Wie wollen wir im Alter wohnen?

Gibt es alternativen Wohnformen für Ältere überhaupt?

Etwa 200 Interessierte nutzten die Gelegenheit, sich über alternative Wohnformen im Alter zu informieren.

Wie wollen wir im Alter wohnen – eher individuell oder rundum versorgt in einer Einrichtung; eingebettet in einem stabilen sozialen Umfeld oder allein; in einer Wohngemeinschaft oder in einer eigenen altersgerechten Wohnung; in einem großen Haus oder in einer Tiny House-Siedlung? Welche alternativen Wohnformen für Ältere gibt es überhaupt? Wer kann helfen, die passende zu finden und zu gestalten? Mit diesen und ähnlichen Fragen befasste sich der Fachtag „Zukunftsorientierte Wohnformen“, den die Abteilung „Leben im Alter“ des Main-Kinzig-Kreises kürzlich in der Kreisverwaltung ausrichtete. Trotz der extrem hohen Temperaturen nahmen mehr als 200 Interessierte an der kostenfreien Veranstaltung teil. In deren Mittelpunkt standen Information und Beratung, Referate und persönlicher Austausch. Erste Kreisbeigeordnete und Sozialdezernentin Susanne Simmler wünschte allen Teilnehmenden, Ausstellenden und Vortragenden „gute Gespräche und reichlich neue Erkenntnisse“: „Mit diesem Fachtag möchten wir eine Plattform bieten, auf der sich all jene vorstellen können, die unterschiedliche Wohnformen erdacht und weiterentwickelt haben. Außerdem wollen wir die Möglichkeit geben, miteinander in Dialog zu treten und sich zu vernetzen.“

Irmhild Neidhardt, Leiterin der Abteilung „Leben im Alter“, unterstrich in ihrer Einführung, dass es Corona bedingt drei Anläufe gebraucht habe, um die Veranstaltung zu verwirklichen. „Die Themen Wohnen im Alter und alternative Wohnformen nicht nur für Ältere sind für uns eine Herzensangelegenheit. Aus diesem Grund freuen wir uns, dass so viele Menschen an unserem Fachtag teilnehmen.“ Der Main-Kinzig-Kreis habe die steigenden Bedarfe rund um das Älterwerden schon lange erkannt und leiste sich nicht nur eine Abteilung mit Fokus auf den Bürgerinnen und Bürgern im Alter von 65 plus, sondern sei beispielsweise auch der einzige Landkreis in Hessen, der eine Demenzbeauftragte etabliert habe.

Dr. Josef Bura, Vorsitzender der Bundesvereinigung Gemeinschaftliches Wohnen e.V., sprach im Anschluss über die Herausforderungen, die auf die älter werdende Gesellschaft zukommen. Die „Baby-Boomer“, also die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1955 und 1965, hätten auch mit fortschreitendem Alter andere, individuellere Bedarfe als deren Elterngeneration. Doch Wohnraum sei knapp und teuer, vor allem in den Städten. „Bald wird es zum einen mehr ältere als jüngere Menschen in Deutschland geben und zum anderen wohnen die Kinder nicht mehr unbedingt in der Nähe der Eltern. Da stellt sich die Frage: Wer pflegt und unterstützt Angehörige, wenn sie alt werden? Wir müssen über das Wohnen im Alter und über das Alter neu nachdenken“, so der Sozialwissenschaftler. Er stellte Wohnformen vor, die gewährleisten, dass Menschen auch jenseits des Renteneintritts selbstbestimmt, in einer Gemeinschaft und sozial integriert leben können. Er appellierte an Kommunen und Wohnungswirtschaft: „Wir müssen zukunftsorientiert und generationenfest bauen. Das heißt, mehr Wohnraum muss altersgerecht und an individuelle Bedürfnisse angepasst gestaltet werden. Wenn viele Menschen in großen Altenheimen untergebracht werden, kostet das den Staat hohe Summen. Wohnvielfalt und gute Nachbarschaften dagegen fördern Gemeinschaft, Integration und Austausch.“

Auf der Agenda standen mehrere Fachvorträge. Irmhild Neidhardt führte mit Andrea Müller, die in Brilon im Sauerland einen Mehrgenerationenhof betreibt, per Videoschalte ein Interview unter dem Motto „Bauernhof statt Altersheim“. Andrea Müller stellte das Konzept und die Leistungen vor, die für die Mieterinnen und Mieter erbracht werden. Birgit Kasper von der Landesberatungsstelle Gemeinschaftliches Wohnen in Hessen sprach über „Gemeinschaftliche Wohnprojekte – eine spannende Alternative fürs Wohnen im Alter“ und gab Tipps, wie solche Projekte auf den Weg gebracht werden können. Sie vertrat die Auffassung, dass die Gesellschaft neue Formen der Nachbarschaft entwickeln müsse, in denen Menschen bewusst miteinander leben und sich ebenso bewusst gegenseitig unterstützen können.

Im Barbarossasaal stellten sieben Institutionen und Initiativen ihr jeweiliges Wohnformangebot vor, zum Beispiel Mehrgenerationenwohnen, Gemeinschaftliches Wohnen im Alter oder ambulant betreute Wohngemeinschaften. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer – zumeist Privatpersonen aus dem Kreisgebiet – nahmen die Informationsmöglichkeiten rege wahr. So berichtete eine der Teilnehmerinnen in einem Gespräch am Rande der Veranstaltung: „Wir sind vier Freunde und gemeinsam hier. Wir sind schon seit Jahren an diesem Thema dran, wollen zusammenziehen, im Alter zusammenwohnen. Wir möchten uns hier über Möglichkeiten alternativer Wohnformen informieren.“ Irmhild Neidhardt zog am Ende ein positives Fazit: „‘Wohnen und Mobilität‘ ist ein wesentliches Handlungsfeld unserer Arbeit. Der Fachtag und die große Zahl der Teilnehmenden haben uns bestätigt, wie wichtig es ist, sich diesem Handlungsfeld auch in Zukunft zu widmen. Wir werden weitere Initiativen starten, um das Thema in das öffentliche Bewusstsein zu rücken und zu befördern.“ +++ pm

Coronadaten

Letzte Aktualisierung: 28.09.2022, 05:22 Uhr
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