Philipp Stuckhardt: Ein leidenschaftlicher Bergläufer

Philipp Stuckhardt
Philipp Stuckhardt Foto: privat

Philipp Stuckhardt ist bemüht, nach wochenlanger Trainingspause wegen eines hartnäckigen Infekts im Mai zu konstanter Verfassung zurückzufinden. Nachdem der Bergläufer deutschen und internationalen Spitzenformats beim Tschirgant Sky Run in Imst in Tirol eine Top-Leistung geboten hatte und als Zweiter ins Ziel kam - hatte er bei den Deutschen Meisterschaften auf der äußerst anspruchsvollen Strecke am Nebelhorn in Oberstdorf eine schmerzhafte Begegnung mit der Realität. Es lief nichts zusammen, aber auch gar nichts. Stuckhardt spricht vom „schlechtesten Lauf“, den er in den Bergen absolviert hat. Doch kurze Zeit danach scheint es, als habe er diese Situation hinter sich gelassen. Er ist fest entschlossen, sich da herauszuarbeiten.

Zunächst zum Geschehen in Imst. Wie eine Befreiung war die Platzierung - entsprechend groß die Freude über das Erreichte: „Auf jeden Fall bin ich auf einem guten Weg. Das passt. Ich bin mega zufrieden.“ Und er fügte hinzu: „Wichtig war, dass ich nach dem Wettbewerb an der Zugspitze einen Erfolg für mich hatte.“

Tschirgant Sky Run in Imst in Tirol? Da war doch was. Dieser Wettbewerb war eine Art Einstiegshilfe für Philipp Stuckhardt, praktisch bot er ihm eine Brücke zu seiner Leidenschaft, seinen ersten Start als Bergläufer absolvierte er dort. „Es ist der Lauf, wo ich gerne hinfahre und daran teilnehme“. Zudem gehört er der weltweit führenden UTMB-Serie an - qualitativ gute und starke Läufer aus aller Welt nutzen die Konkurrenz, um ihren Status zu polieren oder, wie Stuckhardt in diesem Jahr, Form aufzubauen. Die Temperatur war auch in Imst nicht ohne; der Start aber erfolgte schon um 9 Uhr, mittags indessen zeigte das Thermometer 34 Grad Celsius.

Auf den 17 Kilometern bestand die Herausforderung, darin, 900 Höhenmeter zu bewältigen. Stuckhardt fühlte sich besser als zuletzt die Zugspitze hinauf, er spürte, „dass an diesem Tag was geht“. Am Sportplatzgelände in Imst startete das Läuferfeld, die ersten beiden Kilometer führten über Asphalt, ehe es anschließend recht zügig in ein kleines Waldstück und langsam, aber sicher und heftig nach oben ging. „Hier wurde es immer ein bisschen giftiger und steiler“, sagte Stuckhardt.

Der 33-Jährige legte tüchtig los und setzte die ersten Kilometer auf Risiko. „Ganz bewusst, als wenn ich meine Topform hätte.“ Die hatte er natürlich noch nicht so ganz. Doch er wollte an seiner Verfassung nicht nur knabbern, er wollte sie testen und es wissen. Stuckhardt setzte sich zunächst ein Stück ab - ehe er im steilen Stück das Tempo drosselte. Der österreichische Favorit und Spitzenläufer Jonas Nussbaumer überholte ihn. Erwartungsgemäß. Nussbaumer gewann den Lauf später nicht nur - er ist in 2025 mega gut drauf und gewann in diesem Jahr so manche Konkurrenz.

