Wilke-Prozess startet: foodwatch warnt vor neuen Lebensmittelskandalen und kritisiert Kontrolldefizite

Wurst2

Fast sieben Jahre nach dem bundesweit aufsehenerregenden Lebensmittelskandal um den Wursthersteller Wilke beginnt am Montag vor dem Landgericht Kassel der Strafprozess gegen drei ehemalige Verantwortliche des Unternehmens. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem fahrlässige Tötung in elf Fällen vor. Im Mittelpunkt des Verfahrens steht der Verdacht, dass mit Listerien belastete Wurst- und Fleischprodukte mehrere schwere Erkrankungen sowie elf Todesfälle verursacht haben.

Noch vor dem Prozessauftakt erhebt die Verbraucherorganisation foodwatch erneut schwere Vorwürfe gegen die Politik. Nach Auffassung der Organisation sind die Schwachstellen in der Lebensmittelüberwachung, die der Fall Wilke offengelegt habe, bis heute nicht behoben worden. Statt die Kontrollen zu stärken, drohten sie nach den Plänen des Bundesernährungsministeriums sogar weiter geschwächt zu werden.

„Ein Fall wie Wilke könnte sich leider jederzeit wiederholen“, erklärte foodwatch-Geschäftsführer Dr. Chris Methmann. Die entscheidenden Mängel in der Lebensmittelüberwachung bestünden weiterhin. Zu viele gesetzlich vorgeschriebene Lebensmittelkontrollen fielen aus. Zudem seien Behörden selbst dann nicht verpflichtet, Missstände unverzüglich öffentlich zu machen, wenn bei Kontrollen gravierende Hygienemängel festgestellt würden. Nach Ansicht von foodwatch wäre mehr Transparenz der wirksamste Schutz für Verbraucher. Würden sämtliche Kontrollergebnisse veröffentlicht, könnten Skandale nicht über Jahre hinweg unbemerkt bleiben. Gleichzeitig hätten Unternehmen einen deutlich größeren Anreiz, Hygienevorschriften konsequent einzuhalten.

Besonders kritisch bewertet die Organisation die Pläne von Bundesernährungsminister Alois Rainer. Nach Angaben von foodwatch soll die bestehende Meldepflicht für Lebensmittellabore wieder abgeschafft werden. Diese war nach dem Dioxinskandal im Jahr 2011 eingeführt worden und verpflichtet Labore dazu, Grenzwertüberschreitungen bei Lebensmittel- oder Futtermittelproben den zuständigen Behörden unverzüglich zu melden – auch ohne Zustimmung der betroffenen Unternehmen. Nach Auffassung von foodwatch, den Verbraucherzentralen und dem Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure würde die Abschaffung dieser Regelung die Lebensmittelsicherheit weiter schwächen.

Für foodwatch steht der Fall Wilke bis heute beispielhaft für grundlegende Probleme im deutschen Kontrollsystem. Nach einer aktuellen Auswertung der Organisation fallen bundesweit nahezu 30 Prozent der vorgeschriebenen Lebensmittelkontrollen aus, weil die Behörden überlastet seien. Auch im Landkreis Waldeck-Frankenberg, in dem das Unternehmen seinen Sitz hatte, seien nach Angaben von foodwatch nicht alle vorgeschriebenen Kontrollen durchgeführt worden. Während im Jahr 2025 rund 89 Prozent der Kontrollen erfolgt seien, habe die Quote 2024 lediglich bei 54 Prozent gelegen.

Hinzu komme nach Einschätzung der Verbraucherorganisation die mangelnde Transparenz. Die zuständigen Behörden hätten über Jahre hinweg Kenntnis von Hygienemängeln bei Wilke gehabt, ohne die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Als Vorbilder nennt foodwatch unter anderem Dänemark und Finnland, wo sämtliche Ergebnisse von Lebensmittelkontrollen veröffentlicht werden. Dieses Maß an Transparenz sorge nachweislich für bessere Hygienestandards in den Betrieben.

Kritik übt die Organisation außerdem an der Struktur der Lebensmittelüberwachung in Deutschland. Weil mehr als 400 kommunale Behörden zuständig seien, könnten Interessenkonflikte entstehen. Landkreise müssten einerseits Verbraucher schützen, andererseits seien Lebensmittelbetriebe wichtige Arbeitgeber und Steuerzahler. Deshalb fordert foodwatch, die Lebensmittelüberwachung auf die Landesebene zu verlagern und in einer eigenständigen, politisch unabhängigen Behörde zu bündeln.

Der Wilke-Skandal hatte im Herbst 2019 bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Nach den Ermittlungen wurden über Jahre hinweg unter unhygienischen Bedingungen Fleisch- und Wurstwaren produziert und deutschlandweit verkauft, unter anderem an Kantinen sowie an Unternehmen wie Ikea. Mehrere Menschen erkrankten nach dem Verzehr der mit Listerien belasteten Produkte, elf starben.

Nach Angaben von foodwatch waren den Behörden zahlreiche Probleme bereits lange vor dem öffentlichen Bekanntwerden des Skandals bekannt. Bereits 2013 soll es Hinweise auf Salmonellenbelastungen gegeben haben. Im Jahr 2018 seien bei Eigenuntersuchungen des Unternehmens jedes zweite Fertigprodukt mikrobiologisch auffällig gewesen. Im März und April 2019 wurden Listerien auf Wilke-Produkten nachgewiesen. Das Hessische Umweltministerium erfuhr nach Angaben der Organisation im August 2019 von dem Listerienverdacht. Eine öffentliche Warnung erfolgte jedoch erst am 2. Oktober 2019.

Nach Auffassung von foodwatch hätten Verbraucher sowie Abnehmer der Produkte, darunter auch Ikea, deutlich früher informiert werden können. Wären Behörden gesetzlich verpflichtet gewesen, entsprechende Missstände unmittelbar öffentlich zu machen, hätte dies nicht nur Kunden gewarnt, sondern möglicherweise auch den Druck auf das Unternehmen erhöht, die bestehenden Hygienemängel rechtzeitig zu beseitigen.

Mehr als sechs Jahre nach der Schließung der Wurstfabrik prägt das ehemalige Wilke-Werksgelände weiterhin das Ortsbild von Twistetal-Berndorf. Das rund 30.000 Quadratmeter große Areal stand lange leer und entwickelte sich zu einer Industriebrache mitten im Ort.

Die Gemeinde Twistetal hat das Gelände inzwischen erworben und bezeichnet es als „Areal Stukenhof“. Erste Gebäudeteile wurden bereits abgerissen und Schadstoffe wie Asbest entfernt. Das Hauptgebäude steht jedoch weiterhin.

Langfristig soll das ehemalige Fabrikgelände vollständig neu entwickelt werden. Vorgesehen sind Wohnraum, altersgerechte Wohnungen sowie Büro-, Dienstleistungs- und weitere Gewerbeflächen. Grundlage der Planungen ist eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2021. Die Gemeinde hofft auf Investoren, da Abriss und Erschließung mehrere Millionen Euro kosten werden und ohne Fördermittel kaum zu finanzieren sind. +++ red.


Entdecke mehr von fuldainfo.de

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


Popup-Fenster

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*