
Mit dem Märchen vom „süßen Brei“ ist beim Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) Fulda vor den Folgen dauerhaft schuldenfinanzierter staatlicher Ausgabenprogramme gewarnt worden. Wie in der Erzählung der Brüder Grimm, in der ein Zaubertopf unaufhörlich Brei produziert und eine ganze Stadt zu überfluten droht, befinde sich Deutschland im Jahr 2026 in einer vergleichbaren Lage. Staatliche Ausgabenprogramme auf Kredit sollten zwar die Wirtschaft ankurbeln, die Rezession überwinden und die Stimmung verbessern. Kurzfristig zeigten sich entsprechende Effekte wie steigende Wachstumszahlen von je nach Prognose über einem Prozent sowie ein belebter Arbeitsmarkt, insbesondere im öffentlichen Dienst. Dieses Wachstum sei jedoch „gekauft“ und beruhe nicht auf Produktivität, Innovation oder unternehmerischer Dynamik.
Ohne eine rechtzeitige Begrenzung der Ausgaben drohten steigende Zinsen, eine weiter wachsende Verschuldung, weniger Spielraum für Investitionen und langfristig hohe Belastungen, vor allem für kommende Generationen. Kritisiert wurde, dass ein erheblicher Teil der Mittel für konsumtive Zwecke wie die Mütterrente oder ausgeweitete Sozialleistungen verwendet werde. Gefordert wurden eine klare Exit-Strategie, die Rückkehr zu solider Haushaltsführung sowie eine Politik, die nicht nur kurzfristige Wohltaten verteile, sondern die langfristige Wettbewerbsfähigkeit sichere. Das Jahr 2026 müsse ein Jahr der Reformen werden, wie auch die Hauptgeschäftsführerin der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Dr. Helena Melnikov, kürzlich betont habe.
Als weitere zentrale Herausforderung wurde die mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland genannt. Eine sich beschleunigende Deindustrialisierung sei spätestens seit den Entwicklungen bei Unternehmen wie Goodyear und Mehler Technologies sichtbar. Die Industrie trage in Deutschland mit über 28 Prozent deutlich stärker zum Bruttoinlandsprodukt bei als in Frankreich mit 19 Prozent, den USA mit 18 Prozent oder Großbritannien mit 17 Prozent. Seit 2019 seien jedoch bereits rund 400.000 Industriearbeitsplätze verloren gegangen. Im Jahr 2025 habe es nahezu 24.000 Insolvenzen gegeben, darunter mehr als 1.600 in der Industrie – so viele wie seit zwölf Jahren nicht mehr.
Die bislang eingeleiteten Reformen wiesen nach Einschätzung der Redner zwar in die richtige Richtung, reichten jedoch bei weitem nicht aus. Gefordert wurden spürbare Senkungen der Unternehmenssteuern sowie der Arbeits- und Energiekosten. Das Tariftreuegesetz und die Erhöhung des Mindestlohns zu Jahresbeginn wurden als falsche Signale zum falschen Zeitpunkt bezeichnet. Zudem müssten die Investitionen in Innovation und Forschung deutlich steigen, um wieder zur Weltspitze aufzuschließen. Platz 19 im aktuellen Weltwettbewerbsranking – hinter Ländern wie Island und Saudi-Arabien – sei zwar eine Verbesserung um fünf Plätze gegenüber 2024, für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt jedoch nicht ausreichend.
Als weiteres Hemmnis wurde die hohe Bürokratiebelastung genannt, die Unternehmer zu viel Zeit mit unproduktiven Tätigkeiten koste. Zwar seien das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und die Entwaldungsverordnung auf Druck der Wirtschaft überarbeitet worden, sie verursachten jedoch weiterhin erheblichen Mehraufwand bei zweifelhafter Zielerreichung. Kritik gab es auch an der Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe in einzelnen Bundesländern wie Bremen und Berlin. Zudem seien die sozialen Sicherungssysteme in ihrer derzeitigen Form nicht länger finanzierbar. Reformen des Sozialstaates, insbesondere bei Rente, Kranken- und Pflegeversicherung, dürften nicht weiter aufgeschoben werden.
Hoffnung machte hingegen die Entwicklung im Gründungsbereich. Im vergangenen Jahr habe es so viele Start-up-Gründungen wie noch nie gegeben. Mehr als 3.500 neue Wachstumsfirmen seien entstanden, darunter 247 in Hessen, das damit bundesweit Platz fünf belege. Getrieben worden sei diese Entwicklung vor allem durch den Boom im Bereich Künstliche Intelligenz, möglicherweise mit dem Potenzial für neue sogenannte Unicorns.
