Nahid Rauf: Sie gibt den Mädchen eine Stimme

Nahid Rauf. Foto: privat

Die afghanische Studentin Nahid Rauf möchte Frauen und Mädchen aus ihrem Heimatland eine Stimme geben. Die Studentin des Bachelor-Studiengangs Global Health an der Hochschule Fulda stammt aus Afghanistan und macht im Rahmen eines Studienprojekts mit einer multimedialen Ausstellung auf die prekäre Lebenssituation junger Afghaninnen aufmerksam. „Die Menschen sehen oft nur das Bildungsverbot, aber als afghanische Frau sehe ich, was wirklich dahintersteckt“, sagt Rauf. Am Mittwoch, 28. Januar, gibt sie Einblicke in diese Realität: Von 17 bis 19 Uhr können Besucherinnen und Besucher die Ergebnisse ihrer Arbeit auf dem Campus der Hochschule Fulda, Gebäude 10, Raum 001, betrachten.

Aufgewachsen ist Nahid Rauf in Herat, einer Stadt, die als Zentrum der persisch-muslimischen Kulturwelt gilt. Trotz der ständigen Barrieren und Herausforderungen für Mädchen in Afghanistan habe ihre Familie sie immer unterstützt, erzählt sie. „Ich wuchs in einer Familie auf, die mich dabei unterstützte, das Leben zu leben, das ich wollte. Und so liebte ich es, in Afghanistan zu leben.“ Bildung habe dabei stets einen zentralen Stellenwert eingenommen. Als Familie mit drei Töchtern habe sie das Bildungsverbot für Mädchen jedoch tief getroffen.

Rauf studierte zunächst Medizin und arbeitete in einem Krankenhaus. Dort habe sie herausragende Ärztinnen und Ärzte sowie talentierte Pflegekräfte erlebt, zugleich aber auch falsche Richtlinien und verschwendetes Potenzial. „Das war der Moment, in dem ich erkannte, dass ich nicht nur Patienten behandeln wollte – ich wollte eine Veränderung im System bewirken“, sagt sie.

In ihrem fünften Studienjahr wurde schließlich das Bildungsverbot für afghanische Mädchen verhängt. „Dreieinhalb Jahre lang habe ich alles versucht, um meine Ausbildung fortzusetzen, aber die Barrieren waren unzählig“, berichtet Rauf. Schließlich entschied sie sich für ein englischsprachiges Studium, das zu ihrem medizinischen Hintergrund passte, und wählte den Studiengang Global Health. Am Fachbereich Gesundheitswissenschaften der Hochschule Fulda lernte sie, Gesundheit über die Mauern von Krankenhäusern hinaus zu betrachten und zu verstehen, wie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft den Zugang zur Versorgung prägen. „Es geht mir darum, die Gesundheitssysteme zu verbessern und Gerechtigkeit zu fördern“, sagt sie.

Diese fehlende Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt ihres aktuellen Seminarprojekts. Rauf hat bis vor Kurzem noch in Afghanistan gelebt und ist seit der High School im Bildungsbereich aktiv. Sie unterrichtete Englisch, Türkisch und Biologie, arbeitete als studentische Hilfskraft und wurde nach ihrem Eintritt in die medizinische Fakultät zur stellvertretenden Managerin der Afghanistan Medical Students Association gewählt. Dadurch baute sie ein großes Netzwerk auf. Heute nutzt sie diese Kontakte sowie ihre Instagram-Seite, um mit Mädchen in Afghanistan in Verbindung zu bleiben und ihre Schicksale in der Ausstellung sichtbar zu machen.

Teil des Projekts ist eine Fotoausstellung mit dem Titel „Blue as the Sky“. Die Fotografien zeigen die blaue Burka, deren Tragen von den Taliban durchgesetzt wird. „Obwohl viele Menschen es nicht als eine Form des Protests tragen, ist es zu einem starken Symbol für auferlegtes Schweigen geworden“, sagt Rauf. Ziel der Bilder sei es, die verborgenen Talente sichtbar zu machen, die sich unter der blauen Burka verbergen. Alle Fotos wurden von einer jungen Frau aufgenommen, die derzeit in Afghanistan lebt, Medizin studierte und ihre Ausbildung aufgrund des Bildungsverbots abbrechen musste.

Der zweite Teil des Projekts ist eine Schreibausstellung mit dem Titel „A Generation on Hold“. Sie soll das Bewusstsein für die fehlende Bildung afghanischer Mädchen schärfen und deren Träume, Identitäten und Zukunftsperspektiven thematisieren. Rauf liest dabei auf Englisch, begleitet von einer Videoprojektion, eine Geschichte aus ihrer Sammlung vor. „Ich habe nicht die Lebensgeschichte einer einzelnen Person aufgeschrieben, stattdessen habe ich Stücke aus dem Leben vieler Frauen genommen und daraus eine fiktive Figur geschaffen“, erklärt sie. Die Geschichte berühre das Leben vor den Taliban, den Fall Afghanistans, Migration und den Verlust der Identität.

Auch das Publikum wird einbezogen: Besucherinnen und Besucher können kleine Notizen hinterlassen – Nachrichten an Mädchen und Frauen in Afghanistan. Rauf plant, diese zu einem Gedicht zusammenzustellen und weiterzugeben. „Die Ausstellung mag das Leben afghanischer Mädchen im praktischen Sinne nicht verändern, aber der Prozess, ihre Schriften zu teilen und zu wissen, dass ihre Stimmen und Namen an einer Universität gehört werden, gibt ihnen Hoffnung“, sagt sie. Vielleicht sei diese Hoffnung nur vorübergehend, doch manchmal reiche genau das: „ein Seil zum Festhalten“. Genau das habe sie selbst einst gebraucht und wolle es nun weitergeben. „Ich glaube, der Satz ,Ich verstehe‘ sollte nicht leichtfertig verwendet werden. Aber dieses Thema ist mir wichtig, weil ich es wirklich verstehe.“

Wichtig: Um Anmeldung zur Veranstaltung wird gebeten bis Montag, 26. Januar, unter hs-fulda.de/newsroom/termine/details/blue-as-the-sky-17689/show.

An der Hochschule Fulda studieren rund 9500 Studierende. In acht Fachbereichen lehren und forschen mehr als 170 Professorinnen und Professoren. Die Hochschule zählt zu den forschungsstärksten Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Deutschland und bietet mehr als 60 Studiengänge an, darunter bundesweit einmalige Angebote. Neben Bachelor- und Masterstudiengängen in Präsenz und Vollzeit gibt es auch ausbildungsintegrierte, berufsbegleitende und duale Studiengänge. Seit 2016 besitzt die Hochschule Fulda als erste Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Deutschland das eigenständige Promotionsrecht. Ihre Internationalisierungsstrategie wird durch die Mitgliedschaft in der europäischen Hochschulallianz E³UDRES² gestärkt. +++


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