Nach dem parteiinternen Machtkampf um den Vorsitz der FDP setzt der neugewählte Parteichef Wolfgang Kubicki auf demonstrative Gelassenheit. Die öffentliche Auseinandersetzung mit seiner unterlegenen Herausforderin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die sich zuletzt über soziale Medien einen Schlagabtausch lieferten, will er nicht überbewertet wissen. Den von Strack-Zimmermann veröffentlichten „Gummihammer“-Tweet konterte Kubicki am Montag im Nachrichtensender „Welt“ mit Selbstironie. Es sei gar nicht so leicht, mit einem Gummihammer liberale Nägel einzuschlagen, sagte er. Er habe das selbst einmal versucht, „mit einem Gummihammer liberale Nägel einzuschlagen, überhaupt Nägel einzuschlagen“, und sei dabei „gnadenlos gescheitert“.
Auslöser des jüngsten Wortgefechts war ein Satz Kubickis nach seiner Wahl. „Marie-Agnes, Du hast nur 40 Prozent – und jetzt weißt Du, wo der Hammer hängt“, hatte er in Richtung seiner Konkurrentin gesagt. Strack-Zimmermann griff die Formulierung anschließend auf und schrieb bei X, nun wisse sie zwar, wo der Hammer hänge, habe ihn aber vorsichtshalber an sich genommen. Schließlich wolle sie nicht, „dass Du Dir versehentlich weh tust“.
Für Kubicki ist der Schlagabtausch vor allem Ausdruck einer langjährigen politischen Zusammenarbeit. Beide seien „meinungsstarke Persönlichkeiten“ und würden sich „auch gelegentlich wirklich necken, im wahrsten Sinne des Wortes“. Seit 13 Jahren arbeiteten sie gemeinsam in Führungsverantwortung und in den Spitzengremien der Partei. Nach der Wahl habe Strack-Zimmermann ihn darauf hingewiesen, dass 40 Prozent der Mitglieder nun gemeinsam mit ihr ein Auge auf ihn werfen würden. Seine Reaktion sei lediglich gewesen: „Marie-Agnes, 60 Prozent zeigen Dir, wo der Hammer hängt.“ In einer gemeinsamen Präsidiumssitzung am Montagmorgen hätten sie die Episode bereits wieder „nett auseinanderklamüsert“. Beide seien sich einig gewesen, dass eine Fortsetzung der gegenseitigen Sticheleien in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken könnte, zwischen ihnen stimme etwas nicht.
Auch die Deutung des Wahlergebnisses als Richtungsentscheidung innerhalb der FDP weist Kubicki zurück. Die Vorstellung, die 40 Prozent für Strack-Zimmermann stünden geschlossen für einen linksliberalen Kurs und die 60 Prozent für ihn für einen rechtsliberalen, halte er für „ziemlich komisch“. Es sei bemerkenswert, dass ein Wettbewerb in einer demokratischen Partei sofort als Zeichen von Zerrissenheit interpretiert werde. Andernfalls dürfte niemand mehr gegen einen anderen kandidieren. Inhaltlich sehe er kaum Unterschiede zwischen sich und Strack-Zimmermann. Er kenne keinen politischen Punkt, in dem sie unterschiedlicher Auffassung seien. Unterschiede gebe es allenfalls in der Art der Zuspitzung und der öffentlichen Darstellung. Wer behaupte, zwischen ihnen bestünden grundlegende politische Differenzen, solle benennen, in welcher Frage sich ihre Positionen tatsächlich widersprächen.
Strack-Zimmermann wiederum machte deutlich, dass sie auch nach ihrer Niederlage Einfluss auf den künftigen Kurs der Partei nehmen will. Gegenüber dem Nachrichtenportal T-Online sagte sie, jeder Parteivorsitzende brauche motivierte Mitstreiter. Niemand könne einfach seinen eigenen Kurs durchsetzen, sondern sei auf Partner, Kolleginnen und Kollegen sowie Verbündete angewiesen, die Verantwortung übernehmen und kämpfen. Niemand sei allein unterwegs. Zugleich zeigte sie sich überzeugt, dass die Zusammenarbeit mit Kubicki gelingen werde. Dafür müssten beide konstruktiv agieren. Diese Erwartung richte sie an Kubicki, ebenso könne er sie an sie richten. Das schließe allerdings nicht aus, dass es bei Bedarf auch inhaltliche Debatten geben werde. Sie sei kein „Stachel im Fleische“ eines Kollegen, wohl aber im Fleische anderer Parteien und wolle ihren Beitrag dazu leisten, die FDP wieder erfolgreich zu machen.
Mit Blick auf die strategische Ausrichtung der Liberalen äußerte sich die Europaabgeordnete auch zum Umgang mit der AfD und zu Überlegungen, Wähler von den Rechtspopulisten zurückzugewinnen. Sie glaube nicht, dass überzeugte AfD-Wähler durch schrille Töne zurückgewonnen werden könnten. Die Tonlage der AfD sei nicht die der FDP und solle es auch niemals werden. Sie löse Empörung, Angst und Unmut aus.
In einem weiteren Interview schilderte Strack-Zimmermann, wie kurzfristig ihre eigene Kandidatur gegen Kubicki zustande gekommen war. In der ntv-Sendung „Pinar Atalay“ sagte sie, die Entscheidung sei erst zwei Tage vor der Abstimmung gefallen. Eigentlich habe sie gar nicht antreten wollen. Sie sei mit ihrer Arbeit als Europaabgeordnete bereits ausgelastet gewesen. Ausschlaggebend sei gewesen, dass der nordrhein-westfälische FDP-Landeschef Henning Höne, den sie unterstützt habe, auf eine Kandidatur verzichtet habe. Danach habe sie in der Partei zunehmend Enttäuschung darüber wahrgenommen, dass den Mitgliedern keine Wahl gelassen werde. Ein Gedanke habe den nächsten ergeben, bis sie sich schließlich für eine Kandidatur entschieden habe.
Die Entscheidung habe sie bewusst bis kurz vor dem Parteitag zurückgehalten. Die Entwicklung innerhalb der Partei habe ihr das Gefühl gegeben, nun doch eingreifen zu müssen. Zuvor habe sie sogar eine einjährige Doppelspitze mit Kubicki vorgeschlagen. Übergangsweise für ein Jahr gemeinsam an der Parteispitze zu stehen, sei ihre Idee gewesen. Kubicki habe diesen Vorschlag jedoch abgelehnt.
Besonders überrascht zeigte sich Strack-Zimmermann darüber, dass ihre Kandidatur bis zum Parteitag geheim geblieben war. Nach ihren Angaben waren rund 50 Personen eingeweiht. Dass nichts vorab nach außen gedrungen sei, habe sie selbst erstaunt. Zugleich bemühte auch sie sich, den Konflikt zu relativieren. Kubicki sei von ihrer Kandidatur zwar getroffen gewesen, „aber er ist robust“. Sie sei ausgesprochen zuversichtlich, dass die Zusammenarbeit fortgesetzt werde, und betonte, dass sie dies auch wolle. Die Kampfkandidatur habe aus ihrer Sicht vor allem eines gezeigt: „Da ist Demokratie.“ Viele Mitglieder hätten sich eine echte Wahl gewünscht. Im Grunde habe sie jene aufgefangen, die genau das wollten. +++
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