Mit Blick auf die regionale Ebene wurde betont, dass die Situation vielerorts stabiler sei als in anderen Regionen. Dies liege unter anderem an den vielen inhabergeführten mittelständischen Unternehmen sowie an der engen Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Wirtschaft sei der Motor der Region, hieß es. Sie schaffe Arbeitsplätze, sichere Einkommen, bilde aus, investiere in Innovation und trage maßgeblich zur Lebensqualität vor Ort bei, bleibe in ihrer Bedeutung für den Alltag jedoch häufig unsichtbar.
An dieser Stelle setzt die neue Mitmachkampagne „#DahinterStecktWirtschaft“ der IHK Fulda an, die mit dem Jahresempfang gestartet wurde. Ziel ist es, gemeinsam mit den Unternehmen der Region sichtbar zu machen, was Wirtschaft ausmacht: Menschen, Ideen, Verantwortung und Engagement. „Je mehr Unternehmen sich beteiligen, umso stärker wird das gemeinsame Signal“, betonte IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt. Häufig würden nur die Ergebnisse wirtschaftlichen Handelns wahrgenommen, nicht aber die Menschen, Prozesse und die Verantwortung dahinter. Die Kampagne soll dieses Bild erweitern und zeigen, wie vielfältig, sinnstiftend und unverzichtbar Wirtschaft für die Region ist. Unternehmerinnen und Unternehmer können sich mit Foto, persönlichem Slogan und Kurzprofil beteiligen und die Kampagne über eigene digitale und analoge Kanäle verbreiten.
Landrat Bernd Woide (CDU) begrüßte und wünschte auch im Namen der Stadt Fulda den Anwesenden viel Glück und Erfolg für das gerade erst begonnene Jahr 2026. Bezogen auf die geopolitische Lage konstatierte Woide, dass nicht absehbar war, dass man sich um die Sicherheitslage in Grönland oder in anderen Teilen der Welt sorgen müsste. Angriffe auf die öffentliche Infrastruktur und Stromnetze – aber auch die gesamte wirtschaftliche Lage erzeugen ein Gefühl von Unsicherheit. „Und diese Unsicherheit bringt wiederum Unsicherheiten in den Strukturen mit sich und Vertrauensverlust, was zu einer Verdrossenheit mit Strukturen führt.“
„Wir leben nach 1945 über 80 Jahre Frieden in Europa ausgenommen die Ukraine. Wir haben – es liegt noch nicht lange zurück – 75 Jahre Grundgesetz gefeiert. Leben in Frieden und Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit“, sagte Landrat Bernd Woide auf dem Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) Fulda, der am Freitagabend bei den rund 700 Gästen diesbezüglich für etwas mehr Wertschätzung und Dankbarkeit in Vergegenwärtigung unseres Privilegs von Frieden, Freiheit und auch Wohlstand, den Rechtsstatt und die Demokratie warb. Auch wenn es einem der Staat bezogen auf bürokratischen Vorgaben und der Regulatorik nicht immer einfach mache. „Es lohnt sich, für die Demokratie einzustehen. Denn fällt sie weg, haben wir nichts gewonnen.“
Der Landkreis Fulda hat für das laufende Jahr einen Haushalt von über einer halben Milliarde Euro ohne Investitionen eingebracht. „Von 515 Millionen Euro werden 330 Millionen Euro mit Personalaufwendungen für steuerfinanzierte soziale Transferleistungen aufgewandt. Und das im Landkreis Fulda. Und wir sind nicht Duisburg, Berlin-Neukölln, sondern eine Region mit einer doch sehr guten Struktur.“
Und weiter: „Der Staat hat bösen Speck angesetzt und er hat auch mit bestem Wissen und Gewissen soziale Transferleistungen aufgebaut, von denen wir heute sagen, dass das so nicht mehr finanzierbar ist. Ich möchte Sie mit meinen Ausführungen nicht verstimmen, obwohl das auf einem Jahresempfang der IHK gesagt werden darf und auch hierhergehört. Dass, was wir dort aufwenden, muss von Ihnen allen erwirtschaftet werden. Natürlich sind diese 330 Millionen Euro nicht die Zahl, die wir hier in der Region erwirtschaften müssen. Der Anteil dessen, was hier frei erwirtschaftet werden muss und wofür wir keine Bundes- oder Landesmittel bekommen, der ist in den letzten 10 Jahren von 85 Millionen auf 170 Millionen Euro gestiegen.“
Im Rahmen des Jahresempfangs zeichnete die IHK Fulda gemeinsam mit der Stadt und dem Landkreis Fulda zudem Unternehmen mit dem Prädikat „#lichtbewusstsein“ aus. Damit werden Betriebe geehrt, die durch den bewussten Einsatz von Außenbeleuchtung den Schutz der Nacht berücksichtigen und einen Beitrag zur Biodiversität, zur Energieeinsparung sowie zu einem ästhetischen Ortsbild und einer intakten Nachtlandschaft leisten. Mit den aktuellen Verleihungen haben sich insgesamt 33 Unternehmen für das Prädikat qualifiziert. Ausgezeichnet wurden die Papillon GmbH & Co. KG mit dem Ferienresort Wasserkuppe in Gersfeld, die Gedenkstätte Point Alpha in Rasdorf, die Raiffeisen Technik Mitte GmbH in Petersberg sowie die Nurona GmbH in Hofbieber.
