Schulbeginn in Hessen – Wir sind wieder einmal sehr enttäuscht worden

Völliger Verlust von Planungssicherheit

Der Gesamtverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen in Hessen e.V. (glb), die Arbeitsgemeinschaft der Unabhängigen Lehrer Hessen (UL) und der Verband der Lehrer Hessen (VDL) halten die Hessischen Regelungen zum Schulbeginn für kontraproduktiv und nicht pandemieeinschränkend. Es werden bei den Eltern Erwartungen geweckt, die weder personell, noch durch die digital schlecht ausgestatteten Schulen umzusetzen sind. Wenn die maximale Eskalationsstufe in Hessen erreicht ist und der alles überstrahlende Wunsch aller Verantwortlichen aus Politik und Wissenschaft der ist, die Corona- Pandemie mit einer strengen Eingrenzung von Kontakten in den Griff zu bekommen, dann ist ein, wie auch immer geartetes Präsenzangebot an den Schulen kontraproduktiv.

Wir wissen inzwischen, dass Infektionsketten natürlich auch über Kinder und Jugendliche in den Schulen stattfinden. Die nun aufgehobene Präsenzpflicht mit dem einhergehenden Angebot der (Not)Betreuung ist nicht geeignet, die Pandemie in den Griff zu bekommen und dem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Denn es ist davon auszugehen, dass keineswegs nur 10-20% aller Schüler*innen in die Schule gehen werden. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass eher 2/3 bis 3/4 der Kinder vom Präsenzangebot Gebrauch machen werden. Schließlich ist nicht von einem Zeitraum von 3 sondern von 15 Tagen die Rede. Im Vordergrund müssen weiterhin der Schutz und die Gesundheit aller an Schule Beteiligten stehen. In der Schule müssen die gleichen Regelungen wie für den Alltag gelten. Mit der Entscheidung der Hessischen Landesregierung wurde erneut das RKI und dessen Datenlage nicht berücksichtigt. Aufgrund der Weihnachtsfeiertage und der Tage zwischen den Jahren hat das RKI darauf hingewiesen, dass valide Zahlen erst ab dem 17.01.2021 zu erwarten sind. Die Regelungen der Hessischen Regierung und des Hessischen Kultusministers sind erneut nur kurzfristig ausgerichtet und verlangen von den Schulleitungen Unmögliches. Innerhalb von zwei Tagen soll erneut ausgearbeitet werden, wie alle Eventualitäten unter der Vorgabe der maximalen Eskalationsstufe durchorganisiert werden sollen.

Teilweise haben Schulleitungen aufgrund der Verkündungen auf der Pressekonferenz vom 06.01.2021 erste Maßnahmen geplant, die sie dann wieder revidieren mussten, nachdem der dazugehörige Erlass aus dem Kultusministerium kam. Endgültige Planungen können zudem erst erfolgen, wenn klar ist, wie viele Eltern ihre Kinder am 11.01.2021 in die Schule schicken werden. Unabhängig davon ist die hessische Variante der Präsenzpflichtfreigabe für die Jahrgangsstufen 1-6 und die verpflichtende Anwesenheit der Abschlussklassen nicht mit der Forderung der verschärften Kontakteinschränkungen kompatibel. Wenn in Familien nicht einmal die eigenen Kinder zu Besuch kommen dürfen, weil die Anzahl der zugelassenen Haushalte überschritten wird, ist es aber in den Schulen grundsätzlich zulässig, dass bis zu 30 Kinder einer Klasse mit ihren Lehrkräften[1] zusammenkommen können. Ebendiese Kinder, die in den Klassenräumen nebeneinandersitzen, dürfen sich dann allerdings nachmittags nicht mehr treffen. Darüber hinaus dürfen Lehrkräfte dann zumindest während der Schulzeit wieder mit vielen anderen Haushalten (wir denken an eine Größenordnung von mindestens 70 bis über 100 Haushalten pro Tag) für mehrere Stunden in Kontakt treten, was außerhalb des Schulgeländes selbstverständlich nicht mehr gilt.

