Das ist ein Beitrag für all die Vergessenen. Die nie im Rampenlicht stehen. Die nie drauf versessen sind, die ganz großen Räder zu drehen. Fußball ist ja eigentlich ein Mannschaftsspiel. Was heißt hier eigentlich? Meist stehen die, die Tore erzielen, im Vordergrund; Stürmer nannte man sie früher, Angreifer später, heute funkeln gefühlt Sternchen über der Schlagzeile. Oder auch Torleute berühren diese Gunst; wenn sie hier und da „den Sieg ihrer Mannschaft retten“. Was aber ist mit den anderen Charakteren? Mit den echten Teamplayern. Denen, die die wahre Arbeit für die Mannschaft verrichten. Es ist eine Wahrheit, die zählt. Es sind Typen, die sich aufopfern. Die – um im Sprachbild zu bleiben – sich „in den Dienst der Mannschaft stellen“. Einer von ihnen ist ein leuchtendes Beispiel in Osthessens Fußball: Sven Kemmerzell. Er kickt für den Hünfelder SV in der Hessenliga.
Es fällt auf, wenn er nicht auf dem Platz steht.
Meist spielt er auf der Sechs, auch mal als rechter Verteidiger. „Ich bin defensiv flexibel einsetzbar“, sagt Sven, der am 4. April 26 wird. „Die Rolle als Sechser ist für mich überhaupt kein Problem, „ich kenne meine Rolle ja. Ich spiele das auch gerne“. Sebastian Vollmar, aktueller Coach des Verbandsligisten SV Hofbieber, bekannte einst, Sven sei ein Spieler-Typ, der meist nicht sonderlich auffalle – aber es falle auf, wenn er nicht auf dem Platz stehe. In diesem Zusammenhang darf natürlich das Urteil seines Hünfelder Trainers nicht fehlen. Es ist nicht überliefert, wann Johannes Helmke ins Schwärmen gerät. Dieses Mal aber scheint es so. „Sven ist sehr vorbildlich. Sehr wichtig für uns auf der Sechs.“ Total mannschaftsdienlich sei er. Sehr stabil. „Er macht seine Arbeit. „Man kann sich hundertprozentig auf ihn verlassen. Er gibt immer alles für uns.“
Schon sind wir bei Sven Kemmerzells Stärken. Es sind diese Fußball-spezifischen Charakteristika, die man für diese Position mitbringen muss. Zweikampfstärke, Kopfball-Stärke (der 25-Jährige ist 1,86 Meter groß), Stellungsspiel. „Und einfach zu spielen, so dass ich wenige Fehler mache.“ Wer all dies vereinfacht und in einer Aussage wissen möchte, der nimmt dies: „Ich würde meine Hand für die Mannschaft ins Feuer legen.“ Das wirkt nicht nur glaubhaft. Es ist es auch. „Das ist es auch, was den Hünfelder SV ausmacht. Dieser Gemeinschafts-Gedanke“, schiebt er nach.
Sein fußballerisches Zuhause ist nicht umsonst die Rhönkampfbahn in Hünfeld. Alle, die beim HSV kickten, lassen kein schlechtes Haar am Verein. Und auch die Intelligenz des 25-jährigen Kemmerzell lässt es zu, zu behaupten: „Es gibt leider zu wenige Leute beim HSV, die mitarbeiten. Aber die, die sich engagieren, machen das mit Herzblut. Sie übernehmen viel Verantwortung.“ Stellvertretend nennt er Johannes Helmke, den Trainer-Staff, den 1. Vorsitzenden Mario Rohde, Markus Stark, Michael Wingenfeld oder Sigi Larbig. Wie gesagt, stellvertretend. Dass Sven klug ist, merkt man im Verlaufe des Gesprächs, seine Aussagen, Bekenntnisse und Urteile sitzen – selbstredend blickt er voraus und antizipiert. Wie im Spiel eben. Und über den Tellerrand hinaus. „In Hünfeld, das ist schon etwas Besonderes“, schiebt er nach. Tolles Trainings-Niveau herrsche dort, jeder sei im Training, der Hünfelder SV verfüge über tolle Sport-Anlagen. „Die Rhönkampfbahn hat einfach ihren Charme“, hat Kemmerzell dieses Kapitel angeknabbert – und irgendwie für sich ins Herz geschlossen.
