SG Barockstadt Fulda-Lehnerz – Die fabelhafte Reise des Moritz Dittmann

Die SG Barockstadt stabilisiert sich zunehmend in der Regionalliga Südwest – auch wenn sie fußballerisch noch nicht wirklich gut ist. Nach dem 2:1-Sieg gegen die U23 des Bundesligisten SC Freiburg hielt sie sich, zumindest vorerst, den Kontrahenten vom Hals – mit 36 Punkten aus 25 Spielen dieser Saison ist sie Zehnter. Einen Punkt hinter dem Traditionsverein KSV Hessen, zwei Zähler hinter Walldorf, und drei hinter Sandhausen, den Stuttgarter Kickers und dem FC Homburg. Vier Punkte Abstand sind es auf Mainz‘ U23, fünf bis auf den FSV Frankfurt. Liest sich diese Bilanz nicht gut, schmückt sie das Team aus Osthessen nicht? „Gerade in der Vorrunde haben wir solch enge Spiele wie gegen Freiburg nicht gezogen“, sagte der frisch gebackene Vater und Trainer Daniyel Cimen, „das gelingt uns jetzt wesentlich besser“.

Die SGB tauchte in einen Start, den sich jeder wünscht. Sieben Minuten waren vorüber in der Johannisau, da ging sie in Front. Langer Ball über die linke Seite, Moritz Dittmann roch die Situation, spritze mit seiner Schnelligkeit sowie Druck auf Ball und Gegner hinein, war eher am Ball als Freiburgs in diesen Sekunden nicht auf der Höhe befindlichen Innenverteidigers David Schopper, überlief den, zog Richtung Grundlinie, brachte die Kugel mit links und letztem Einsatz zurück – und der nachrückende Tobi Göbel veredelte die Vorarbeit zum 1:0.

Dieses von Dittmann initiierte Tor verschaffte der SGB Mut und wies ihr den Weg. Vor allem in den Basics wirkte sie stark, war lauf- und kampfstärker, aggressiver und entschlossener als der Gegner. Positiv, dass sie defensive Halbräume wieder gut verdichtete und sich permanent half. Freiburg sah man zwar technische Stärke und Substanz an, hier und da auch ein gutes Passspiel – aber. Und da gab es fast eine Mängelliste: Dem Spiel fehlte jegliche Tiefe, oft war der erste Kontakt schlecht, oft versäumte der Gast auch das zielgerichtete Anspiel in die Box. Das betraf vor allem Mateo Zelic, der durch gute Dribblings auffiel, aber wenig entschlossen wirkte.

Gäste-Trainer Bernhard Weis war mächtig angefressen. Verständlich, und er sagte: „Das Spiel haben wir in der ersten Halbzeit verloren.“ Dennoch hatte Freiburg – dessen Vorgehen bisweilen an eine Jugendmannschaft erinnerte und nicht an Männerfußball – Pech im Abschluss. So traf Zelic die Latte (35.), und standen dem Gast zweimal knifflige Abseits-Entscheidungen im Weg (23., 24.). Weis war indessen verärgert und schüttelte enttäuscht den Kopf: „Bei einer Umschalt-Situation laufen wir ins Abseits.“ Und die war in einer Überzahl-Situation vielversprechend.

Wenige Minuten zuvor und nach einer guten halben Stunde hatte die SGB das 2:0 erzielt – und das ging so: Einwurf Kraft auf der rechten Seite, Göbel schirmte den Ball gut ab – Dittmann nahm die Kugel technisch geschickt mit und legte ein Solo hin, das in der Wahrnehmung der SGB in dieser Saison einen besonderen Platz einnehmen wird. Er zog in den Strafraum, spielte drei Mann und traf – auch wenn er sich mit etwas Glück, aber mit Willen und Beharrlichkeit durchsetzte -, aus eher spitzem Winkel sehenswert ins Tor. Gab es da auch nur einen in der Johannisau, der nicht mit der Zunge schnalzte?

„Unterirdisch verteidigt“, schien Weis über das Verhalten seines Teams erneut angefressen – die SGB indessen sollte sich über Dittmanns Wert bewusst sein. Und das ist sie ja auch. Denn bei der kritisch analysierenden Betrachtung muss man fragen: Was wäre sie ohne Dittmann? Das offensive Spiel, jenes mit Ball, scheint derzeit berechenbar. Wohl auch, weil Leon Pomnitz in einer Art Formkrise steckt. Aber solange die Mannschaft im Spiel gegen den Ball so stabil ist wie im Moment, scheint vieles ausgleichbar.