Die von Kultusminister Prof. Dr. Lorz an die Eltern gerichtete Bitte, die Kinder doch zuhause zu lassen, ist im Hinblick auf die Bemühungen der Pandemieeinschränkung nicht hilfreich und verursacht hessenweit aufgrund der fehlenden Planbarkeit eine nicht überschaubares und dem Bildungsauftrag nicht gerecht werdendes Organisationschaos mit der Möglichkeit von täglich wechselnden Gruppenzusammensetzungen. Die Entscheidungsverantwortung hat das Kultusministerium an die Eltern delegiert. An die Eigenverantwortlichkeit zu appellieren, anstatt Regelungen zu treffen, ist ein Wegducken der Verantwortlichen in Kultusministerium und Landesregierung. Gerade in den Grundschulen könnte dies ein Problem werden. Außerdem sorgen die Regelungen für ein absolutes Ungleichgewicht unter den verschiedenen Schulformen der hessischen Schulen. Distanzunterricht ist an Grundschulen und weiterführenden Schulen – insbesondere mit einer hohen Anzahl von inklusiv beschulten Schülerinnen – nicht immer problemlos umsetzbar, da Eltern und Schülerinnen aus unterschiedlichen Gründen damit überfordert sind. Zudem ist die Ausstattung mit mobilen Endgeräten für Schüler*innen nicht bedarfsgerecht vorhanden und lässt so etliche zurück. Fördervereine versuchen diese Lücke an einigen Standorten zu schließen; dieses lobenswerte Engagement kann aber nicht die fehlende Tätigkeit der Landesregierung ersetzen, die sich eigentlich schon längst darum hätte kümmern können und müssen.

Durch die vielen Abschlussklassen sind berufliche Schulen besonders belastet. Hier kommt eine hohe Anzahl von Schüler*innen zusammen. Dem wird dadurch Rechnung getragen, dass die Schulen entscheiden müssen, ob alle Abschlussklassen beschult werden können. Sollten die räumlichen und personellen Kapazitäten einer beruflichen Schule eine Präsenzbeschulung nicht für alle Abschlussklassen ausreichen, ist zunächst für die Klassen mit zentralen Prüfungen (Berufsschule, Berufliches Gymnasium, Fachoberschule) prioritär Präsenzunterricht anzubieten. In einem zweiten Schritt sind diejenigen Klassen zu berücksichtigen, deren Schüler erfahrungsgemäß die größten Schwierigkeiten im Distanzlernen haben. Dies kann zu Ungleichbehandlung an verschiedenen beruflichen Schulen führen. Insbesondere die Schüler in den Berufsvorbereitungs-, Berufsfachschul- und InteA-Klassen können aus vielfältigen Gründen keineswegs problemlos mit Distanzunterricht umgehen. Sie haben zum Teil erhebliche Schwierigkeiten im Umgang mit den digitalen Medien und kommen aus sozial und finanziell schwachen Familien und nicht alle zugesagten Maßnahmen greifen. Zudem bilden Sprach- und Verständnisschwierigkeiten eine große Hürde und die Schüler benötigen Beständigkeit. Auch Schulabsentismus spielt eine Rolle.

Darüber hinaus erfüllen die für den Distanzunterricht und die Abstimmung der Lehrkräfteschaft notwendigen Videokonferenzsysteme immer noch nicht die Anforderungen der einschlägigen Datenschutzregelungen. So ist beispielsweise rätselhaft, wie eine Online-Notenkonferenz die notwendigen Ergebnisse erzielen soll, wenn in dieser weder über konkrete Schüler*innen noch über Noten gesprochen werden darf. So nachvollziehbar der regierungsseitige Versuch der Koppelung von Maßnahmen an Inzidenzen und der Wunsch nach Berücksichtigung besonderer Situationen (stärkerer Betreuungsbedarf jüngerer Schüler, erhöhte Bildungsanforderungen für Abschlussklassen) ist, führt dies weiterhin zu hohen gesundheitlichen Risiken für Lehrer, Schüler und deren Familien und dem 08 für den Schulstart am 11.01.2021, insbesondere in den Jahrgangsstufen 1-6, was der Bildungsqualität ebenso abträglich ist. Die Grundschulen stehen wieder einmal vor besonderen Schwierigkeiten und Hürden. +++

Es gibt einige Regeln, die alle Diskussionsteilnehmer einhalten müssen. Wir bitten um Beachtung.

[Kommentarregeln hier klicken]

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Demokratie braucht Teilhabe!