SPD-Sonderparteitag wählt Schulz zum neuen Parteivorsitzenden

Schulz spricht sich für Korrekturen an der Agenda 2010 aus

Berlin. Ein SPD-Sonderparteitag will am Sonntag den Nachfolger des scheidenden SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel bestimmen. Erwartet wird ein Sieg des Kanzler-Kandidaten und ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz. Er hoffe auf eine “überwältigende Mehrheit”, sagte Schulz vor dem Treffen in Berlin, zu dem mehr als 3.500 Delegierte und Gäste erwartet werden. Der populäre Schulz übernimmt die Parteiführung von Sigmar Gabriel, der im Januar überraschend auf die Kanzlerkandidatur verzichtet und sich vom Amt des Parteivorsitzenden zurückgezogen hatte. Gabriel hatte der Partei mehr als sieben Jahre lang vorgestanden. Schulz spricht sich für Korrekturen an der Agenda 2010 aus und will den Wahlkampf auf das Thema Sozialer Gerechtigkeit hin ausrichten. Seit der Kandidatur von Schulz hat sich die SPD in Umfragen um mehr als zehn Prozentpunkte verbessert und liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Union. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid würde ein Linksbündnis aus SPD, Grünen und Linkspartei eine knappe Mehrheit erreichen.

Schwester von Martin Schulz findet Hype “unheimlich”

Kurz vor der Wahl von Martin Schulz zum SPD-Vorsitzenden warnt dessen ältere Schwester Doris Harst vor allzu hohen Erwartungen im Bundestagswahlkampf. “Es berührt mich, welche Hochachtung mein Bruder nun erfährt. Das ist schon gigantisch”, sagte Harst der “Welt am Sonntag”: Manche Erwartungen seien aber auch “übermenschlich. Es ist ja schon etwas unheimlich, diesen Schulz-Hype zu erleben. Ich hoffe, das lässt mit der Zeit etwas nach. Martin ist ja auch nur ein Mensch”. Die Bundestagswahl am 24. September sei “noch längst nicht gewonnen, bis zum Einzug ins Kanzleramt ist es noch eine ganze Strecke”, sagte Harst, die im rheinischen Würselen lebt und dort seit über 30 Jahren für die SPD im Stadtrat sitzt: “Aber ich bin sicher, dass wir das schaffen.” Wenn Schulz ein Ziel habe, “dann steuert er es konsequent an”. Natürlich hoffe sie, dass ihr Bruder Bundeskanzler werde, auch wenn er dafür privat viel aufgeben müsste: “Aber es war ja schon bisher eine große Leistung meiner Schwägerin, ihn zu begleiten und aufzufangen, die Karriere meines Bruders so mitzutragen – zumal sie ja gar nicht gern im Mittelpunkt steht und die Öffentlichkeit meidet. Für all das kann er dankbar sein, und ist es auch. Die beide, Martin und Inge, haben ja ein ganz inniges Verhältnis.”

Als klar geworden sei, dass Martin Schulz Kanzlerkandidat und SPD-Vorsitzender wird, “hat uns das natürlich die Sprache verschlagen”, sagte Harst: “Für eine Sozialdemokratin wie mich ist es eine riesige Ehre, dass mein Bruder Nachfolger von Willy Brandt und anderen beeindruckenden Persönlichkeiten wird.” Zu Weihnachten 2016 habe man über die mögliche Kanzlerkandidatur geredet. “Martin hat weder gesagt, dass er es machen wird, noch dass er es nicht machen wird”, sagte Harst. Als ältere Schwester sorge sie sich immer um den jüngeren Bruder: “Ich habe Angst, dass die Medien über ihn herfallen, wenn er mal ein falsches Wort sagt. Da muss er höllisch aufpassen. Außerdem hoffe ich, dass er die Kandidatur körperlich durchhält.” Als Kanzler, prognostizierte Harst, “würde Martin gegenüber Herrn Trump stark auftreten. Er hat ja keine Angst, das ist das Gute an ihm. Tritt ihm jemand auf die Füße, lässt er sich das nicht gefallen.” Harst sagte, sie schätze Kanzlerin Angela Merkel (CDU), “aber ich glaube, ihre Zeit ist vorbei. Sie hat das Land etwas eingelullt, das bricht nun auf. Mir tat Frau Merkel schon etwas leid, als ich sah, wie sie neben Herrn Seehofer ihre Kandidatur erklärt hat. Da wirkte sie angestrengt und ausgepowert.” +++

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Zieherser Hof

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1 Kommentar

  1. Und wie haben die Medien die SPD zunächst kritisiert, weil diese ihren Kanzlerkandidaten “erst” Ende Januar 2017 küren wollte, später, dass das wohl eine “Sturzgeburt” gewesen wäre! Dass bis dato die Union noch gar keinen Kanzlerkandidaten gekürt hatte, scheinen manche Politiker (z.B. die unsägliche Frau Klöckner) und die Medien ob ihres Furors bei ihrer Kritik an der SPD ganz übersehen zu haben! War ja auch aus Sicht der fast sprachlosen Union ein gemeines Drehbuch der SPD!
    Nebenbei bemerkt: Die Medien scheinen nicht nur über den peinlichen Kanzlerkandidatenfindungsprozess der Union gütig hinweg zu sehen, sondern auch über die Prozesse der CSU-Spitzenkandidatenfindung für die Bundestagswahl sowie der Nachfolgeregelung von Seehofer in der CSU – beides bis auf weiteres offen! Dagegen war das bei der SPD fast so friedlich und geräuschlos wie eine Papstwahl. Und noch dazu für 5 Führungspositionen auf einmal! Chapeau, SPD!
    Übrigens: Gabriel ist zurückgetreten, um dem Land und der Partei zu dienen. Die letzten Rücktritte von CDU- bzw. CSU-Ministern (Guttenberg, Schavan, Friedrich, Haderthauer) erfolgten wegen Skandalen und/oder Verfehlungen. Wie dieser Prozess in der CSU aussieht, kann man derzeit am Bayern-Ei-Skandal ablesen!

    “… Die Kommentare anderer Leute:
    teils Verschwörer der übelsten Sorte,
    teils dumpfbackige, hirnlose Beute
    einer versponnenen, verbohrten Kohorte….”

    http://youtu.be/sBom50KrkBk

    Viel Spaß und neue Erkenntnisse beim Anhören.

    Ich bin mal gespannt, ob die Medien jetzt, nach dem erfolgreichen Sonderparteitag der SPD, ihre offensichtlich falsche Kritik und ihr Versäumnis in ihrer Berichterstattung hinsichtlich der Union korrigieren.

    PS: Nachdem Schulz sukzessive jetzt auch politische Inhalte preisgibt, reagiert interessanterweise die Union vorwiegend mit heißer, noch dazu stinkiger Luft oder mit #SchulzFakes.

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