Die wichtige Botschaft für Stuckhardt aber: Der Lauf lieferte ihm eine neue Erkenntnis. Er nennt das so: „Ich habe versucht, ruhig und stabil zu bleiben - und mein Tempo zu halten. Das hat auch gut funktioniert.“ Sehr gut - niemand kam an ihm mehr vorbei. Das machte einiges mit ihm. Auf dem Weg, seine Form über Wettkämpfe zu finden. Seine Verfassung - physisch und auch psychisch - stabil zu gestalten. Immer einen Stein draufzusetzen. Und Geduld zu beweisen. Im Vergleich zu den letzten Jahren spürte er zudem, die Läufe und ihre Ergebnisse wertzuschätzen und dankbar zu sein. Eine wichtige Erfahrung. Eine essentielle Erfahrung. Philipp Stuckhardt wusste, dass er schneller laufen konnte, als es die 1 Stunde und 17 Minuten hergaben. Auf 1:12 brachte er es an diesem Ort schon. Er sammelte auch Punkte für die UTMB-Serie. Sein Programm in diesem Jahr ist und bleibt straff - es kommt einer riesigen Herausforderung gleich. Zunächst startet er am 29. Juni am Nebelhorn im Allgäu bei den Deutschen Meisterschaften. Die Rennen in Grindelwald am 19. Juli und in Klosters beim Madisa Trail seines Sponsors LOWA kommen hinzu, über 24 Kilometer geht‘s da. Eventuell ist auch der Start am Matterhorn Ende August ein Thema. Stuckhardt wird zudem bei einigen Wettkämpfen in Osthessen teilnehmen. Frohe Kunde gibt es aus Hilders: der HochRhönTrail ist in diesem Jahr in die UTMB-Kategorie aufgestiegen - hat also sein Renommee nochmals gesteigert. Diese Konkurrenz geht am 14. September über die Bühne. Auch Philipp Stuckhardt wird aller Voraussicht nach dabei sein. Zunächst aber führte ihn seine Reise ans Nebelhorn.

Wie erwähnt: Es ging gar nichts auf dieser anspruchsvollen Strecke an diesem Tag. Das Etikett „schlechtester Lauf“ in den Bergen heftete an ihm. Stuckhardt war sowohl physisch als auch psychisch völlig fertig. Und wer den leidenschaftlichen Sportler kennt, der weiß, wie sehr ihn die Erlebnisse am Nebelhorn zu schaffen machten. Wie sehr sie an seiner Seele nagten. „Die Deutschen Meisterschaften haben an meiner Läufer-Seele schon ganz schön geschmerzt“, gab er auch Tage danach noch zu. Dann aber dockte er bald am Gesundungsprozess der Psyche an - als wolle er eine Wolke um Hilfe bitten, ihn ein Stück weit mitzutragen.

Jeder Sportler kennt die Situation. Es ist vergleichsweise leicht, Siege zu feiern. Wie gut und kommod fühlt es sich an, Erster, Zweiter oder Dritter zu werden; das zählt in der öffentlichen Wahrnehmung, in Deutschland sowieso. Alle klopfen sich dann auf die Schenkel und denken „ach, wie schön“. Hat man diese Erfolgserlebnisse indessen mal nicht - dabei gibt es doch auch noch Tagesform, gesundheitliche Verfassung und starke Konkurrenz - werden Sportler, die ja auch Menschen sind, nicht beachtet oder mit Fragezeichen in Verbindung gebracht. „Was war los mit dir“, heißt es dann sehr schnell. Durch solche Prozesse hindurchzugehen - oder besser: sich durch- oder herauszuarbeiten - das scheint zumindest ebenso wichtig, wie es die Momente des Erfolgs sind. Und Philipp Stuckhardt ist dazu bereit.

„Ich habe es nicht so sehr an mich herangelassen“, sagt Stuckhardt jetzt, „wir betreiben den Sport ja auch, um zu wissen, wie hart Niederlagen sein können“. Spüren oder fühlen könnte man auch sagen, es wäre nicht falsch. „Das ist wie im Leben“, fügt der 33-Jährige hinzu, „und Sport gehört zum wirklichen Leben“. Seine Augenblicke spiegeln das echte Leben am besten wider, könnte man auch sagen. Zu Recht bemerkt er noch, dass „die ganzen Profi-Sportler Psychologen an ihrer Seite haben“. Für die Konstanten Tagesform, physische Gesundheit und Verfassung der Konkurrenz können indessen auch sie nicht sorgen. Stuckhardt sagt wenige Tage nach den Erlebnissen in Oberstdorf voller Überzeugung: „Es sollte so sein, dass ich psychisch nochmal wachse.“

