In einer Pressekonferenz während der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda ist die MHG-Studie vorgestellt worden. "Missbrauch in der Kirche bekämpfen. Wir müssen ein Klima schaffen, in dem auch andere den Mut fassen, ihr Leid und ihre Verletzungen aufzuarbeiten. Wir haben zu lange weggeschaut, um der Institution willen und des Schutzes von uns Bischöfen und Priestern willen. Wir lassen Machtstrukturen zu und haben meist einen Klerikalismus gefördert, der wiederum Gewalt und Missbrauch begünstigt hat. Unsere Selbstverpflichtungen von 2010 konnten wir zum Teil einlösen, aber wir sind damit nicht am Ende, sondern die Ergebnisse dieser Studie zeigen klar auf, dass wir weitergehen müssen", so Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
"Die Studie greift mit ihren Aussagen auch in eine weltkirchliche Debatte ein. Den Heiligen Vater habe ich über die Ergebnisse schon kurz informiert. Er hat die Vorsitzenden aller nationalen Bischofskonferenzen auf Empfehlung des C9-Rates für den Februar kommenden Jahres in den Vatikan eingeladen. Ich begrüße diesen Schritt außerordentlich. Zur Vertiefung der Debatte kann auch bereits die im Oktober in Rom tagende Weltbischofssynode zur Jugend beitragen. Ich werde – ebenso wie die anderen deutschen Synodenväter – auch dort das Thema des sexuellen Missbrauchs und die Erkenntnisse der Studie zur Sprache bringen. Das Thema darf bei der Synode nicht ausgeblendet werden. Mit der Studie wird uns bewusst gemacht, dass wir den Kurs der Wahrhaftigkeit und unseren Einsatz für den Kinderschutz in der von Papst Franziskus vorgegebenen Weise fortführen und verstärken müssen. Um der Betroffenen willen. Um der Kirche willen. Und um einer neuen Vertrauensbasis und Glaubwürdigkeit willen", erläuterte Marx.
Müller-Piepenkötter: Die Verantwortlichen müssen sich den Opfern selbst stellen
Ackermann: Ich habe das Ergebnis der vorliegenden Studie leider erwartet
"Wir haben in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Maßnahmen gegen sexuelle Gewalt im Raum der Kirche ergriffen. Das gilt insbesondere für den Bereich der Prävention, dank der engagierten Präventionsbeauftragten zusammen mit ihren vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Der Forschungsbericht zeigt uns aber, dass wir Bischöfe noch konsequenter und abgestimmter untereinander vorgehen müssen und dass alle Maßnahmen zur Intervention und Prävention zu kurz greifen, wenn sie nicht eingebettet sind in eine kirchliche Kultur und in Strukturen, die dazu beitragen, den Missbrauch von Macht wirksam zu verhindern. Diesen Auftrag haben wir von Jesus Christus selbst her. Schon Jesus verurteilt gegenüber seinen Jüngern scharf den Missbrauch von Macht, wenn er sagt: 'Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.' Als Beauftragter der Bischofskonferenz werde ich mich dafür einsetzen, dass wir mithilfe der Ergebnisse der MHG-Studie den Weg der Bekämpfung des Missbrauchs beharrlich fortsetzen. Allein werden wir Bischöfe das nicht können. Auch das zeigt die Erfahrung der vergangenen Jahre. Wir brauchen dazu die kritisch-solidarische Hilfe anderer: der Gläubigen, der Gesellschaft, der Politik, der Wissenschaft und ganz besonders auch die Hilfe der Betroffenen", so Ackermann.
Familienbund fordert verstärkte Präventionsarbeit
Mit Betroffenheit und Bestürzung reagiert der Familienbund der Katholiken auf die heute von der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda offiziell vorgestellten Ergebnisse einer Studie, die erstmals den Umfang von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in der Zeit von 1946 bis 2014 in Deutschland untersucht. In den Akten der Bistümer sind danach mindestens 3.677 Kinder und Jugendliche als Opfer sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche dokumentiert. 1.679 Kleriker sollen sich schuldig gemacht haben, oftmals aus „sexueller Unreife“, wie die Forscher schreiben. „Im Dickicht der kirchlichen Strukturen ist es zu sexuellem Missbrauch Minderjähriger in einem für mich unvorstellbaren Ausmaß gekommen“, sagte Familienbund-Präsident Becker anlässlich der Veröffentlichung heute in Berlin. „Machtmissbrauch und Vertrauensbruchhaben unfassbares Leid über Schutzbefohlene der Kirche und deren Familien gebracht. Das macht mich tief betroffen. Die unheilvolle Art und Weise, wie in den zurückliegenden Jahren verheimlicht und vertuscht wurde, kann nicht akzeptiert werden. Die Kirche – und damit meine ich Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien –muss jetzt unverbrüchlich an der Seite der Opfer stehen, ungeachtet des eigenen Ansehens! Mit Blick auf die Zukunft kann das nur heißen: Die Kirche muss weiter sämtliche Register einer umfassenden Präventionsarbeit ziehen. Kompromisse darf es dabei nicht geben!“ Wesentlichen Anteil am großen Ausmaß des sexuellen Missbrauchs habe nach Beckers Worten auch die Tabuisierung von Sexualität in der Kirche. Eine grundlegende Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs sei nur möglich, wenn sich die Kirche einer offen geführten Sexualitätsdebatte stelle. Die Zeit dafür sei reif, so Becker.
