Nach der Gummi ist vor der Zukunft

Die Schließung der Gummi in Fulda im vergangenen September war weit mehr als das Ende eines Industriebetriebs. Sie bedeutete einen tiefen Einschnitt in das Selbstverständnis einer ganzen Stadt. Mit dem Aus des Werks verlor die Barockstadt nicht nur einen bedeutenden industriellen Standort, sondern viele Bürgerinnen und Bürger zugleich ihren Arbeitsplatz, ihre wirtschaftliche Sicherheit und ihre persönliche Perspektive. Über Wochen hinweg dominierte das Thema die Gespräche auf Straßen, in Betrieben und in Familien. Der Name Goodyear wurde zum Sinnbild eines schmerzhaften Strukturbruchs, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind.

Nun zeichnet sich zumindest ein neuer Abschnitt ab. Nach unseren Informationen ist inzwischen ein Käufer für das ehemalige Werksgelände gefunden worden. W&L, ein Frankfurter Logistikunternehmen, will das Areal erwerben. Der Preis soll angeblich bei 12 Millionen Euro liegen. Damit gibt es erstmals seit der Schließung eine konkrete Zukunftsperspektive für das Gelände – auch wenn viele Details weiterhin offen sind und Antworten noch ausstehen. Hoffnung mischt sich mit Zurückhaltung, denn die Erfahrungen der vergangenen Monate haben gezeigt, wie fragil solche Perspektiven sein können.

Bestätigt wurden diese Angaben von Stephan Ester aus der Pressestelle von Goodyear. Demnach plant der Konzern, das frühere Werksgelände in Fulda an die W&L Logistics GmbH i.G. zu verkaufen. Der Abschluss des Verkaufs ist jedoch noch nicht endgültig. Er ist an die Erfüllung aller vertraglichen Bedingungen sowie an die üblichen Registrierungen gebunden. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann der Eigentümerwechsel vollzogen werden. Bis dahin bleibt vieles vorläufig – auch die Erwartungen.

Auch der zeitliche Rahmen ist klar umrissen. Die Übergabe der Immobilie an den neuen Eigentümer soll nach dem Abschluss der Stilllegungsarbeiten erfolgen und wird voraussichtlich im Mai 2026 erwartet. Bis dahin bleibt das Gelände Teil eines geordneten Rückzugsprozesses, der bereits mit der Ankündigung der Schließungspläne im Jahr 2023 begonnen hatte. Der Abschied von der industriellen Vergangenheit vollzieht sich damit Schritt für Schritt – langsam, aber unumkehrbar.

Goodyear unterstreicht in diesem Zusammenhang erneut seinen Anspruch auf Verantwortung. Seit der damaligen Ankündigung habe sich der Konzern weiterhin verpflichtet, den Übergang verantwortungsbewusst zu gestalten, die betroffenen Mitarbeiter zu unterstützen und einen sicheren Rückbau des Werks zu gewährleisten. Es sind Worte, die in Fulda aufmerksam gehört werden – und an denen sich der weitere Prozess messen lassen muss. Vertrauen entsteht nicht durch Ankündigungen, sondern durch Taten.

Parallel dazu rückt auch die Rolle der Stadt stärker in den Fokus. Die Stadt Fulda wurde über den angestrebten Verkauf des Areals durch Goodyear an ein anderes Unternehmen in Kenntnis gesetzt. Dabei handelt es sich nicht um die gesamte Fläche von rund 17 Hektar, wohl aber um die wesentlichen Teile des früheren Werksgeländes. Gleichzeitig steht die Stadt mit Goodyear in Kontakt über den möglichen Erwerb einer deutlich kleineren Teilfläche. Konkret geht es um eine etwa 8000 Quadratmeter große Parkplatzfläche entlang der Michael-Henkel-Straße. „Eine solche Entwicklungsfläche, deren Boden nach unserem Kenntnisstand nahezu rückstandsfrei ist, wäre enorm wichtig für die Stadt“, sagte Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld. Goodyear habe der Stadt den möglichen Erwerb dieser Fläche signalisiert, die zuständigen Gremien werden sich in Kürze mit der Thematik beschäftigen.

Darüber hinaus wird die Wahrnehmung des per Satzung ermöglichten Vorkaufsrechts für die übrige Fläche durch die Stadt nun intensiv geprüft, gegebenenfalls auch in Kooperation mit weiteren Partnern. Die städtischen Gremien werden in den kommenden Tagen und Wochen auch in dieser Frage die nächsten Schritte beraten. Es ist ein Prozess, der deutlich macht, wie komplex die Neuordnung eines solchen Industrieareals ist – und wie sorgfältig abgewogen werden muss, welche Chancen sich für die Stadt langfristig eröffnen.

Der geplante Verkauf des Geländes ist damit kein endgültiger Schlussstrich unter die Geschichte der Gummi, sondern der Beginn eines neuen Kapitels. Für die Stadt Fulda bedeutet er Hoffnung und Mahnung zugleich: Hoffnung auf eine neue Nutzung, auf neue Arbeitsplätze und neue wirtschaftliche Impulse. Zugleich ist er eine Mahnung daran, wie verletzlich industrielle Standorte geworden sind – und wie viel Zeit es braucht, um die Wunden zu schließen, die ihr Verschwinden hinterlässt. Eine Stellungnahme der Stadt zu dem Gesamtvorgang liegt bislang noch nicht vor. Geprüft wird von der Stadtverwaltung aber ein Vorkaufsrecht der Stadt. +++


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