Als ob sie nicht längst als Schauplatz legendärer Sportveranstaltungen bekannt wäre, an diesem Abend aber fügte sie eine Episode hinzu. Gemeint ist natürlich die Rhönkampfbahn. 1.000 Zuschauer verliehen dem 2:1-Sieg des Hünfelder SV in der Hessenliga gegen den Spitzenreiter, die U21 des Bundesligisten Eintracht Frankfurt, einen speziellen Rahmen. Früher hätte man über die Zuschauerzahl die Schultern gezuckt und gelächelt, heute muss man darum kämpfen. Viele der Besucher waren Eintracht-Fans, und die Zusammenarbeit des Gastgebers mit der WEMAG, die einen Eintracht-Shop vertritt, tat ein Übriges bei zum bunten Treiben an diesem Abend. Zudem gingen die Idee und das Ansinnen des Hünfelder SV, die Veranstaltung zu einem Fußballfest werden zu lassen, voll auf. Er berührte das Fußball-Herz.
Sportlich gesehen, machten die Fußballer des HSV einen tollen Job. Einen, der begeisterte. In den Anfangsminuten presste Hünfeld früh und hoch – als ob das Team seinem Kontrahenten zeigen wollte: nicht mit uns heute, wir sind hellwach. Natürlich befand sich die Eintracht meist in Hünfelds Spielhälfte – der Gastgeber aber verengte geschickt die Räume, überlagerte, so wie es sich Trainer Johannes Helmke gewünscht hatte, das Zentrum. Auch wenn sich der HSV dort, im Abwehrzentrum und in letzter Linie, bisweilen riskant verhielt, indem er gegen Frankfurts schnelle Spieler Eins-gegen-eins oder Zwei-gegen-zwei spielte.
Kaum war die Anfangsphase vorüber, verwunderte es nicht, dass Hünfeld Richtung gegnerisches Tor gefährlicher wirkte als die Eintracht, die kaum Lücken fand und zu langsam spielte. Nach Zölls Freistoß aus dem Halbfeld war Gäste-Keeper Siljevic zur Stelle (7.), und war die Eintracht erneut präsent, nachdem der stark verbesserte Kassa erst trickreich war und dann auf Fröhlich im Strafraum legte (12.). Weitaus besser fühlte es sich an, als sich Kassa links auf engem Raum durchsetzte, in den Strafraum zog – aber am langen Eck vorbeitraf (15.). Bis, ja bis der HSV kurz danach in Führung ging. Leon Zöll, der auf seinen Ex-Verein aus Jugendzeiten traf, spielte über seine linke Seite einen langen Ball – und Rechtsverteidiger Mark Zentgraf schloss zum 1:0 ab. Auch durch Zentgraf ging offenbar ein Ruck: aggressiver und entschlossener spielte der ehemalige Horaser – und er belohnte sich mit dem Führungstreffer.
Der Vergleich war von der ersten Sekunde an heiß umkämpft, schnell und intensiv. Ein Klasse-Spiel. Auch die gefürchteten Eckbälle des Kontrahenten verteidigte Hünfeld gut. Für den furiosen und teilweise wie aufgedrehten HSV ergaben sich weitere Möglichkeiten bis zur Pause. Etwa, als „Jemo“ Kassa und Luca Uth nach einer halben Stunde gut auf engem Raum zusammen spielten, Kassas Schuss im Strafraum aber geblockt wurde und auch Fröhlichs Nachschuss zu zentral kam, Trägler nach Uths Flanke ins Tor traf, aber im Abseits stand (35.) – oder als der immer stärker werdende Uth nach Kombination mit Trägler mit rechts (!) abzog, Jeremiaha Maluze seinen Schuss aber von der Torlinie holte (38.). Obwohl die Eintracht im ersten Durchgang nicht gut spielte, hätte auch sie treffen können: Eine Eingabe des zunächst starken Eba Bekir Is klärte Gadermann per Kopf (31.), bestrafte Ochojski Hünfelds schlechte Restverteidigung nach einer Ecke nicht und vergab, als er allein aufs Tor zustrebte (40.) – oder hätte Yildirims sehenswerter Direkt- und Distanzschuss sitzen können (41.).
Der HSV führte zur Pause vollauf verdient wegen seines Engagements mit Herz, die Augen schienen bei jedem Spieler zu leuchten – die Eintracht aber musste einiges ändern im zweiten Abschnitt: schneller spielen, direkter, mit mehr Zug zum Tor, verstärkt auf Zweite Bälle gehen und das Spieltempo hochhalten und einen Zahn zulegen. Und das tat sie auch.
