich sei es wichtig, dass bei diesem sensiblen Thema alle Beteiligten gemeinsam nach Lösungen suchten. Gerade das sei keine Selbstverständlichkeit. +++ red.


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