Es muss nicht immer Platz eins oder zwei sein. Die alte Form ist zurück, spürte Philipp Stuckhardt. Dann streikte das Knie, weil er in eine Wurzel trat beim internationalen und hoch angesehenen Spitzenlauf im schweizerischen Klosters - Madrisa Trail Klosters presented by LOWA, lautet sein hübsches Etikett. Wegen nicht toll beschilderter Strecke bog er auch noch falsch ab - und kam dennoch als Dritter ins Ziel. Eine Top-Leistung.
Über 24 Kilometer ging‘s und 1.400 Höhenmeter - wo so manchem schwindelig wird, zeigte der Bad Hersfelder in der Schweizer Bergwelt, der zu den Besten der Welt gehört in dieser Disziplin, vieles von dem, was sich Normalsterbliche kaum vorstellen können. Es kam erneut einer Reifeprüfung gleich - oder war es ein Mosaik seines Entwicklungsprozesses -, innerhalb der sich der 33-Jährige im wahrsten Sinne durcharbeiten musste. Auch und vor allem im Kopf.
Stuckhardt lief von vorn weg, mit mehr als ansprechendem Tempo. Ganz nach seinem Geschmack. Er setzte sich an die Spitze des Feldes. Nach vier Kilometern schloss ein Schweizer zu ihm auf, aber Philipp merkte: „Ich habe viele Körner. Meine Top-Form hab‘ ich wieder.“ Wenn nichts dazwischenkommt, so wusste er, würde er ganz vorn landen. Auch im steilen Stück klappte es gut. Körper, Verfassung, Form - all das fühlte sich gut an.
Dann aber der erste Schreckensmoment. Bergab ging es, als er sich in einer Wurzel vertreten und das Knie verharkt hatte. Er musste sein Tempo drosseln. Schließlich hatte er noch 16 Kilometer vor sich. Und sein Schweizer Konkurrent überholte ihn in einer Tannenwald-Passage. Im Wechsel hieß es bergauf, bergab. Und zu allem Überfluss bog Philipp - auch weil die Strecke nicht perfekt ausgeschildert schien - auch noch falsch ab. Natürlich kostete ihn das Zeit. Wertvolle Zeit. Jetzt begann eine weitere Phase des Durcharbeitens. Philipp Stuckhardt dachte sich kurz: Soll ich anrufen und aussteigen? Er tippte sich bei diesem Prozess an im Kopf und entschloss sich, weiterzumachen. Nicht aufgeben. Er sagte sich: reiß‘ dich zusammen.
Er fragte Streckenposten: Wie viele sind vor mir? Vier waren es. Philipp kämpfte. Er zapfte sein Läufer-Herz an - und arbeitete sich bis auf Rang drei. Eine Wahnsinns-Leistung. Nur die, die in der Spitzen-Welt des Sports und Sich-regelmäßig-Schindens unterwegs sind, können dies nachvollziehen.
„Das ist ärgerlich“, reagierte Philipp Stuckhardt, „wenn du spürst, fühlst, weißt und denkst, du hast deine Form wieder und kannst das Ding gewinnen - und dann passieren solche Dinge …“ Positiv aber: Er durchschritt und durchlebte diesen Prozess des Durcharbeitens - im Bewusstsein, seine alte Verfassung wiedergefunden zu haben in diesem vermaledeiten Jahr, in dem er den ganzen Mai nicht trainieren konnte. Eigentlich ein No Go für Spitzensportler.
Und auch dieses „gemischte Gefühl“ danach bedeutete ihm einiges. Es war die Freude über sein gutes Lauf-Gefühl und die intakte Verfassung am Berg. Das wog mehr. Das war größer. Und Philipp Stuckhardt sah durchaus einen Entwicklungs- und Reifeprozess. „Vor ein paar Jahren hätte ich den Ärger noch länger mit mir herumgetragen. In den letzten beiden Jahren habe ich doch innere Ruhe und innere Gelassenheit gefunden. Und Dinge zu akzeptieren.“ Dinge, an denen er eh nichts ändern kann. Mit einer Spur Ironie, aber völlig zurecht schiebt er noch nach: „Es war Mentaltraining. Ich hab‘ erfahren, wie es ist, das Feld von hinten aufzurollen. Was man da für Energie einsetzen muss.“ Na ja, ganz so schlimm war es nicht.
Und er nimmt andere Dinge wahr. Solche, die ihn freuen. „Du bist stets präsent. Du bist immer da. Du bist jedes Jahr da“, hört er von Anderen. Landauf. Landab. Und er weiß jetzt und nach diesem Jahr, das noch lange nicht beendet ist, wie es ist, sich in einer Talsohle, die ganz normal ist für Sportler, durchzuarbeiten. Erster oder Zweiter zu werden, ist schön. Genauso wertvoll ist es aber - und noch wertvoller, weil es dem Menschen mehr bringt - in diesen Phasen den Kopf oben zu behalten. Philipp Stuckhardt dachte sich oft in jüngster Zeit, wie viele Läufer es gibt, die so hart trainieren - und doch nicht die Möglichkeit haben, auf dem Treppchen stehen?
Die herausfordernde Strecke in Klosters war seine letzte in Deutschland in diesem Jahr. Jetzt freut er sich auf die Wettkämpfe in naher Zukunft oder im Spätherbst. Zum Beispiel den HochRhön Berg Trail in Hilders am 14. September. Dort hat es der umtriebige Benedikt Beck geschafft, dass Läufer Punkte für die UTMB-Weltserie sammeln können - ein Fakt, der mehr Läufer großen Namens anziehen dürfte. Philipp Stuckhardt läuft die 28-Kilometer-Strecke, eine der beiden langen Distanzen. Er werde nicht der einzige „Hoch-Qualität-Läufer“ sein, mutmaßt der Bad Hersfelder. Der hofft durch Becks Impuls in Hilders, dass es weitere UTMB-Wettbewerbe in Deutschland geben könne, „du musst nicht so oft nach Österreich und in die Schweiz fahren. Ich kann in die Rhön fahren und freue mich tierisch drauf.“
Philipp Stuckhardt ist auch das „Gesicht“ des Bad Hersfelder Lollslaufs - besser gesagt: Er soll dafür herhalten. Oder als „Zugpferd“. Endlich ist es dem veranstaltenden SC Neuenstein gelungen, ihn (der auf fast 20 Teilnahmen kommt) anzusprechen und zu gewinnen - besser gesagt: Karl-Heinz Hemel hat dies getan und die Initiative ergriffen. Hemel hat es hauptverantwortlich geschafft, die Aushänge-Veranstaltung zu Beginn des Lollsfestes am Leben zu halten. In diesem Zusammenhang hält Stuckhardt in der kommenden Woche ein zunächst einmaliges „Einsteiger-Training für jedermann“ ab. Es gibt zwei Termine: am Dienstag, 19. und Donnerstag, 21. August. Ort ist jeweils die Wandelhalle im Bad Hersfelder Kurpark.
Der SC Neuenstein unterstützt diese Maßnahme natürlich - Philipp Stuckhardt leitet sie. Im Vorgriff auf den Lollslauf. Sein Ziel: die Basics vermitteln, die man auch im Alltag einsetzen kann. Der Bergläufer weiß, dass da zwei Welten aufeinanderprallen. +++ rl

Hinterlasse jetzt einen Kommentar