„Realisten erfinden keine Flugzeuge“ – Helge Mühr über Mut, Menschlichkeit und neue Politik in Fulda

Helge Mühr

Zum sechsten Mal tritt der Kommunalpolitiker Helge Mühr bei einer Kommunalwahl an. Im Gespräch blickt er auf seine politischen Anfänge zurück, verteidigt seinen einstigen Wahlspruch und skizziert seine Vision für eine menschlichere Politik in Fulda.

Als junger Kandidat sorgte Mühr mit dem Satz „Realisten erfinden keine Flugzeuge“ für Aufsehen. Heute bezeichnet er sich mit einem Lächeln als „Realist mit Flugerfahrung“. Der Gedanke hinter dem Spruch sei für ihn jedoch aktueller denn je. In der Politik, sagt er, gebe es viele vermeintliche Realisten – Menschen, die Veränderungen mit dem Hinweis ablehnen, etwas habe „schon immer so funktioniert“ oder der Haushalt lasse es nicht zu. Für Mühr sind das die Verwalter des Status quo. Hätte man immer nur auf solche Bedenken gehört, sagt er, „säßen wir heute noch in der Postkutsche“.

Sein „Flugzeug“ von heute beschreibt Mühr als Vision einer Stadt, die den Menschen ihre Zeit nicht mehr nimmt. Während sich im Stadtschloss aus seiner Sicht viele an gewohnte Abläufe klammerten und Bürokratie sowie Wartezeiten als unvermeidlich darstellten, wolle er Freiheit neu denken – nicht als abstrakten Begriff, sondern als gewonnene Lebenszeit im Alltag. Politik dürfe sich nicht ausschließlich in ökonomischen Realitäten verlieren. Ohne Zeit und soziale Wärme bleibe Freiheit wertlos. Wer nur Zahlen betrachte, erfinde vielleicht eine bessere Bilanz, aber kein „Flugzeug, das Menschen wirklich trägt“.

Für Mühr hat Politik zu lange versucht, sich wie eine Rechenaufgabe zu verhalten – kühl, technisch und häufig am Menschen vorbei. Ein Flugzeug hebe nicht ab, weil jemand Tabellen studiere, sondern weil jemand den Mut habe, die Zusammenhänge zu verstehen. Er plädiert deshalb für mehr echte Teilhabe der Bürger. Eine Demokratie, warnt er, leide besonders unter Fantasielosigkeit und unter Politikern, die vor allem ihre eigenen Positionen verwalteten.

Dass das Vertrauen in die Politik vielerorts gesunken ist, erklärt Mühr mit einer zunehmenden Entfremdung. Seit etwa 25 Jahren beobachte er eine Entwicklung, bei der Politik immer stärker in einer eigenen Blase agiere. Während sich politische Debatten häufig um abstrakte Haushaltsfragen drehten, spielten die alltäglichen Sorgen und Zeitprobleme der Menschen kaum eine Rolle. Das Ergebnis sei eine spürbare Vertrauenskrise. Auch die große Zahl von zwölf Parteien und Gruppen bei der Wahl wertet er als Zeichen dieser politischen Zersplitterung.

Gleichzeitig warnt Mühr vor einer politischen Kultur der Abwertung. Klare Positionen seien wichtig, doch sobald andere Ansichten pauschal als „Blödsinn“ bezeichnet würden, gehe der Blick für das Gemeinwohl verloren. Wer führen wolle, müsse begeistern können und dürfe nicht von oben herab belehren. Unterschiedliche Perspektiven – etwa von Ingenieuren, Erziehern oder Rentnern – seien für eine lebendige Stadt notwendig. Gefährlich werde es, wenn Menschen innerlich abschalteten, sobald jemand anderes spreche. Wer glaube, die Wahrheit gepachtet zu haben, verwechsle den eigenen Blickwinkel mit der Realität – und genau daran gehe Vertrauen verloren.

Ein Ausweg aus dieser von ihm kritisierten „Oberlehrer-Politik“ liege für Mühr in stärkerer Legitimation durch die Bürger. Wichtige Entscheidungen sollten aus seiner Sicht stärker öffentlich diskutiert und legitimiert werden. Als Beispiel nennt er die Gestaltung der Turmhaube auf dem Schlossturm, über die seiner Meinung nach auch die Bürgerschaft stärker eingebunden werden sollte. Solche Verfahren seien anstrengend, weil sie Diskussionen erforderten – aber sie seien notwendig, damit Menschen Entscheidungen mittragen.

Bürgerbeteiligung sei für ihn kein Wahlkampfversprechen, betont Mühr. Schon vor mehr als zehn Jahren habe er Initiativen wie einen Jugenddialog, eine Innenstadtoffensive unter dem Motto „Deine Ideen für Deine Stadt“ oder Bürgerideen zum Haushalt gestartet. Für ihn sei Beteiligung der einzige Weg, die Distanz zwischen Rathaus und Bevölkerung zu überwinden. Online-Formate und Veranstaltungen vor Ort könnten sich dabei ergänzen – entscheidend sei der politische Wille.

Ein zentrales Ziel seiner Politik beschreibt Mühr mit dem Begriff „Lebenszeit zurückgeben“. Kommunalpolitik könne zwar die Zeit nicht anhalten, aber Prioritäten setzen. Barrierefreie und logisch gestaltete Wege könnten Menschen Kraft und Minuten sparen, besser organisierte Buslinien effizientere Verbindungen ermöglichen. Auch funktionierende digitale Verwaltungsangebote könnten Bürgern Zeit zurückgeben, wenn sie nicht für jeden Stempel persönlich ins Amt kommen müssten. Wenn Menschen nicht mehr lange telefonieren müssten, um einen Termin zu bekommen, sei das für ihn gelebte Freiheit. Politik müsse deshalb stärker Lebensqualität gestalten, statt nur in Bauprojekten zu denken.

Auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sieht Mühr Handlungsbedarf. Der klassische Stammtisch habe nach wie vor seinen Platz und sei Teil der städtischen Kultur. Für konkretes Engagement brauche es jedoch zusätzliche Orte. Viele Bürgerhäuser wirkten seiner Ansicht nach zu starr organisiert oder wenig einladend. Was fehle, seien echte „Stadtteil-Wohnzimmer“, Räume für Begegnung und Nachbarschaft. Ein gesundes Fulda brauche Orte, an denen Menschen sich als Menschen begegnen könnten – nicht nur in ihren jeweiligen Funktionen. +++


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