Binnen drei Minuten hatte sie anfangs der zweiten Hälfte gleich drei gute Chancen, die durchaus zum Ausgleich hätten führen können. Zentgraf legte einem Gästespieler ungewollt den Abschluss auf (47.), Sonnenwald traf aus Nahdistanz nicht (48.), Marvin Dills spielte einen Konter schlecht aus – und Kamashiro zielte am langen Eck vorbei (50.). Für kurze Zeit schien es, als würde der HSV im Angriffswirbel der Eintracht, die zur Pause dreimal gewechselt hatte, untergehen. Hünfeld bot vor allem im Zentrum zu viel Platz und Lücken. Doch der Gastgeber fing sich wieder und befreite sich.
Fröhlichs scharfe Eingabe blieb ungenutzt (55.), dem für Kassa eingewechselten Lindemann versprang nach einer Pressing-Situation und dem Geschenk eines Eintracht-Spielers der Ball (72.) – und als der sehr aktive Trägler dem ebenso ins Spiel gekommenen Vogler bediente, rettete Gästekeeper Siljevic im Nachfassen (74.). Ehe der HSV zum 2:0 traf, musste er noch einmal etwas bangen: Maluze durfte die Kugel treiben, passte in den rechten Halbraum, eine Flanke folgte – und der zur Pause gekommene Torjäger Starodid köpfte drüber (80.).
Sekunden später aber rasteten viele in der Rhönkampfbahn aus: Uth trat einen gefährlichen Freistoß aus dem Halbfeld, die Eintracht wehrte ab – und Vogler verwertete den Zweiten Ball aus eher spitzem Winkel direkt. 2:0 für den HSV – es gab nicht eben viele, die das gedacht hätten. Der Gast steckte nicht auf und kam durch Nico Ochojski, der eine Flanke am zweiten Pfosten direkt nahm und sein Schuss noch abgefälscht wurde, zum Anschluss.
Die letzten Sequenzen dieses rasanten Duells fühlten sich so an. Es herrschte Spannung bis zum Geht-nicht-mehr in der Rhönkampfbahn. Alle schrien. Alle. Ganz Hünfeld sehnte das Ende herbei. Die Eintracht wollte noch den Ausgleich. Thore Hütsch sollte noch eingewechselt werden – doch es kam nicht mehr dazu. Der Rest war Jubel. Grenzenloser Jubel. Jedenfalls, wenn man es mit dem HSV hielt. Der hatte Frankfurts U21 die zweite Saisonniederlage zugefügt. Und sich vorübergehend bis auf Platz vier vorgeschoben. Wichtiger aber noch: Das Siegerteam bestätigte den starken Eindruck des laufenden Jahres.
Es gibt Spiele, da ist die Leistung Einzelner schwierig einzuordnen. Über die Maßen stark beim HSV aber die Innenverteidigung mit Marcel Dücker und Aaron Gadermann. Sie räumten alles ab, verteidigten mit Leidenschaft alles weg, hielten Kopf und Füße hin, wo es nur ging. „Dücki“ betonte: „Heute war der beste Mann die Mannschaft. Man kann keinen rausnehmen, der überragt hat. Jeder hat 110 Prozent gegeben.“ In Vorbereitung auf dieses Duell habe man beim HSV die Standards thematisiert, man wollte selbst über Umschaltmomente kommen und die nutzen. Eines war ihm noch wichtig: „Wie sind in der Winterpause nochmal extrem zusammengerückt. Das ist momentan unser Prunkstück.“
Aussagen an einem Abend, der in Erinnerung bleiben und in die Vereinsgeschichte des Hünfelder SV eingehen wird. Und vielleicht wird die Rhönkampfbahn wegen ihrer legendären Momente noch einmal umgetauft.
Hünfelder SV: Maul – Zentgraf, Dücker, Gadermann, Zöll – Kemmerzell (88. Häuser), Uth – Paliatka (57. Vogler), Kassa (71. Lindemann), Fröhlich (90.+3 Kümmel) – Trägler
Eintracht Frankfurt U21: Siljevic – Spahn, Is, Sonnenwald (63. Doumbia, 72. Hanashiro), Bauer (46. Starodid), Yildirim (46. Wünsch), Kosugi, Etse (46. Dills), Ochojski, Maluze, Kumashiro
Schiedsrichter: Gahis Safi
Zuschauer: 1.000
Tore: 1:0 Mark Zentgraf (19.), 2:0 Max Vogler (81.), 2:1 Nico Ochojski (89.) +++ rl
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