Die Warnung kommt nicht leise, sie kommt eindringlich – und sie kommt aus der Mitte der Region. Wenn Apothekerinnen und Apotheker davon sprechen, dass die flächendeckende Arzneimittelversorgung „akut gefährdet“ sei, dann ist das keine zugespitzte Rhetorik, sondern Ausdruck einer Entwicklung, die sich seit Jahren zuspitzt. Am Montag, 23. März, soll sie sichtbar werden: mit einem bundesweiten Protesttag, an dem sich auch zahlreiche Apotheken aus der Region beteiligen.
Es ist ein ungewöhnlicher Schritt für eine Berufsgruppe, die sich selbst gern als verlässliche Konstante im Alltag der Menschen versteht. „Wir wollen die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum sicherstellen und für die Menschen da sein. Wir protestieren nicht zum Spaß, es geht um die wirtschaftliche Existenz unserer Apotheken“, sagt Dr. Thomas Fendert von der Fliedener Marien-Apotheke. Der Satz klingt nüchtern – und trägt doch eine Dringlichkeit in sich, die kaum zu überhören ist.
Die Liste der teilnehmenden Betriebe ist lang. Neben der Marien-Apotheke schließen sich unter anderem die easyApotheke in Bad Soden-Salmünster, die Lotichius-Apotheke sowie die Rathaus- und Bergwinkel-Apotheke in Schlüchtern, die Einhorn- und Löwen-Apotheke in Sinntal und die Brüder-Grimm-Apotheke in Steinau dem Protest an. Es ist ein regionales Bündnis, das zeigt: Das Problem ist kein Einzelfall, sondern strukturell.
Im Kern geht es um eine einfache, aber folgenreiche Rechnung, die nicht mehr aufgeht. „Der Staat hat uns eine Aufgabe zugeteilt und muss auch die Grundlage dafür schaffen, dass wir wirtschaftlich arbeiten können. Sonst finden wir bald keine Leute mehr, die noch Lust auf diesen tollen Beruf haben“, warnt Philipp Merz aus Steinau. Es ist die Sorge vor einem schleichenden Attraktivitätsverlust – und vor einem Beruf, der an seinen Rahmenbedingungen zu zerbrechen droht.
Denn während die Anforderungen steigen, stagniert die Vergütung. Seit mehr als einem Jahrzehnt wurde das Honorar für Arzneimittel nicht angepasst. Gleichzeitig sind die Kosten für den Betrieb einer Apotheke um rund 65 Prozent gestiegen. Für viele ist das längst keine betriebswirtschaftliche Herausforderung mehr, sondern eine existenzielle Bedrohung. „Das ist einfach nicht mehr zu stemmen. Wir werden kaputt gespart“, sagt Marc Brauer, der in Sinntal gleich zwei Apotheken leitet. Seine Warnung ist konkret: „Es drohen dramatische Versorgungslücken, gerade hier bei uns im ländlichen Raum.“
Die Zahlen geben ihm recht – oder zumindest Anlass zur Sorge. Bundesweit ist in den vergangenen Jahren fast jede fünfte Apotheke verschwunden. In Hessen liegt der Rückgang bei knapp 20 Prozent innerhalb von 13 Jahren. Mehr als 20 Kommunen kommen inzwischen ganz ohne Apotheke aus. Was nüchtern wie eine Statistik klingt, bedeutet vor Ort oft längere Wege, weniger Beratung, weniger Versorgungssicherheit.
Dabei sehen sich viele Apothekerinnen und Apotheker längst nicht nur als Ausgabestelle für Medikamente. „Wir beraten die Patientinnen und Patienten, wir mischen individuelle Rezepturen an und leisten 24-Stunden-Nacht- und Notdienste“, betont Christopher Rindt aus Schlüchtern. Es ist ein Selbstverständnis, das über die reine Logistik hinausgeht – und das im Alltag oft unsichtbar bleibt. „Wir sind da für die Menschen in der Region.“ Der Appell folgt unmittelbar: Nun müsse die Regierung auch für die Apotheken da sein.
Der Protesttag am Montag soll genau diese Forderung sichtbar machen. Tausende Apotheken im gesamten Bundesgebiet beteiligen sich, von Großstädten wie Düsseldorf und Hannover bis hin zu kleineren Zentren. Auch am Fuldaer Bahnhofsvorplatz ist eine Demonstration geplant. Für einen Tag wird die gewohnte Versorgung eingeschränkt, am Dienstag soll der Betrieb wieder regulär laufen. Für Notfälle ist vorgesorgt: Drei Apotheken in der Region übernehmen den Notdienst.
Es ist ein kalkuliertes Signal – und zugleich ein riskantes. Denn wer die Versorgung kurzzeitig aussetzt, macht sich angreifbar. Doch die Beteiligten sehen offenbar keine Alternative mehr. „Wir demonstrieren am kommenden Montag, damit wir auch in Zukunft für unsere Patientinnen und Patienten da sein können“, sagt Brauer. Es ist ein Satz, der die paradoxe Lage auf den Punkt bringt: Der Protest als Mittel, um Normalität zu sichern.
Am Ende steht eine Forderung, die so schlicht ist wie grundlegend: eine leistungsgerechte Anpassung des Honorars, regelmäßig und verlässlich. „Um nichts anderes geht es“, sagt Brauer. Und vielleicht ist es genau diese Nüchternheit, die die Dramatik unterstreicht. +++

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