Gemeinsam stark: Wie das Handwerk im Main-Kinzig-Kreis um seine Zukunft ringt

Alexander Baumann, Geschäftsführer von Jobcluster Deutschland, referiert über digitale Recruiting-Technologien. Foto: privat

Es ist ein Treffen, das nach innen wirkt – und nach außen strahlen soll. Im Landgasthof „Zur Quelle“ in Wächtersbach-Aufenau versammelt sich die Kreishandwerkerschaft Gelnhausen-Schlüchtern zu ihrer Jahreshauptversammlung. Was nach Routine klingt, ist in Wahrheit ein Seismograf für die Lage des Handwerks in der Region: zwischen Zuversicht, strukturellem Wandel und dem permanenten Ringen um Nachwuchs.

Die Atmosphäre ist konzentriert, aber offen. Vertreter aus Innungen, Gewerken und Partnerorganisationen nutzen die Gelegenheit zum Austausch, zur Netzwerkpflege – und zur Standortbestimmung. Es geht um nicht weniger als die Zukunft eines Wirtschaftszweigs, der im Main-Kinzig-Kreis traditionell stark verwurzelt ist.

Kreishandwerksmeisterin Esther Hummel eröffnet die Versammlung mit einem klaren Appell. Geschlossenheit sei entscheidend, sagt sie – nicht nur intern, sondern vor allem im Außenbild. „Es ist wichtig, dass die Kreishandwerkerschaft Gelnhausen-Schlüchtern ein geschlossenes Bild des Handwerks nach außen abgibt. Wir sind respektvoll, verlässlich und halten zusammen.“ Es ist ein Satz, der wie ein Leitmotiv über dem Abend steht.

Dann der Blick auf die Zahlen – und der fällt überraschend positiv aus. Joachim Wagner, Vizepräsident der Handwerkskammer Wiesbaden, zeichnet ein Bild, das sich vom bundesweiten Trend abhebt. Während andernorts das Baugewerbe schwächelt und Ausbildungszahlen sinken, zeigt sich der Main-Kinzig-Kreis stabiler. Mehr Lehrstellen konnten besetzt werden, die Branche wirkt widerstandsfähiger als in vielen anderen Regionen.

Doch Wagner wäre kein Funktionär, würde er es bei der Bestandsaufnahme belassen. Sein Fokus liegt auf Effizienz und Zusammenarbeit. Die Kreishandwerkerschaften müssten enger kooperieren, fordert er – insbesondere in der Verwaltung. Kosten sparen, Synergien nutzen, Prozesse optimieren. Auch der Datenaustausch könne helfen, etwa um Ausbildungskosten gerechter zu verteilen. Ein Punkt, der vielen Betrieben unter den Nägeln brennt: Wer ausbildet, soll stärker entlastet werden.

Die Diskussion verlagert sich anschließend auf ein Thema, das das Handwerk seit Jahren umtreibt: Fachkräfte. Oder genauer gesagt: deren Mangel. Hier setzt ein moderner Ansatz an, vorgestellt von Jobcluster Deutschland. Die Idee: ein gemeinsames Karriereportal für die Mitgliedsbetriebe, kombiniert mit digital optimierten Stellenanzeigen und einem sogenannten „One-Click-Recruiter“.

Was technisch klingt, soll vor allem eines sein – einfach. Vorformulierte Anzeigen, einheitliches Design, individuelle Anpassung durch eigene Bilder. Und vor allem: jederzeit abrufbar. Selbst am Sonntagabend, kurz vor dem Tatort oder dem nächsten Netflix-Stream, könne ein Handwerksmeister noch schnell eine Stelle veröffentlichen. Ein KI-Video, das genau dieses Szenario zeigt, sorgt im Saal für Aufmerksamkeit – und für ein Schmunzeln.

Doch die Skepsis bleibt. Aus der Runde kommt eine Frage, die so bodenständig ist wie das Handwerk selbst: Wie treffsicher ist dieses System? Gibt es Garantien? Die Antwort von Geschäftsführer Alexander Baumann ist ehrlich – und vielleicht gerade deshalb überzeugend. Garantien gebe es nicht. Aber: mehr Sichtbarkeit bedeute mehr Reichweite, und mehr Reichweite erhöhe die Wahrscheinlichkeit von Bewerbungen erheblich.

Es ist diese Mischung aus Pragmatismus und vorsichtigem Optimismus, die den weiteren Verlauf prägt. Anett Kuykendall, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, berichtet von konkreten Entwicklungen. Die Fusion der Innungen für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik aus Hanau und Gelnhausen-Schlüchtern ist umgesetzt – ein Schritt, der Synergien schaffen soll. Auch sie bestätigt den positiven Trend bei den Ausbildungszahlen: ein Plus von 0,8 Prozent.

Darüber hinaus stellt sie Projekte vor, die zeigen, dass das Handwerk längst nicht mehr nur traditionell denkt. „StepUp Handwerk“, ein Programm in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung, setzt auf ein Mentorenmodell, um Weiterbildung praxisnah zu stärken. Wissen weitergeben, Erfahrung sichern – ein klassischer Ansatz, neu gedacht.

Der Blick richtet sich auch nach vorn. Auf den Hessentag in Fulda etwa, der im Juni stattfinden wird. Kuykendall formuliert einen Wunsch, der zugleich als Einladung verstanden werden kann: eine eigene Präsenz der Kreishandwerkerschaft vor Ort. Sichtbarkeit, wieder einmal.

Zum Abschluss wird es politisch. Es geht um Geld – genauer gesagt um das Investitionsprogramm für Schulen im Main-Kinzig-Kreis. Wer bekommt die Aufträge? Wer profitiert? Stefan Jökel, Obermeister der Bauhandwerks-Innung, findet klare Worte: Regionale Betriebe müssten nicht nur berücksichtigt werden, sie müssten sich auch aktiv einbringen, sich bewerben, sichtbar sein.

Die Forderung nach einer stärkeren lokalen Vergabe zieht sich durch die Diskussion. Mehrere Handwerksmeister sprechen sich dafür aus, regionale Unternehmen bei öffentlichen Aufträgen stärker zu berücksichtigen. Auch von politischer Seite wird eine lokale Vergabequote ins Spiel gebracht – als Mittel für fairen Wettbewerb und echte Tariftreue. Denn genau die, so der Tenor, werde oft unterlaufen, wenn externe Unternehmen mit Subunternehmern arbeiten.

Am Ende bleibt das Bild einer Branche im Wandel. Selbstbewusst, aber nicht selbstzufrieden. Verwurzelt in der Region, aber offen für neue Wege. Die Jahreshauptversammlung in Wächtersbach-Aufenau zeigt: Das Handwerk im Main-Kinzig-Kreis ist bereit, sich zu verändern – ohne seine Identität aufzugeben. +++


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