Projekt „Fulda-Auschwitz“ mit dem Ehrenamtspreis für Zivilcourage ausgezeichnet

Historikerin fordert Installation gegen das Vergessen am Bahnhof Fulda

Fulda. Zum 27. Mal hat am vergangenen Freitag in Fulda der „Markt der Möglichkeiten“ mit der Verleihung des Ehrenamtspreises für Zivilcourage, der „Fuldaer Rose“ stattgefunden. In diesem Jahr ging der Ehrenamtspreis an das Projekt „Fulda-Auschwitz“, das bereits zum vierten Mal von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 8. und 9. der Bardoschule Fulda durchgeführt worden war. Anja Listmann, Deutsch- und Geschichtslehrerin an der Bardoschule Fulda und Organisatorin des Projekts, nahm am Freitagabend die Fuldaer Rose stellvertretend für alle, die an Fulda-Ausschwitz beteiligt gewesen waren, entgegen. Als diesjährigen Ehrengast und Hauptreferenten konnten die Fuldaer Sozialdemokraten den sozial- und familienpolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Gerhard Merz MdL, begrüßen.

Auf der Veranstaltung des SPD-Stadtverbandes Fulda, die seit vielen Jahren in der Fuldaer Orangerie ausgetragen wird, waren auch in diesem Jahr wieder mehr als 35 Vereine, Verbände und Organisationen aus den Bereichen Soziales und Ökologisches vertreten. Die Vielfalt dieses, breit gefächerten, ehrenamtlichen Engagements unterstreicht die Bedeutung des alljährlich, zu Jahresbeginn in Fulda stattfindenden Markts der Möglichkeiten. Gerhard Merz MdL ging in seiner Rede auf das Ehrenamt und seine Bedeutung auf die Gesellschaft ein. In diesem Kontext differenzierte er vom allgemeinen, dem politischen und dem gesellschaftlichen Ehrenamt. Während das allgemeine Ehrenamt überwiegend in Handlungen, die ihren Ursprung in der Subsidiarität und in der Solidarität haben, begründet ist, umfasst das politische und das gesellschaftliche Ehrenamt Handlungen auf dem Fundament der Kommunalen Demokratie.

Bernhard Lindner, SPD-Fraktionsvorsitzender in der Fuldaer Stadtverordnetenversammlung und stellvertretender Vorsitzender des SPD-Unterbezirkes Fulda, der am Freitagabend stellvertretend für den SPD-Stadtverband Fulda auf die Historikerin Anja Listmann die Laudatio hielt, sprach davon, dass sie sowie die Schülerinnen und Schüler, die die vergangenen Monate in Fulda-Ausschwitz involviert gewesen waren, „den Untermenschen“, die einst im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau den Tod gefunden hatten, durch die Aufarbeitung des Vergangenen, ihre Auseinandersetzung deren Schicksale und durch ihre persönliche Anteilnahme wieder ein Stück Menschlichkeit zurückgegeben zu haben. „Angesichts dieser, rechten Anfeindungen zunehmend nationalistischer Gesetzgebungen – auch in der EU oder politisch motivierten Verhaftungswellen -, leisten Sie eine wertvolle Arbeit genau gegen das Vergessen und für gelebte Demokratie“, so Lindner bezugnehmend auf die jüngsten, politischen Ereignisse am Freitagabend in Fulda.

„Diesen Preis könnte ich heute nicht entgegennehmen, ohne die vielen, fantastischen Jugendlichen, die sich in den vergangenen Jahren für dieses Projekt begeistert haben. Man muss sich wirklich vorstellen, dass sich diese, 14 bis 17-Jährigen – anstatt sich mit angenehmen Themen die Freizeit zu versüßen – mit etwas auseinandersetzen, dass in seiner unvorstellbaren Grausamkeit nicht zu überbieten ist“, sagte die Organisatorin des Projekts Fulda-Auschwitz, Anja Listmann, am Freitagabend in Fulda. Nachfolgend sprach sie den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihren allergrößten Respekt aus.

Oft werde Anja Listmann gefragt, warum sie sich so intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Der Schlüsselmoment markiert die Erkenntnis, dass es in ihrem Heimatort, Bad Salzschlirf, einst eine jüdische Gemeinde gegeben hatte und alle Erinnerungen daran fast vergessen waren. Die Aufarbeitung dieser Geschichte, das Wissen um die vielen Menschen, die in den Ghettos der Schießungsstätten, Konzentrations- und Vernichtungslager ermordet wurden, habe sie nachhaltig erschüttert und sie wollte verhindern, dass diese Menschen, mit denen sie sich auf irgendeine Art und Weise emotional verbunden fühlt und sich als Beschützerin ihrer Geschichte sieht, in Vergessenheit geraten. Seitdem habe sie das Thema nicht mehr losgelassen.

