Bei einem Vortragsabend der Fuldaer Sektion für Sicherheitspolitik (GSP) stand die Frage im Mittelpunkt, was passiert, wenn im Krisenfall plötzlich nichts mehr geht. Unter dem Titel „Blaulichteinsatz vs. neue Herausforderungen der Gefahrenabwehr“ machte Frank Reith, Leiter des Fachdienstes Gefahrenabwehr beim Landkreis Fulda, deutlich, wie schnell Naturkatastrophen oder Schäden an kritischer Infrastruktur eintreten können und wie tiefgreifend ihre Folgen für die Bevölkerung sind. Ereignisse wie die Flutkatastrophe im Ahrtal oder der Stromausfall in Teilen Berlins hätten auf drastische Weise vor Augen geführt, dass nicht mehr die Frage im Raum stehe, ob solche Szenarien eintreten, sondern vor allem, wie gut man darauf vorbereitet sei.
Schon zu Beginn seines Vortrags im Bronnzeller Jägerhaus wählte Reith einen anschaulichen Zugang. Mehrere graue Rollcontainer, die er mitgebracht hatte, waren gefüllt mit Dingen, die im Ernstfall überlebenswichtig sein können: Lebensmittelkonserven, auch für Tiere, Wasser, ein Erste-Hilfe-Paket, ein Schlafsack, ein kleiner Campingkocher, Streichhölzer und Toilettenpapier, das sich in Krisenzeiten als überraschend knappes Gut erwiesen habe. Daneben befanden sich weitere Utensilien in den Kisten, mit denen Reith sein Publikum für das Notwendige in Ausnahmesituationen sensibilisieren wollte. Was nicht sichtbar war, sprach er dennoch an: eine vorbereitete Mappe mit wichtigen Dokumenten, die im Ernstfall unersetzlich sein könne.
„Wie gut sind wir eigentlich vorbereitet?“, fragte Reith zu Beginn und machte schnell deutlich, dass er nicht nur theoretisches Wissen vermitteln wollte. Als Gastdozent für Krisenmanagement beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und mit Auslandserfahrung als ehemaliger Bundeswehrsoldat auf dem Balkan holte er die Zuhörer zügig ab. Er erläuterte, wie groß der Landkreis Fulda ist, dass er 23 Gemeinden umfasst, wo Gefahrenschwerpunkte wie Autobahnen, Bahnstrecken und Tunnel liegen und wofür Landkreise und kreisfreie Städte überhaupt zuständig sind. Ergänzend verwies er auf den „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“ des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, den er in mehreren Exemplaren auslegte und zur Lektüre empfahl.
Die Abwehr von Großschaden- und Katastrophenlagen sei das Kerngeschäft des Landkreises, erklärte Reith, und das rund um die Uhr. Unter den Zuhörern befanden sich erstmals auch Schülerinnen und Schüler eines Politik-und-Wirtschaft-Leistungskurses der Freiherr-vom-Stein-Schule mit ihrer Lehrerin. Für die örtliche Gefahrenabwehr seien die Gemeinden zuständig, Grundlage sei in Deutschland ein integriertes Hilfeleistungssystem. Der Zivilschutz liege demnach beim Bund, getragen von Bundeswehr, Bundespolizei und Technischem Hilfswerk, während die Länder für Brand- und Katastrophenschutz sowie den Rettungsdienst verantwortlich seien.
Den Rettungsdienst im Landkreis Fulda bezeichnete Reith als einen der besten in Hessen. Rund 35.000 Einsätze pro Jahr bewältigten die 29 Fahrzeuge, 15 Rettungswagen stünden an jedem Tag der Woche rund um die Uhr bereit. Auffällig sei, dass die Einsatzzahlen trotz gleichbleibender Einwohnerzahl kontinuierlich stiegen, was vermutlich eine Folge der alternden Gesellschaft sei.
Die Aufgaben des Landkreises in der Gefahrenabwehr und im Katastrophenschutz seien vielfältig, so Reith weiter. Sie reichten von der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften über die Alarm- und Einsatzplanung bis zur Sicherstellung von Brandschutz, GABC-Schutz gegen atomare, biologische und chemische Gefahren sowie des Sanitätswesens. Zugleich dränge sich die Frage nach ausreichend Personal auf. Ersatzdienste im Zuge der Wehrpflicht seien weggefallen, ehrenamtliche Helfer schwerer zu gewinnen. Noch sei man im Landkreis Fulda gut aufgestellt, sagte Reith, doch der Bedarf werde steigen. Als künftige Herausforderungen nannte er Terrorismus, Sonderlagen, Cyberattacken, Bürgerkriege, hybride Kriegsformen, Wirtschaftskrisen, den Klimawandel und seine Folgen, Flüchtlingskrisen als politisches Instrument, Großhavarien sowie Versorgungskrisen wie einen großflächigen Stromausfall. Im Zuge der sogenannten Friedensdividende nach 1989/1990 seien Zivilschutzstrukturen zurückgefahren oder aufgelöst worden. Ereignisse wie die Anschläge vom 11. September, die Annexion der Krim 2014, die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 und schließlich Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine 2022 seien jedoch ein Weckruf gewesen, wie wichtig Zivilschutz und Verteidigung seien.
Zum Abschluss lobte GSP-Sektionsleiter Michael Schwab den Vortrag und schilderte ein eigenes Notfallerlebnis. Bei einer Übernachtung in Süddeutschland sei bei Minusgraden die Fernwärme des Hotels ausgefallen, auch am nächsten Morgen sei es kalt geblieben. Nur eine dicke Jacke habe geholfen. Solche Momente machten schnell bewusst, wie sensibel und anfällig die Infrastruktur sei – vom Energie- bis zum Datenfluss. Umso größer sei sein Respekt vor den Menschen in der Ukraine, die nach vier Jahren Krieg gelernt hätten, mit nahezu täglichen Ausfällen von Strom, Wasser, Licht und Wärme umzugehen. Sie hätten aus der Not heraus physische und psychische Resilienz entwickelt. „Daraus können wir nur lernen.“ +++

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