Tübinger Seniorenvertretung kritisiert Palmer

Der Vorsitzende des Tübinger Stadtseniorenrates, Uwe Liebe-Harkort, hat Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) für seine jüngsten Äußerungen zum Umgang mit alten Menschen in der Coronakrise kritisiert, ihn gleichzeitig aber auch verteidigt. "Solche Brutal-Sätze, wie Herr Palmer sie in dem Interview sagt und vor ein paar Wochen schon so ähnlich gesagt hat, sind ethisch unvertretbar", sagte Liebe-Harkort den Zeitungen des "Redaktionsnetzwerks Deutschland". Man könne das Leben von Menschen nicht gegen die Interessen der Wirtschaft aufrechnen.

"Auf die Schiene darf man sich nicht begeben. Das führt zu nichts Gutem. Man sollte auch Risikogruppen und solche, die keine Risikogruppen sind, nicht gegeneinander stellen. Darüber haben wir mit ihm bereits gesprochen", so der Chef der Tübinger Seniorenvertretung weiter. In der Sache argumentiere Palmer "in dem jüngsten Interview viel differenzierter". Er spreche nicht mehr nur von Alten, sondern von Risikogruppen. Zudem er spreche auch nicht mehr davon, dass man sie separieren solle, sondern dass sie sich mehr zurücknehmen sollten. "An der Stelle hat er gelernt. Das haben wir erreicht", sagte Liebe-Harkort. Überhaupt mache Palmer als Oberbürgermeister "eine gute Arbeit". Er sei "durchaus bei ihm - auch wenn er manchmal Formulierungen bringt, die ich nicht gut finde", so der Chef der Tübinger Seniorenvertretung. Er sei "selbst 79 Jahre alt und Mitglied der Risikogruppe", sagte Liebe-Harkort. Er lasse sich und seiner Frau derzeit Einkäufe nach Hause bringen, um die Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu verringern. "Aber wir sind weiterhin unterwegs und gehen spazieren. Denn ich bin ein autonomer Mensch und will das auch bleiben", so der Chef der Tübinger Seniorenvertretung weiter.

Der langjährige Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele sagte, Palmer entwickele "sich zum Schrecken der Alten. Mir fehlen da eigentlich die Worte, wie man sowas auch nur denken kann, geschweige denn sagen". Dies sei "unverantwortlich", so der Grünen-Politiker weiter. "Ich frage mich auch immer, wie lange ich noch lebe. Jetzt weiß ich es: ein halbes Jahr", sagte Ströbele den Zeitungen des "RND". Palmer hatte im Sat1-Frühstücksfernsehen erklärt: "Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären - aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen." Zugleich bringe der Armutsschock, der aus der weltweiten Zerstörung der Wirtschaft entstehe, nach Einschätzung der Vereinten Nationen Millionen Kinder ums Leben. "Wenn Sie die Todeszahlen durch Corona anschauen, dann ist es bei vielen so, dass viele Menschen über 80 sterben - und wir wissen, über 80 sterben die meisten irgendwann", so der Tübinger Oberbürgermeister. Schon vor einigen Wochen hatte Palmer für Kritik gesorgt, als er empfahl, Menschen über 65 Jahre und "Risikogruppen" aus dem Alltag "herauszunehmen" und sie weitere Kontakte vermeiden zu lassen. "Jüngere, die weniger gefährdet sind, werden nach und nach kontrolliert wieder in den Produktionsprozess integriert", so der Vorschlag des Tübinger Oberbürgermeisters. +++


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1 Kommentar

  1. Manchmal habe ich die Vermutung, dass besonders diejenigen diese rigorosen Sie-sterben-ja-eh-bald-Thesen vertreten, die sich selbst für unsterblich halten. Ich selbst gehöre zur Risiko-Gruppe, da ich aufgrund einer chronischen Erkrankung immunsupprimierende Medikamente einnehmen muss. Ich bin 60 Jahre alt. Aha, ich sterbe also eh in einem Jahr. Bis jetzt hatte ich diese Prognose nicht. Noch immer bin ich berufstätig, zahle Sozialabgaben. Einkaufen gehe ich auch nicht mehr selbst und habe Glück, dass ich jetzt im Home-Office arbeiten kann. Diese Menschen verachtende Einstellung, dass Alte eh bald sterben ist unverschämt. Abgesehen davon sterben alle irgendwann. Entscheidend ist nur wann. Und wer maßt es sich an vorauszusagen, wann wer sterben wird? Abgesehen davon, dass auch junge und oder gesunde Menschen ein Recht darauf haben, dass alle möglichen Maßnahmen getroffen werden, um auch sie zu schützen, auch wenn ihr Risiko zu erkranken und zu sterben geringer ist. Dass ein Risiko für jemanden geringer ist, heißt nicht, dass er nicht erkrankt. Das vergessen viele.

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