Emotional immer wieder höchst anstrengend sei für die Schülerinnen und Schüler die einwöchige Exkursion in die Gedenkstätte Auschwitz gewesen: „Die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler erfahren nicht nur Geschichte hautnah, sie spüren das Auschwitz nichts Vergangenes ist. Sie spüren, dass die Schohr, nicht mit den Massenerschießungen oder Gaskammern beginnt, sondern in der Ausgrenzung anderer. Sich solchen Ausgrenzungen entgegenzustellen, erfordert Mut. Damals, wie heute.“ „Emotional waren wir alle instabil, aber ich bin froh, dass wir diese Reise zur Gedenkstätte angetreten sind“, so am Freitagabend eine junge Teilnehmerin im Rückblick auf ihre Erfahrungen mit Fulda-Auschwitz.

„Wenn ich heute durch Fulda laufe, finde ich keinerlei Hinweise darauf, wo unsere ehemaligen Nachbarn lebten und arbeiteten. Oder, dass sich auf dem Gelände des Jerusalemplatzes und angrenzender Gebäude der alte jüdische Friedhof befindet. Ein Platz für die Ewigkeit. Ich erfahre nicht, dass vom Bahnhof Deportationen stattfanden. Und ehrlich gesagt, ich schäme mich jedes Mal, wenn ich mit Menschen, die hier ihre Wurzeln haben, auf dem Patz der ehemaligen Synagoge bin, ihnen diesen Parkplatz zeigen muss, die Gedenktafel, die teils überwuchert ist, Fahrräder, die an der Gedenktafel lehnen und, wenn die Müllabfuhr kommt, Müll einladen. Und es tut mir im Herzen weh, wenn Menschen, die den weiten Weg hierher machen und das so sehen und ich denke, das muss sich ändern“, so Anja Listmann am vergangenen Freitag auf dem Markt der Möglichkeiten 2018 in Fulda.

Listmann verblieb mit dem Wunsch: „Die so lebendigen Spuren des jüdischen Lebens, so, wie es seit dem frühen Mittelalter 1942 in Fulda blühte, scheinen beinahe ausgelöscht. 2018 jährt sich das Gedenkjahr zur Rettung jüdischer Kinder, der so genannten Kindertransporte zum 80. Mal. Auch Fuldaer Kinder konnten durch diese Hilfsaktion der Engländer mit der Abfahrt vom Fuldaer Bahnhof gerettet werden. Nur drei Jahre später startete die erste von drei Deportationszügen von demselben Bahnhof. Ich wünsche mir, dass zum diesjährigen Jahrestag eine Erinnerung an die Rettung und an die Vernichtung am Bahnhof installiert wird; Als erste Station für einen Informationsrundgang durch das jüdische Fulda. Und, da sich 2018 auch die Pogromnacht zum 80. Mal jährt, wäre es doch wunderbar, solch eine Installation mit den Angehörigen Fuldaer Familien zu begehen. 2019 stehen große Feierlichkeiten in Fulda an, und vielleicht wäre das ein Anlass, solch ein Projekt bereits heute zu starten.“ +++ jessica auth

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2 Kommentare

  1. Wieder einmal ein Projekt, das diesen Preis auch verdient hat. Diesen Satz allerdings sollten sich unsere Verantwortlichen der Stadt hinter die Ohren schreiben: “Wenn ich heute durch Fulda laufe, finde ich keinerlei Hinweise darauf, wo unsere ehemaligen Nachbarn lebten und arbeiteten”. Hier muss sich dringend etwas ändern. Der Artikel von fdi ist, wie immer, das Beste, was man über diese Veranstaltung findet. Danke!

  2. „Wenn ich heute durch Fulda laufe, finde ich keinerlei Hinweise darauf, wo unsere ehemaligen Nachbarn lebten und arbeiteten. Oder, dass sich auf dem Gelände des Jerusalemplatzes und angrenzender Gebäude der alte jüdische Friedhof befindet. … Und ehrlich gesagt, ich schäme mich jedes Mal, wenn ich mit Menschen, die hier ihre Wurzeln haben, auf dem Patz der ehemaligen Synagoge bin, ihnen diesen Parkplatz zeigen muss, die Gedenktafel, die teils überwuchert ist, Fahrräder, die an der Gedenktafel lehnen und, wenn die Müllabfuhr kommt, Müll einladen. Und es tut mir im Herzen weh, wenn Menschen, die den weiten Weg hierher machen und das so sehen und ich denke, das muss sich ändern“, so Anja Listmann. Diese Aussage wurde mit Beifall bedacht und ich war mir sicher, dass diese Ausführungen in der hiesigen Zeitung fehlen. Und tatsächlich, selbst diese berechtigte Kritik wurde verschwiegen, nach dem Fulda-Motto: „Fulda, die schönste Stadt Hessens“ – hier ist die Welt noch in Ordnung – zumindest in der Zeitung…

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