"Eine der Lehren, die wir aus den Missbrauchsfällen der Kirche mit Blick auf Familien ziehen müssen, lautet“, so der Präsident des Familienbundes Becker: „Ertüchtigen wir unsere Kinder frühzeitig, sich gegen die Gefahren sexuellen Missbrauchs zu wappnen. Erziehen wir unsere Kinder zu selbstbewussten Menschen, die wissen, dass nur sie es sind, die ein Recht an ihrem eigenen Körper haben. Sensibilisieren wir sie behutsam und ermöglichen ihnen so ein entschiedenes Nein, wenn sich Dritte ihrem Körper nähern wollen. Und stärken wir die Eltern. Wie können sie erkennen, ob ihr Kind bedrängt wurde? Und wie können sie reagieren? Bei dieser Aufgabe sind Staat und Kirche gefordert, systematisch kind- und familiengerechte Angebote zu schaffen.“
Zur heute veröffentlichen Studie sagte Landesvorsitzender Hubert Schulte in Fulda: „Angesichts des großen Dunkelfeldes, auf das die Forscher in ihrer Studie mehrfach hinweisen, müssen jetzt die Bistümer für detaillierte Aufarbeitung von unabhängiger Seite sorgen. Das Licht der Aufklärung menschlichen Unrechts darf mit der Veröffentlichung dieser Studie nicht erlöschen. Dunkelräume darf es in der Kirche nicht mehr geben, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Und keine Strukturen, die sie ermöglichen und decken.“ Nötig sei nicht weniger als ein grundlegender Kultur- und Bewusstseinswandel der Kirche. „Ein Null-Toleranz-Verhalten, wie von Papst Franziskus gegenüber sexuellem Missbrauch gefordert, muss gelebt werden, in allen Gliederungen, auf allen Ebenen kirchlichen Lebens. Verdachtsmomenten muss entschieden nachgegangen und Recht konsequent angewendet werden“, sagte Schulte.
Macht- und Gewissensmissbrauch sind nach Schultes Einschätzung entscheidende Voraussetzung für den sexuellen Missbrauch in der Kirche. „Der Klerikalismus hat dazu geführt, dass Täterschaft in den kirchlichen Reihen vielfach gedeckt und der Blick auf die Opfer vermieden wurde. Die erfolgreiche Überwindung dieser Geisteshaltung wird wahrscheinlich die Zukunft der Kirche maßgeblich mitbestimmen. Nepotistische Strukturen, die menschliches Unrecht akzeptieren, dürfen in der Kirche nicht mehr möglich sein. Das Leben von Familien muss auch künftig der Mittelpunkt der Kirche sein können.“
Die Autoren der Studie zählen vor allem auch den kirchlichen Umgang mit dem Thema Sexualität zu den vorrangigen Risikofaktoren für das Entstehen von sexuellem Missbrauch. „Eine gründliche Aufarbeitung des Missbrauchs wird nur dann möglich sein, wenn die Kirche ihren Begriff von Sexualität umfassend diskutiert und neu bewertet. Dazu kann ich nur dringend raten“, sagte Schulte. „Eine Tabuisierung des Themas mit dem gleichzeitigen Anspruch einer rigiden sexualmoralischen Normierung erweist sich innerkirchlich als ein idealer Nährboden für unreife Sexualität, die sich in Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ungezügelt Bahn bricht“, so Schulte. „Fest steht heute vor allem: Der Weg der Kirche, missbrauchtes Vertrauen zurückzugewinnen, wird lang sein. Als erste zivilgesellschaftliche Institution Deutschlands in einer umfangreichen Studie – auch wenn diese Schwächen hat – einen Beitrag zur Aufklärung geleistet zu haben, ist dazu ein erster Schritt. Weitere müssen folgen.“ +++

Vielen Dank an Fuldainfo für diesen ausführlichen Bericht und die Stellungnahmen kirchlicher Verbände und Organisationen dazu.
Es hat lange gedauert, bis die katholische Kirche in Deutschland soweit war.
Man kann nur hoffen, dass daraus endlich ernste Konsequenzen folgen, damit solche Dinge nie wieder geschehen. Doch ich zweifle daran, ob das der Kirche wirklich gelingt. Denn eigentlich müsste sie konsequenterweise den Zölibat abschaffen oder auf freiwillige Basis stellen. Und das ist ein Tabu, an dem zwar schon viele gerüttelt haben doch es ist die Basis der "Leidensgemeinschaft" der Priester. Und die wird man sich nicht nehmen lassen.
Doch ich erinnere mal auch hier an die Interpretation eines weisen Mannes: "Gott wohnt in jedem Menschen. Also nicht nur in einer kleinen Gruppe oder in einem Einzelnen." Und was ist das Göttliche in uns allen? Wovon Jesus auch immer wieder sprach? Es ist die Liebe! Und die hat jeder in sich. Nur die Priester dürfen nicht lieben. Und wer nicht liebt, wer nicht lieben darf, in dem wohnt auch Gott nicht!
Wie also können die katholischen Priester, Bischöfe und der Papst behaupten, dass sie von Gott berufen sind, wenn sie die Liebe nicht in sich tragen dürfen? Wenn also Gott nicht in ihnen wohnt?
Um diese eine Frage geht es!
Denn wer die Liebe nicht in sich trägt,
der tut auch anderen Leid an!
Weil der Teufel in ihm wohnt!