Auch ein Kennzeichen des Sechsers: Er wirkt demütig, weiß, wo er herkommt und lebt – und er ist dankbar. Er hat ja einiges er- und durchlebt in 25 Jahren. Ein Stückchen Philosophie schleicht um die Ecke, wenn Sven Kemmerzell erklärt: „Fußball ist auch so eine Art Lebensschule.“ Man lerne schon als kleiner Junge, sich zu organisieren. Man lerne und erwerbe soziale Kompetenz. Zum Beispiel, sich in einer Gruppe zurechtzufinden. Oder auch – und nicht zuletzt – Verantwortung zu übernehmen. Worte, bei denen es bei so manchem mal klick machen sollte. Fußball ist mehr, als nur die Sporttasche zu tragen. „Eine Mannschaft ist halt auch ein Abbild der Gesellschaft, in der man lebt“. Werte der Entwicklung eben.
Sie kennen Maiersbach nicht? Das etwa 300 Einwohner zählende Örtchen, das zur Stadt Gersfeld in der Rhön gehört. Es liegt am Fuße des Wachtküppels. Hier wuchs Sven Kemmerzell auf. Bis er 14 Jahre alt war, verlief seine Laufbahn eigentlich etwas anders als etwa nur mit Fußball bestückt. Zwar begann er mit Sieben in Gersfeld zu kicken – er gab sich aber auch dem Tennis und vor allem dem Skilanglauf hin. In letztgenannter Sportart war Sven 2014 Hessischer Meister. Er nahm an nationalen Wettkämpfen teil und beschnupperte die Welt. Im Biathlon-Stadion in Ruhpolding war er unterwegs, in Oberhof natürlich oder zum Trainingslager im österreichischen Ramsau. Der Nachwuchs aus der Rhön hatte gegenüber dem aus dem Allgäu, was Trainingsmöglichkeiten betrifft, natürlich Nachteile. Und Sven Kemmerzell musste sich entscheiden. Das tat er auch. Bis 15 betrieb er auch Skilanglauf – aber seine Wahl fiel auf den Fußball. Hiermit beabsichtigte er, Prioritäten zu setzen. Hier schien ihm die Perspektive, etwas greifen und erreichen zu können, größer.
Als 14-Jähriger schloss sich Sven Kemmerzell dem kurz zuvor gegründeten JFV Viktoria Fulda an. Seine ersten Trainer waren Atilla Güven – später Co-Trainer der SG Barockstadt – und Rigobert Neubauer. Bis Sebastian Sonnenberger sein Trainer war. Er spielte stets mit A- und B-Junioren in der Hessenliga – und sammelte wichtige Erfahrungen in der höchsten Spielklasse des Landes. An „Sonne‘s“ Seite: der heutige Eiterfelder Florian Roth, mit dem zum Abschluss mit Rang sechs auch die beste Platzierung für Sven raussprang.
Nach seiner Jugend-Zeit als Kicker zog es Sven Kemmerzell zurück in die Rhön – zur SG Ehrenberg. Die war gerade über die Relegation in die Verbandsliga aufgestiegen; seine Trainer dort: Robert Schorstein und Sebastian Vollmar. Es gehört dazu, dass Sportler und Fußballer in ihrer Karriere auch leiden müssen. Zwei Kreuzbandrisse erlitt Sven. Den ersten 2019, im Training bei seinem neuen Verein verdrehte er sich das Knie. Den zweiten drei Jahre später – und Sven weiß es noch genau. „Beim Spiel in Hombressen war das. Und vor allem der zweite war schon einschneidend.“ Die Ärzte rieten ihm, mit Fußball aufzuhören, die Schuhe an den Nagel zu hängen.“ Doch just in diesem Moment offenbarte sich eine der größten Stärken des heute 25-Jährigen: Er biss sich zurück. „Fußball ist auch für mich die größte Leidenschaft“, bekennt er. Und lieferte damit symbolisch den Willen, die Zähigkeit, Kraft und den unbedingten Willen, zurückzukommen.
Denn seine Reise spülte ihn jetzt einige Kilometer weiter: ab der Saison 2023/24 schloss er sich dem Hünfelder SV an. Die aktuelle Runde ist also erst seine zweite im Dress des HSV. Der freut sich jetzt auf seine Heimspiel-Premiere im Kalenderjahr 2026: am Samstag in der Hessenliga gegen den 1. Hanauer FC. Um 15 Uhr geht‘s los. Mit Sven Kemmerzell. Und irgendwie gehen wir davon aus, dass er seine Rolle wieder mit Leben füllt.
Im zweiten Teil dieser Betrachtung lesen Sie, warum sich Sven Kemmerzell auf Costa Rica freut. +++ rl

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