Man sollte sich im Mannschafts-Spiel Fußball davor hüten, individuelle Qualitäten Einzelner hoch zu pushen – aber es gibt Situationen, in denen dieser Blick nicht verklärt. Auch Tobias Göbel machte durch seine Durchsetzungsstärke, sein Geschick mit dem Ball, seinen direkten Weg zum Tor und sein Zielgerichtet-Sein erneut auf sich aufmerksam. Und Sebastian Schmitt zeigte defensive Qualitäten, als er Freiburgs Flügelspieler und Zulieferant Amegnaglo so gut wie aus dem Spiel nahm.

Gar nicht gut aber bei der SGB: die Restverteidigung. Besonders nach ruhenden Bällen, nach Standards oder auch wenn sie das Tor des Gegners unter Druck setzt, war mehrfach erkennbar, dass sie „ins offene Messer läuft“ oder defensiv große Löcher entstehen. Dennoch befand Cimen, und das durfte er auch in Anspruch nehmen: „Gerade defensiv haben wir besonders in der ersten Halbzeit einen guten Job gemacht. Und haben zudem eine gute Effektivität an den Tag gelegt.“ Stimmt.

Im zweiten Abschnitt war dies anders. Freiburg konnte nicht mehr viel schlechter spielen, stellte um – und brachte mit Patrick Lienhard einen Beruhiger, Stabilisator und eine ordnende Hand ins Spiel. Mit der Folge, dass die Aktionen des Gastes flüssiger, mutiger und zielgerichteter wurden. Die Folge: der Anschlusstreffer zum 2:1. Nach einer Ecke und einer Kopfball-Verlängerung war der körperlich kleine Lienhard zur Stelle.

Wieder einmal ließ die SGB aber eine positive Reaktion folgen. Sie fing sich nach etwa 70 Minuten, kam jetzt wieder in die Zweikämpfe und entschied die zunehmend für sich. „Wir waren dann wieder auf dem Platz“, bemerkte Cimen. Auch wenn Freiburg einige Situationen hatte, in denen die SGB eine Spur Glück begleitete, sie aber nicht ernsthaft in Gefahr geriet – hätte der Gastgeber das Spiel zumachen müssen. Auch dieses Phänomen ist nicht unbekannt. Tobi Göbel bot sich nach 71 Minuten eine Mega-Chance: punktgenauer Pass von Schmitt, Göbel stellte in den Zweikampf auf dem Weg zum Tor geschickt seinen Körper rein, zog davon, auch an Gäste-Keeper Jantunen vorbei – und traf übers Tor.

Überdies haderte nicht nur das Publikum, als der ansonsten starke Schiedsrichter Hasmann der SGB einen Elfmeter verweigerte. Das war fünf Minuten vor dem regulären Ende – und wieder war Dittmann im Spiel. Er nahm die Kugel toll und mutig mit im Eins-gegen-eins, setzte sich durch – und wurde in Nahdistanz auf dem Weg zum Tor gefoult. Ehe die SGB in den letzten Sekunden der Nachspielzeit eine Überzahl nicht gut ausspielte, Klein aber zu zögerlich wirkte und am Ende der Aktion zu Ivankovic rüberholte – Torwart Jantunen aber zur Stelle war.

Sei‘s drum: Die SGB hatte sich nach jetzt zehn Punkten in Folge Selbstvertrauen angefressen. So leicht ist die derzeit nicht zu schlagen. Auch im Halfbfinale des Hessenpokals am Dienstag auf dem Bieberer Berg bei Kickers Offenbach nicht.

SG Barockstadt: Zapico – Kraft, Habermehl, Frey, Schmitt – Sarpei, Ivankovic, Dittmann, Arcanjo Köhler (81. Reinhard), Pomnitz (65. Klein) – Göbel (90.+1 Besso)

SC Freiburg U23: Jantunen – Rüdlin, Amegnaglo (56. Clinton), Schopper, Tober, Wagner (90. Schulten), Raweri (46. Lienhard), Zelic, Tarnutzer, Steinmann, Fetsch (46. Wiklöf)

Schiedsrichter: Justin Hasmann

Tore: 1:0 Tobias Göbel (8.), 2:0 Moritz Dittmann (32.), 2:1 Patrick Lienhard (60.) +++ rl


Popup-Fenster

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*