Migranten-Bundesverband beklagt Bildungsrückstände in Pandemie

Der Migranten-Bundesverband Nemo beklagt dramatische Bildungsrückschläge wegen der Corona-Pandemie. „Corona hat die Ungleichheit drastisch verschärft“, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Verbandes, Elizabeth Beloe, der „Heilbronner Stimme“ zur derzeitigen Situation. „Die Kinder möchten die deutsche Sprache erlernen, aber unter den Bedingungen der Pandemie mangelt es an Praxis in der Schule, an Begegnungen mit Freunden und Lehrern.“ Man brauche ein festes Aufholprogramm für Kinder mit Einwanderungsgeschichte, das sich aber auch an Jugendliche und Eltern richte. „Viele waren viel zu lange isoliert, gerade die Jungen leiden sehr darunter, manche werden depressiv: Wir müssen jetzt und entschiedener handeln.“

Vor allem geflüchtete Kinder, die noch keine gefestigten Sprachkenntnisse haben und in der Krisenzeit zu Hause vor allem ihre Muttersprache gesprochen und beim Homeschooling möglicherweise weniger Unterstützung und keine so gute digitale Ausstattung hatten, drohten den Anschluss in der Schule zu verlieren. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten sind die in Nemo vereinten lokalen Mitgliedsvereine schon selbst tätig geworden, mit einem „Sommer der Bildung und Lebensfreude“ und einem ähnlichen Winter-Programm wurden Kinder und Jugendliche mit vielfältigen Aktivitäten zusammengebracht. Aber die Mikroprojekte reichten nicht, um die großen Probleme zu lösen. Der Dachverband mahnt eine gezieltere finanzielle Unterstützung und einen unkomplizierteren Zugang zu Fördermitteln an, beispielsweise dem Programm „Bildung und Teilhabe“. Mit Blick auf das bundesweite Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ – zwei Milliarden Euro sind hier für 2021 und 2022 vorgesehen – sagte Beloe: „Wir haben den direkten Zugang zu Menschen mit Einwanderungsgeschichte und kennen den Bedarf vor Ort sehr genau und können also sehr gezielt helfen. Die Migrantenorganisationen müssen Teil des Prozesses sein.“

Peyman Javaher-Haghighi, ebenfalls Vize-Vorsitzender von Nemo, sagte: „Gerade für kleinere Kinder und Grundschüler brauchen wir Eltern-Kind-Angebote, auch mobile Angebote und lokale Kleingruppen, bei denen die Eltern einbezogen werden. Denn auch für die Erwachsenenbildung bedeutet diese Pandemie eine Katastrophe.“ Noch immer seien manche Deutsch- und Integrationskurse ausgesetzt. „Das verstärkt soziale Isolation. Oft bieten gerade diese Kurse die fast einzige Möglichkeit, Deutsch zu sprechen.“ Einen weiteren Ansatz zur Hilfe schlägt das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) vor. Der gemeinnützige Verein, der unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht, setzt sich für Netzwerke aus „sorgenden Nachbarschaften“ ein nach dem Motto: Senioren helfen jungen Menschen, die jungen Leute revanchieren sich mit Hilfe im Garten, beim Einkaufen oder ähnliches. Gerade Senioren engagierten sich „sehr gerne ehrenamtlich“, sagte KDA-Chef Helmut Kneppe. Das habe er in mehreren Projekten festgestellt. Aus Sicht von Margit Stumpp, Sprecherin für Bildungspolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, offenbart sich als Folge der Coronakrise eine grundsätzliche Problematik, die dringend Lösungen bedürfe. „Die Pandemie legt die Schwächen unseres Bildungssystems, die bisher zu oft ignoriert wurden, schmerzhaft offen, sie müssen endlich angegangen werden. Wir müssen jedes Kind dort abholen, wo es in seiner Entwicklung steht, unabhängig davon, aus welchem Elternhaus oder Land es stammt“, sagte Stumpp der „Heilbronner Stimme“. Dies gelte auch in Bezug auf den Bildungsrückstand, der durch die Pandemie zusätzlich entstanden sei. Dabei gehe es nicht nur um Wissenslücken oder Sprachrückstände, sondern auch um soziales Lernen. „Deswegen ist es wichtig, individuelles Fördern und Lernen in den Vordergrund zu stellen.“ Der Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen (Nemo) wurde vor rund fünf Jahren gegründet und hat Sitze in Berlin und Dortmund. Unter dem Dach von Nemo sind bis jetzt 22 lokale Verbünde in zehn Bundesländern und mit ihnen insgesamt 800 Vereine organisiert. +++

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