Lesung gegen weibliche Genitalverstümmelung in Kenia

Sogar Menschen, für die das Thema weibliche Genitalverstümmelung (kurz FGM) nicht neu war, nahmen nach eigener Aussage von der Lesung „Wüstenblume muss nicht sein – Die Kisii, das Wissen und der Wandel“ neue Erkenntnisse mit nach Hause. „Ich habe mich immer gefragt, wie Frauen ihren Töchtern so etwas antun können. Heute Abend habe ich verstanden, dass sie sich wegen der gesellschaftlichen Strukturen gar nicht wehren konnten“, sagte eine Zuhörerin, die berichtete, vor einigen Jahren als Mitglied einer kirchlichen Frauengruppe schon einmal Unterschriften gegen FGM gesammelt zu haben, dann aber ihr Engagement wegen der scheinbaren Aussichtslosigkeit aufgegeben hätte.

Zu der Lesung eingeladen hatte die Biebertalschule in Hofbieber gemeinsam mit dem Verein “Lebendige Kommunikation“ (LebKom), der sich seit über 15 Jahren in Kenia mit seinem Fulda-Mosocho-Projekt für ein Ende von FGM einsetzt. „Wir wollen Zivilcourage zeigen, indem wir uns mit dem Thema beschäftigen“, sagte Schulleiter Ulrich Dölle. Über die vor allem in Afrika und einigen Teilen Asiens verbreitete Menschenrechtsverletzung hatten Lehrkräfte im Vorfeld mit den Acht- bis Zehntklässlern in den Fächern Politik und Wirtschaft sowie Biologie gesprochen. Per Videobotschaft aus Berlin bedankte sich Bundestagsabgeordneter Michael Brand bei der Schulgemeinde, dass sie nicht wegschaue angesichts des Leids von weltweit 300 Millionen betroffenen Mädchen und Frauen. Er hoffe, dass sich die Schülerinnen und Schüler weiterhin engagieren, beispielsweise  in Form von Praktika bei LebKom, so Brand.

Die Lesung war die 40. innerhalb einer bundesweiten Aktionsreihe, die von ENGAGEMENT GLOBAL im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und dem hessischen Wirtschaftsministerium (HMWEVL) gefördert wird. Für den Landkreis Fulda handelte es sich um die dritte: Bereits im Herbst hatten Veranstaltungen im Hünfelder Stadtcafé und in Großenlüder stattgefunden. Vier Schülerinnen der Lüdertalschule hatten eine Tanzimprovisation zu der Problematik kreiert, die sie nun noch einmal aufführten. Tanzpädagogin Anke Grosch betonte, dass sie es gut finde,  Gewalttätigkeit mit Bewegung und positiver Energie entgegenzutreten. Am Ende tanzten alle Anwesenden unter ihrer Anleitung zu „Spreng die Ketten“ – dem Lied des weltweiten Aktionstages „One Billion Rising“ zur Solidaritätsbekundung für weibliche Opfer von Gewalt. Auch Fulda beteiligte sich daran am 14. Februar auf dem Uniplatz.

LebKom gibt sich nicht damit zufrieden, auf die Menschenrechtsverletzung FGM aufmerksam zu machen, sondern möchte zeigen, wie Entwicklungszusammenarbeit dazu beitragen kann,  den Brauch zu überwinden. Als Beispiel stellte der Verein das Fulda-Mosocho-Projekt vor, das mit Hilfe einer psychosozialen Kommunikationsstrategie zur Gleichstellung von Mann und Frau – dem in Fulda entwickelten „Wert-zentrierten Ansatz“ – beeindruckende Erfolge erzielt hat. Inzwischen ist das Projekt auf zwei Nachbarregionen Mosochos ausgeweitet worden. In den vorgetragenen Texten kamen Menschen aus diesen neuen Gebieten zu Wort.

Der Hofbieberer Bürgermeister Markus Röder las den Erfahrungsbericht eines Vaters vor, der durch Zufall vom Fulda-Mosocho-Projekt erfahren, sich begeistert und seine Tochter vor der Beschneidung gerettet hatte und der sich jetzt aktiv für den Schutz aller Mädchen einsetzt. Wie eine Großmutter zur Rettung ihrer Enkelinnen mutig gegen Konventionen verstieß, wurde im Vortrag von Lehrerin Sylvia Falkenhahn erzählt. Auch Schulsprecher Julian Bech übernahm einen Lesepart. Einen Ausschnitt aus dem Beststeller „Wüstenblume“ von Waris Dirie präsentierte Celina Sommer.

Claudia Wegener von LebKom, die selbst mehrere Jahre lang in Kenia für das Fulda-Mosocho-Projekt tätig gewesen war, trug den Bericht ihrer Kollegin, der langjährigen Anti-FGM-Fachkraft Kerstin Hesse, vor:  Nach dem 2001 erfolgten staatlichen Verbot der weiblichen Beschneidung hätten sich die Menschen „im Spannungsfeld zwischen gesetzlichem Auftrag und kultureller Erwartung befunden“.  Innovativ ausgerichteter Sexualkunde-Unterricht habe geholfen,  eine positive Einstellung zum weiblichen Körper zu entwickeln.  Die Schulungen für die Bevölkerung umfassen zahlreiche weitere Aspekte, beispielsweise  das gleichwertige und gewaltfreie Aufwachsen von Jungen und Mädchen.

„Mir ist bewusst geworden, wie wichtig es ist, die Männer mit ins Boot zu holen“, sagte Zuhörerin Charlotte Scholz am Ende. „Ich finde besonders beeindruckend, mit welcher Freude die Veränderung geschieht“, ergänzte Maria Dege. „Statt der Beschneidung wie früher wird nun die Unversehrtheit der Mädchen mit Musik und Tanz gefeiert.“  +++ sli

[dropshadowbox align="none" effect="raised" width="auto" height="" background_color="#dbeafb" border_width="1" border_color="#dddddd" ]Infokasten: Die Vorlese-Aktion ist Teil des bundesweiten entwicklungspolitischen Projektes „Weibliche Genitalverstümmelung – mehr Engagement für bedrohte Frauen und Mädchen in Afrika! Ehrenamt stärken, Jugend erreichen, Entscheidungsträger bewegen“. Einrichtungen wie Schulen, Kirchengemeinden, Büchereien oder auch Privatpersonen, die gerne eine Lesung ausrichten würden, können sich an LebKom, Tel. 0661 / 64125, E-Mail lebendige-Kommunikation@gmx.de wenden. Weitere Informationen: www.fulda-mosocho-project.com halt ein.[/dropshadowbox]

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