Schlachthof: Sanierungen „verhageln“ Ergebnis 2023

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Foto: Jens Brehl

Im Grunde hätte Vorstand Peter Schmitt auf der gestrigen Hauptversammlung des Erzeugerschlachthofs Kurhessen für das Geschäftsjahr 2023 einen Gewinn vermelden können. Der Umsatz ging, verglichen mit 2022, um 7,91 Prozent auf 1.337.443,47 Euro zurück, unter dem Strich steht ein Verlust von 146.658,07 Euro (Vorjahr: Gewinn 24.681,64). Das ist unter anderem auf gesunkene Schlachtzahlen zurückzuführen. An die Haken kamen 45.982 Schweine (2022: 50.099) und 3.108 Rinder (2022: 3.270). „Auf den ersten Blick ist die Zahl schockierend, auf den zweiten nicht mehr“, so Schmitt angesichts des Verlusts. Vor allem schlug die umfassende Sanierung des Daches mit 253.387,99 Euro zu Buche, hinzu kamen auch Malerarbeiten für 30.593,95 Euro. Sämtliche Kosten konnten aus Eigenmitteln gestemmt werden, Kredite waren daher nicht nötig.

Aufsichtsratsvorsitzender Sebastian Bühler lobte ausdrücklich das vorausschauende und gute Wirtschaften von Sven Euen, der bis vergangenen Herbst Vorstandsmitglied war und nach fast fünf Jahren planmäßig und auf eigenen Wunsch zurückgetreten und weiterhin im Erzeugerschlachthof Kurhessen tätig ist. Euen war es auch, der die 34 anwesenden Aktionärinnen und Aktionäre, die gemeinsam ein Kapital von 152.000 Euro repräsentierten, für 2024 auf einen weiteren Rückgang der Schlachtzahlen vorbereitete. Hauptgrund: Fast den gesamten vergangenen August stand der Schlachtbetrieb still, da das Lohnunternehmen für Kopfschlächter Fulda quasi über Nacht ausgefallen war und laut Vorstand des Erzeugerschlachthofs, Stefan Sutor, wohl mittlerweile den Geschäftsbetrieb eingestellt hat. Daher wurden etwa 4.500 Tiere weniger geschlachtet.

Gemeinsam Chancen eröffnen

Vorstand Winfried Schäfer ist es zu verdanken, dass ein Teil der ehemaligen Kopfschlächter nun direkt beim Erzeugerschlachthof Kurhessen angestellt ist. Zudem stoßen drei Auszubildende demnächst hinzu. In jedem Problem wohne auch eine Chance inne, bekräftigte Sutor: Der Betrieb hatte sich damit auch vom Modell Subunternehmen die Schlachtung zu überlassen – welches gesellschaftlich in die Kritik geraten ist – verabschiedet. „Ich bin ein großer Freund davon, dass die Mitarbeiter direkt bei der Schlachtstätte angestellt sind. Damit hat man immer den vollen Durchgriff, was gerade bei für den Tierschutz relevanten Themen der wichtigste Punkt ist. Da macht keine Maschine einen Fehler, wenn dann ein Mensch. Für den Standort ist es daher ein großer Gewinn.“ Dem stimmte Bühler ausdrücklich zu.

Um mit dem Schlachthof Aschaffenburg die letzte in der Metropolregion Rhein-Main verbliebene Schlachtstätte zu erhalten, ging Sutor dort als Geschäftsführer im Sommer 2023 in die Verantwortung und trat damit ein herausforderndes Erbe an. Nach schweren Tierschutzverstößen war die Schlachtstätte von Behörden vorübergehend geschlossen. Ein großer Teil Sutors Rezept für den Neuanfang war eigenes Personal am Tier, mehr Mitarbeiter mit weniger Stundenzahl soll mehr Zeit für das einzelne Tier ermöglichen, wie die allgemeine fleischer zeitung  berichtete. Sutor war für Euen in den Vorstand des Erzeugerschlachthofs Kurhessen berufen worden. „Über sein Engagement sind wir sehr froh, da er verstanden hat, wie wichtig es für regionale Schlachthöfe ist, Netzwerke und Strukturen aufzubauen“, hob Bühler hervor. „Ziel ist es, unsere Kräfte zu bündeln und uns gemeinsam strategisch ausrichten“, erklärte Sutor, der in Fulda die Modernisierung weiter vorantreiben wird. Die gesamte Schlachtlinie soll auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden, auch um effizient mit weniger Personal betrieben werden zu können. Die Seilwinde soll dieses Jahr durch einen Rinderaufzug ersetzt werden, was an dieser Stelle einen Mitarbeiter spart. Sutor betonte ausdrücklich, dass es nicht darum gehe, auf Krampf Personal freizusetzen, sondern die eigentliche Frage sei, ob die Arbeitskraft in zehn Jahren überhaupt noch verfügbar ist. Stichwort Fachkräftemangel. Ein weiterer Pluspunkt verortete Sutor an anderer Stelle: Nach dem Betäuben können dann Rinder noch schneller ausgeblutet werden, was die Qualität des Fleisches nochmals erhöhe.

Auch die Fotovoltaikanlage auf dem Dach des Erzeugerschlachthofs ist beschlossene Sache, wie Euen betonte. Auf der Hauptversammlung Ende 2023 hieß es, dass diese im Folgejahr installiert wird. Man habe keine Eile, betonte Schmitt. Der Strompreis für Industriekunden war zwischenzeitlich gesunken, auch die Solarmodule haben sich vergünstigt. Euen rechnet mit einer Investition von etwa 95.000 Euro, die sich in dreieinhalb bis vier Jahren amortisiert haben soll. Die Finanzierung wird noch geklärt, Eigenmittel zu nutzen sei an dieser Stelle weniger sinnvoll. Am Ende soll die Anlage Strom und Warmwasser liefern.

Neuer Aufsichtsrat

Der Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender und Vorstandsmitglied Schmitt sind ehrenamtlich tätig. Da Christian Bug auf eigenen Wunsch als Aufsichtsrat zurückgetreten ist und auch der Hauptversammlung entschuldigt fernblieb, wurde Lars Bagus, neben Peter Schmitt Geschäftsführer der Robert Müller GmbH und dort verantwortlich für die Bereiche Produktion und Verwaltung, einstimmig gewählt. „Tierschutz beginnt, wenn man die Transportwege kurz hält“, bekräftigte Bagus, wie wichtig regionale Schlachtstätten sind. Damit ist die in Flieden-Rückers ansässige Robert Müller Gruppe noch enger mit dem Erzeugerschlachthof Kurhessen verbunden.

Die Stimmung unter den Vorständen und dem Aufsichtsrat war außerordentlich gelöst und zuversichtlich, trotz zahlreicher Herausforderungen wurde zwischendurch gescherzt und gelacht. Kein Vergleich zu vergangenen Hauptversammlungen wie im Jahr 2022, wo hohe Energiepreise die Stimmung verhagelten. Dem damaligen Vorstand Euen stand der Stress streckenweise deutlich ins Gesicht geschrieben. Schreitet die Modernisierung des Betriebs weiter voran, stehen die Chancen sehr gut, die Infrastruktur zu erhalten. +++ Jens Brehl


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