Darüber hinaus wurden Prädikate im Rahmen der Initiative „gesund arbeiten in fd“ verliehen. Der Arbeitskreis „Gesundheit und Werte“ besteht seit 2010, das Prädikat wurde von Unternehmerinnen und Unternehmern aus diesem Kreis selbst entwickelt. In der zehnten Prädikatisierungsrunde wurden elf Unternehmen ausgezeichnet, darunter Betriebe aus Fulda und Eichenzell sowie Industrie- und Dienstleistungsunternehmen unterschiedlicher Größe.
Einen weiteren inhaltlichen Akzent setzte der Wirtschaftsfachmann und Leiter der ARD-Finanzredaktion, Markus Gürne. Unter dem Titel „Zeitenwende 2.0 – Europas Rolle in einer veränderten Welt“ sprach er am Freitag, 16. Januar 2026, im Hotel Maritim in Fulda über die wirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen einer sich wandelnden Weltordnung. Gürne machte deutlich, dass sich nicht nur geopolitische Machtverhältnisse verschoben hätten, sondern auch die grundlegenden Rahmenbedingungen für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft neu definiert werden müssten. Die Welt befinde sich in einer Phase tiefgreifender Umbrüche, die weit über kurzfristige Krisen hinausgingen.
Ein zentraler Schwerpunkt seiner Ausführungen lag auf der Rolle Europas in einer zunehmend multipolaren Welt. Europa müsse angesichts globaler Konkurrenz, wirtschaftlicher Verflechtungen und technologischer Umbrüche seine strategische Handlungsfähigkeit stärken. Europäische Staaten dürften sich nicht darauf beschränken, auf internationale Entwicklungen zu reagieren, sondern müssten diese aktiv mitgestalten – politisch wie wirtschaftlich. Zugleich verwies Gürne auf die enge Verknüpfung von Wirtschaftspolitik und Geopolitik. Internationale politische Entscheidungen hätten unmittelbare Auswirkungen auf Unternehmen, Märkte und Investitionen und damit auf den Alltag der Menschen. In Zeiten wachsender Unsicherheiten sei es notwendig, wirtschaftliches und politisches Denken stärker zusammenzuführen.
Darüber hinaus hob Gürne die gemeinsame Verantwortung von Politik und Wirtschaft hervor. Innovation, unternehmerisches Engagement und verlässliche politische Rahmenbedingungen müssten zusammenspielen, um Europa langfristig zukunftsfähig zu machen. Dies sei keine Aufgabe ausschließlich für Krisenzeiten, sondern erfordere eine dauerhafte strategische Ausrichtung. Mit Blick auf die Region betonte er, dass auch lokale und regionale Unternehmen Teil dieser „Zeitenwende 2.0“ seien und sich in einem veränderten internationalen Umfeld behaupten müssten. Netzwerke, Wissenstransfer und eine enge Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft seien dabei entscheidend.
Abschließend wurde darauf verwiesen, dass heute so klar wie nie sei, welche Maßnahmen für einen wirtschaftlichen Aufschwung notwendig wären. Als erster und kostenfreier Schritt wurde die Einführung der Gesellschaft mit gebundenem Vermögen als zusätzliche Rechtsform genannt, wie sie im Koalitionsvertrag vorgesehen ist. Wenn im Jahr 2026 die richtigen Weichen gestellt und Maß und Mitte gewahrt würden, könne der „süße Brei“ die nötige Kraft geben, um die vorhandenen Potenziale zu entfalten. Die IHK Fulda sowie die gesamte IHK-Organisation kündigten an, auch weiterhin als ordnungspolitische Stimme zur Verfügung zu stehen.
Namentlich hervorgehoben vonseiten des IHK-Präsidenten Dr. Christian Gebhardt wurden eingangs u.a. Regierungspräsident Mark Weinmeister, Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld (CDU), Landrat Bernd Woide (CDU), Wahlkreisabgeordneter Michael Brand MdL sowie Landtagsabgeordneter Sebastian Müller MdL. +++ nh/ja

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