Und er stieß sich schon mal gesund. In kleinerem Rahmen zwar und auf kleinerer Bühne, aber wichtig und eindrucksvoll. Und es wusch die Seele. Beim Strandfest-Lauf des LC Marathon Rotenburg war das. Notgedrungen veranstaltete der rührige Verein erstmals einen „Elite-Lauf“ ein, einen über eine Meile. Philipp Stuckhardt gewann klar - zockte all die Konkurrenten ab und zeigte ihnen die Grenzen auf. „Ich habe mich freigepustet. Körperlich und mental“, atmet er durch, „ich habe gemerkt, ich kann es doch noch. Und ich war froh, dass ich die jungen Knaben so um die 20 hinter mir lassen konnte“, scherzte er im gleichen Atemzug.

Und Philipp Stuckhardt nahm in und nahe seiner Heimat noch andere Impulse wahr. Er badete irgendwie darin. „Ich hab‘ auch gemerkt“, sagte er, „dass ich die Basics noch in mir hab. Ein starker Endspurt hat mir zum Sieg verholfen“. Anfangs seiner Läuferkarriere gehörte er jahrelang der LG Alheimer Rotenburg-Bebra an. Hier wurde er groß. Hier ebnete ihm sein langjähriger Trainer Wolfgang Weber die Brücke, in seiner Leidenschaft, die über den PSV Grün-Weiß Kassel und den SSC Hanau-Rodenbach zum Bergläufer internationalen Formats und nach Kassel zurück führte. Man bräuchte es nicht zu sagen, aber Stuckhardt empfindet Dankbarkeit.

Er wusste auch, dass er in Rotenburg einen Sieg über sich selbst feierte. Einen ersten. Nicht auf großer Bühne. Aber auch dieser Sieg schmeckte süß. „Ich habe mich der Situation gestellt und wurde angesprochen“, löste er den Knoten. Zumindest lockerte er ihn. „Und all den Fragen. Philipp, dieses Jahr läuft es wohl nicht so“, trug mancher an ihn heran. Doch Doch er gab eine erste und vor allem passende Antwort mit dem Sieg. „Es hat Bock gemacht. Ich hab Lust gehabt. Von Anfang an hab ich mein Ding gemacht.“ Es lief ihm schon runter wie Öl, als der tolle Moderator und Ansager Oliver Weber in Rotenburg in sein Mikrofon durchgab: Er hat dem Lollslauf seinen Stempel aufgedrückt. Und jetzt auch dem Strandfest-Lauf in Rotenburg.“

Und die weniger gute Tages-Verfassung am Nebelhorn lehrten ihn noch anderes. Er werde, wenn er nicht in Form und topfit sei, wohl nicht mehr an solch einem anspruchsvollen Wettbewerb an den Start gehen. „Bei so einem Niveau werde ich wohl nicht mehr antreten. Doch ich habe es ja bewusst gemacht.“ Die Steigungen dort und das Auf und Ab der Berge seien „radikal hoch“ gewesen, „und diese vertikalen Läufe kann ich ja nicht trainieren“. Da müsse er schon topfit sein, um mit der Elite mithalten und konkurrieren zu können. Positiv: Der Körper wurde an die hohen Temperaturen gewöhnt. „Es war heiß. Ein Hitze-Lauf“, bestätigte Stuckhardt.

Denn der Jahreskalender wird für den 33-Jährigen nicht schmaler. Zunächst steht der Lauf in Grindelwald an am 19. Juli. Den hat er schon zweimal gewonnen. Stuckhardt sagt nur: „Ich freue mich drauf.“ Mehr braucht es nicht. Erst recht nicht, wenn man sich aus anstrengenden Situationen durch- und herausarbeiten muss. +++ rl


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